Welt-Aidstag 2012

Die wiederentdeckte Geißel

Von Peter-Philipp Schmitt, Kuala Lumpur
30.11.2012
, 14:17
Gegen die Kriminalisierung: Tuberkulose-Patienten demonstrieren in Kiew für mehr Respekt und eine bessere Behandlung.
Tuberkulose war eine vergessene Seuche. Inzwischen ist sie die häufigste Todesursache bei Aids. 2013 könnten nun erstmals neue Medikamente auf den Markt kommen.
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Es begann mit Magen-Darm-Krämpfen – tagelang. Und die Schmerzen wurden immer schlimmer. Natalie Skipper schleppte sich von einem Arzt zum anderen. Der eine tippte auf Morbus Crohn, ein anderer auf Colitis ulcerosa. Drei Monate lang ließ sie die Behandlungen über sich ergehen. Doch die Symptome der einen wie der anderen vermeintlich chronisch-entzündlichen Darmerkrankung wurden nicht besser. Zusätzlich litt die junge Amerikanerin aus der Kleinstadt Paris in Tennessee auch unter Fieber, Kopf- und Brustschmerzen. Ein Röntgenbild der Lunge deutete auf eine Lungenentzündung hin, die eigentlich leicht zu behandeln sein müsste. Aber wieder vergingen Wochen, und die Dreißigjährige wurde nicht gesund. Nach einem halben Jahr stellten ihre Ärzte schließlich die richtige Diagnose: Tuberkulose.

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„Ich konnte es einfach nicht fassen“, erzählt Natalie Skipper. Jeder Kontakt mit ihr war hochgefährlich, jedes Mal, wenn sie husten musste, verbreitete sie die Erreger in der Luft. „Ich musste eine Gesichtsmaske tragen und fühlte mich wie von der Außenwelt abgetrennt. Niemand will mehr in deiner Nähe sein. Alle starren dich an, man fühlt sich dreckig.“ Die Ärzte isolierten sie zunächst für zwei Wochen und gaben ihr die übliche Kombination der vier gängigsten Antibiotika: Isoniazid, Rifampicin, Ethambutol, Pyrazinamid. Aus den zwei Wochen Isolation wurden vier, dann stellte sich heraus, dass keines der Medikamente wirkte. Natalie hatte sich in Südafrika eine multiresistenten Tuberkulose (MDR-TB) eingefangen.

Der lebende Beweis für Tuberkulose

Zwei Jahre lang dauerte schließlich ihre Behandlung mit einer Vielzahl von Medikamenten, deren Nebenwirkungen ihr das Leben zur Qual machten. Drei Monate durfte sie mit keinem anderen Menschen näheren Kontakt haben. Heute ist sie dankbar, noch am Leben zu sein. „Ich hatte großes Glück. Es gab Momente, da war nicht klar, ob ich überleben würde.“ Natalie Skipper, die immer noch schwach wirkt, erzählt in einem Video für die Allianz gegen TB („TB Alliance“) auch, dass sie froh ist, für viele andere über die Krankheit sprechen zu können. „Ich bin der lebende Beweis, dass es Tuberkulose noch gibt.“ Und dass das, was Menschen in Afrika tagtäglich passieren kann, auch uns betrifft. Heute dürfe man eine Krankheit nicht ignorieren, nur weil sie vermeintlich außerhalb der eigenen Landesgrenzen wüte.

Der Fall Natalie Skipper, der vor wenigen Tagen auch auf der internationalen Konferenz der Union gegen Tuberkulose und Lungenkrankheiten („The Union“) in Kuala Lumpur beispielhaft geschildert wurde, ist bei weitem kein Einzelfall. Bis zu zwei Milliarden Menschen leben beschwerdefrei mit dem „Mykobacterium tuberculosis“ in ihrem Körper, ohne infektiös zu sein. Tuberkulose bricht nur bei fünf bis zehn Prozent der Infizierten aus, meist wenn das Immunsystem besonders geschwächt ist. Die sogenannte Schwindsucht zählte schon seit Mitte des 20. Jahrhunderts nicht nur zu den heilbaren Krankheiten, sie war auch eine der medizinisch fast vergessenen Seuchen. Dabei grassierte sie in vielen Regionen der Welt weiter, allerdings überwiegend bei den ganz Armen irgendwo in Ländern der Dritten Welt.

Nachdem Robert Koch vor 130 Jahren das Tuberkulose-Bakterium entdeckt und beschrieben hatte, wurde vor 90 Jahren die erste und einzige Schutzimpfung entwickelt – allgemein bekannt als Bacille Calmette-Guérin (BCG). Geimpft wird in Deutschland heute niemand mehr mit dem Impfstoff. Aufgrund seiner unzureichenden Wirksamkeit ist er schon seit 1998 nicht mehr verfügbar. Die ersten wirksamen Antibiotika gegen Tuberkulose wurden in den vierziger Jahren, die letzten in den sechziger Jahren entwickelt. Danach stellte die Pharmaindustrie ihre Forschung gegen die Infektionskrankheit, nach ihrem Entdecker auch „Morbus Koch“ genannt, ein.

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Seit den Sechzigern keine neuen Medikamente

In den Achtzigern traten dann erstmals Fälle von MDR-TB auf – und schon bald nicht mehr nur in Entwicklungsländern. Zudem wurde Tuberkulose ein ständiger und tödlicher Begleiter einer weiteren Menschheitsgeißel: von Aids. Inzwischen zählt Tuberkulose zu den Haupttodesursachen von HIV-Infizierten. Etwa jeder sechste Aids-Kranke stirbt an der Lungeninfektion. Insgesamt gab es 2011 knapp neun Millionen neue TB-Fälle und 1,4 Millionen TB-Tote – besonders im Süden Afrikas, aber auch in anderen Regionen der Welt wie China und Osteuropa. Tuberkulose zählt zu den drei häufigsten Todesursachen von Frauen im Alter von 15 bis 49 Jahren.

