Aids-Konferenz

"Wir brauchen einfach noch mehr Mittel"

12.07.2004
, 18:18
Proteste vor der Aids-Konferenz
"Access for All" - dieses Motto der Aids-Konferenz in Bangkok möchte Helene Gayle auch als neue Präsidentin der "International Aids Society" umsetzen. Im F.A.Z.-Interview spricht Gayle über die Ziele der Konferenz.
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Am Freitag ist es soweit: Helene Gayle folgt Joep Lange nach und wird neue Präsidentin der "International Aids Society", die die Aids-Konferenzen ausrichtet. Sie sitzt im Vorstand des "Global Fund to Fight Aids, Tuberculosis and Malaria" und ist die Direktorin der "Bill & Melinda Gates Foundation".

Erstmals sollten in Bangkok auch eine Reihe von Staats- und Regierungschefs an einer Aids-Konferenz teilnehmen. Die meisten aber haben kurzfristig abgesagt. Sind Sie enttäuscht?

Nein. Natürlich hätten wir es vorgezogen, wenn alle, die wir eingeladen hatten, auch gekommen wären. Aber es war ja auch das erste Mal, daß wir das sogenannte Leadership Program einbezogen haben. Und wir sind sehr froh, daß wir Entscheidungsträger aus allen Teilen der Gesellschaft begrüßen können: Politiker, Wissenschaftler, Künstler, aber auch Gruppenleiter von Aids-Projekten. Es geht uns nicht nur um ranghohe Politiker. Ich gehe aber fest davon aus, daß zu den nächsten beiden Konferenzen noch mehr Politiker kommen werden, um ihr Engagement zu zeigen.

Helene Gayle
Helene Gayle Bild: IAS

Was ist das Hauptthema dieser Konferenz und was sollte in Bangkok erreicht werden?

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Der Schwerpunkt liegt klar auf "Access for All" - Zugang für alle. Viele meinen vielleicht, damit sei nur der Zugang zu einer Aids-Behandlung gemeint. Aber die Botschaft von Bangkok ist: Der Ansatz ist viel umfassender, wenn es um den Kampf gegen Aids geht. Zugang zu Prävention, Zugang zu einer Therapie mit Pflege und der dazugehörenden Unterstützung von allen Seiten. Das müssen wir erreichen - bei der Prävention genauso wie bei der Behandlung der Krankheit. Ich verspreche mir von der Konferenz, daß wir mehr erfahren über die Strategien, die sich bewährt haben, und ich erwarte noch größeres Engagement. Wir brauchen einfach mehr Mittel, wir müssen mehr erfahren, vor allem über neueste Forschungen, über Studien, die schon abgeschlossen wurden, aber auch über Studien, die uns noch mehr Aufschluß über die Epidemie geben können.

"Zugang für alle" ist das Motto der Konferenz. Die Delegierten aber, egal ob aus einem reichen oder armen Land, müssen 800 Dollar zahlen.

Das ist tatsächlich sogar weniger Geld als die vergangenen Konferenzen gekostet haben. Die Konferenzen sind einfach sehr teuer. Und dieses Mal wurde eine ganze Menge getan, um die Teilnahme zu erleichtern. So findet die Konferenz zwar am Rande Bangkoks statt, und der Weg aus der Stadt ist weit. Aber der Tagungsort hier draußen in Nonthaburi ist viel besser geeignet. Allein der Transport der Delegierten mit Pendel-Bussen hat die Kosten erheblich in die Höhe getrieben. Wenn man zudem weiß, daß Bangkok 50 Dollar weniger kostet als die letzte Konferenz in Barcelona gekostet hat, dann finde ich das bei dem Dollarkurs schon bemerkenswert. Trotzdem müssen wir natürlich versuchen, die Konferenzen erschwinglich zu halten. Darum haben wir auch 3.000 Delegierte finanziell gefördert und ihnen die Kosten erlassen.

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Die Zahl der Neuinfektionen steigt in Ländern Westeuropas und Nordamerikas. Konzentrieren sich die Hilfsorganisationen zu sehr auf die Therapie der Krankheit und auf eine möglichst preiswerte Behandlung vor allem in Afrika und anderen besonders stark betroffenen Regionen?

Darum müssen wir ja einen umfassenderen Ansatz bei unserer Arbeit haben. Gerade in westlichen Staaten wurde der Schwerpunkt vielleicht zu stark auf die Behandlung gelegt, und dabei wurden die Themen Aufklärung und Prävention vernachlässigt. Das belegen einige Studien. Wir müssen uns also auf beides konzentrieren.

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Warum ist es für Organisationen wie den Global Fund so schwierig, private Geldgeber zu finden. Schadet das Thema Aids noch immer dem Image eines Unternehmens?

Manche Unternehmen glauben das wohl. Allerdings gibt es gerade bei dieser Konferenz großzügige finanzielle Unterstützung von privater Seite. Es gibt durchaus mehr Verantwortung auch von Seiten der Wirtschaft. Ein Beispiel ist die "Global Business Coalition on HIV/Aids" mit Sitz in New York. Sie begann vor sieben Jahren mit vierzehn Mitgliedern, nun sind weit mehr als 120 große Unternehmen an der Organisation beteiligt, Unternehmen, die willens sind, sich für den Kampf gegen Aids einzusetzen. Doch natürlich muß mehr geschehen. Gerade weil dem Thema Aids noch ein Stigma anhaftet.

Regierungen geben das meiste Geld an Hilfsorganisationen. Versuchen sie, Bedingungen daran zu knüpfen oder den Entscheidungsprozeß etwa beim Global Fund, wer welches Geld bekommt, zu beeinflussen?

Das ist doch ganz normal für eine Regierung, die sich verantwortlich fühlt, für ihr Volk, für den Staat, für die eigene Administration. Am Tisch des Global-Fund-Vorstands haben die meisten aber verstanden, daß unser wichtigstes Ziel ist, etwas zu erreichen. Nur selten stören uns dabei die spezifischen Prioritäten eines Landes. Die meisten haben akzeptiert, daß wir in dieser Zeit nationale Interessen beiseite lassen müssen und nichts anderes zu tun haben, als uns zu bemühen, daß der Global Fund als eine geschlossene Gruppe von Geldgebern auftritt.

Sie sind die Direktorin der "Bill & Melinda Gates Foundation". Haben Sie dem Global Fund gesagt, wie er die 100 Millionen Dollar einsetzen soll, die die Foundation gespendet hat, oder wissen Sie etwa, was aus dem Geld geworden ist?

Nein, genauso wie alle anderen Geldgeber kennzeichnen wir nicht unsere Geldscheine. Das ist das schöne am Global Fund, daß das Geld, das die Organisation zur Verfügung gestellt bekommt, in einen großen Topf wandert und niemand irgendwelche Bedingungen daran knüpft, wie es eingesetzt wird. Davon profitieren die, die es am nötigsten haben, denn dahin geht das Geld. Wir vom Global Fund kümmern uns einzig darum, wie die Arbeit der Organisation verbessert werden kann.

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In zwei Jahren werden Sie die Gastgeberin der nächsten Konferenz in Toronto sein. Was, glauben Sie, kann bis dahin erreicht werden?

Wir erreichen einige unserer Ziele schon, trotzdem müssen wir noch einen sehr langen Weg gehen. Wenn man sich vorstellt, wie lange die Weltgemeinschaft schon Erfahrungen mit Prävention und Aufklärung sammeln konnte, dann ist es erschreckend, daß nur jeder fünfte, der sich mit dem HI-Virus anstecken könnte, Zugang zu Präventions- und Aufklärungsmaßnahmen hat. Und nur sieben Prozent der Aids-Kranken haben im Moment Zugang zu einer antiretroviralen Therapie. Wir haben klare Vorgaben, was in den nächsten zwei Jahren erreicht werden soll, und ich hoffe, wir können die Zahlen deutlich erhöhen, sowohl bei der Prävention als auch bei der Aids-Therapie. Ich hoffe auch, daß die Forschung weiterkommt. Wir werden keinen Impfstoff haben, das ist klar, aber wir sollten verstärkt nach einem Impfstoff suchen. Und es gibt eine Vielzahl anderer Studien zum Thema Prävention. Ich denke da nur an die Arbeiten über Diaphragmas für Frauen oder den oralen Einsatz von antiretroviralen Medikamenten - beides zur Vorbeugung. Einige Ergebnisse werden sicherlich vorliegen oder so gut wie abgeschlossen sein. Hoffentlich werden wir zudem noch bessere, noch preiswertere Medikamente und Labortests haben. Und hoffentlich können wir bis dahin mit all unseren Anstrengungen noch mehr Menschen erreichen. Mit einem Satz: Ich hoffe, wir werden weiter auf unserem Weg zu "Access for All" sein.

Helene Gayle folgt am Freitag Joep Lange nach und wird neue Präsidentin der "International Aids Society", die die Aids-Konferenzen ausrichtet. Sie sitzt im Vorstand des "Global Fund to Fight Aids, Tuberculosis and Malaria" und ist die Direktorin der "Bill & Melinda Gates Foundation".

Die Fragen stellte Peter-Philipp Schmitt

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.07.2004, Nr. 160 / Seite 7
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