Tuberkulose ist eine der häufigsten Ko-Infektionen von Aids. Auch darauf will diese Frau in Kiew vor der Aids-Schleife aufmerksam machen.
Tuberkulose ist eine der häufigsten Ko-Infektionen von Aids. Auch darauf will diese Frau in Kiew vor der Aids-Schleife aufmerksam machen. Bild: dapd

„Solange sich das HI-Virus weiterhin ungehindert ausbreiten kann, bleibt die Tuberkulose eine tödliche Bedrohung“, sagt Ann M. Ginsberg von Aeras, einer gemeinnützigen Organisation aus Rockville im amerikanischen Bundesstaat Maryland, die sich der Entwicklung neuer Tuberkulose-Impfstoffe und -Medikamente verschrieben hat. Gerade in Ländern, die noch immer die Hauptrisikogruppen für eine HIV-Infektion kriminalisieren und Aids-Patienten eine Behandlung vorenthalten, breitet sich der Aids-Erreger massiv aus. Besonders dramatisch ist die Lage in Osteuropa und Zentralasien: Laut UN-Aids stieg die Zahl der Menschen mit HIV dort zwischen 2001 und 2011 von rund 970.000 auf 1,4 Millionen. Fachleute gehen von noch mehr Fällen aus. In Russland hat sich die Zahl in den vergangenen fünf Jahren nach offiziellen Angaben fast verdoppelt – von 370.000 auf nun 703.000. In diesem Jahr ist die Zahl im Vergleich zum Vorjahr bereits um fünf Prozent gestiegen, wie der Leiter des Anti-Aids-Zentrums, Wadim Pokrowski, diese Woche über die Agentur Interfax mitteilte.

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Doppelt so viele HIV-Neuinfektionen in Russland

Im Reich Wladimir Putins, das zu den 22 Ländern mit den meisten Tuberkulosefällen gehört, infizieren sich vor allem Rauschgiftabhängige mit der Immunschwächekrankheit Aids, weil sie beim Drogenkonsum verunreinigte Nadeln verwenden. Später stecken sie sich dann auch mit TB an. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gehören zu weiteren Hauptbetroffenen des Lungenleidens in Russland Obdachlose, Arbeitslose, Einwanderer und Alkoholabhängige. Von MDR-TB-Fällen werden gleich 27 Länder besonders heimgesucht, darunter auch Staaten der Europäischen Union wie Bulgarien, Estland, Lettland und Litauen, darüber hinaus Weißrussland und die Ukraine. Zu Ausbrüchen kommt es selbst in westeuropäischen Staaten. Großbritannien etwa verzeichnet jährlich mehr als 9000 Fälle, London gilt gar als „Tuberkulose-Hauptstadt Westeuropas“. Besonders alarmierend sind die zunehmenden Meldungen über Multiresistenzen, die sich ergeben, weil Patienten die Medikamente nicht lange genug einnehmen.

Fälle von MDR-TB-sind durchaus auch aus Deutschland bekannt. So wurde 2008 bei einem Siebzehnjährigen im Kreis Minden-Lübbecke eine mehrfachresistente Lungentuberkulose diagnostiziert. Der Mann hatte sich in Portugal infiziert und mehrere andere Personen in seinem Umfeld angesteckt: unter ihnen einen Arbeitskollegen, seinen Stiefvater und seine Mutter. Insgesamt aber geht die Zahl der Tuberkulosefälle in Deutschland eher zurück – von mehr als 7500 im Jahr 2001 auf rund 4300 im vergangenen Jahr.

Die Erreger der Tuberkulose, Mycobacterium tuberculosis, hier unter dem Elektronenmikroskop, werden zunehmend resistent gegen die gängigen Medikamente.
Die Erreger der Tuberkulose, Mycobacterium tuberculosis, hier unter dem Elektronenmikroskop, werden zunehmend resistent gegen die gängigen Medikamente. Bild: dpa

Auch international kann die WHO zum Weltaidstag gute Nachrichten verkünden. Das Millenniumziel, die Ausbreitung der Tuberkulose bis 2015 zu stoppen, ist bereits erreicht. Die Sterberate ist dank konsequenter Behandlung seit 1990 um 41 Prozent zurückgegangen. Zudem hat die Pharmaindustrie erheblich aufgeholt. Schon im nächsten Jahr könnte eine neue Dreifach-Kombination auf den Markt kommen, eines der Medikamente wurde komplett neu entwickelt. Innerhalb von zwei Wochen töten die drei 99 Prozent der TB-Bakterien eines Erkrankten ab. Und sie könnten auch die Behandlung einer MDR-TB von zwei Jahren auf vier Monate reduzieren.

Gleich 13 Impfstoffe in der Entwicklung

Zudem sind gleich 13 Impfstoffe in Vorbereitung, darunter ein besonders vielversprechender (MVA85A) von Aereas, der Universität Oxford und dem Unternehmen Emergent BioSolutions, der bereits in Südafrika an Patienten getestet wird. Doch selbst wenn sich die Wirksamkeit dieses oder auch eines der anderen drei besonders weit fortgeschrittenen Impfstoffe – darunter VPM 1002, der am Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie in Berlin entwickelt wurde – herausstellen sollte: Ann M. Ginsberg von Aereas ist sich sicher, dass keiner von ihnen vor 2022 einsatzbereit ist.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Schmitt, Peter-Philip
Peter-Philipp Schmitt
Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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