Austausch von PIP-Implantaten

„Fair wären 2000 bis 3500 Euro“

Von Andreas Mihm und Lucia Schmidt
10.01.2012
, 10:20
Jetzt Zeichen für ein Debakel: Das Logo am Eingangstor zum Fabrikgelände von PIP in La Seyne-sur-Mer
Wer zahlt das Entfernen der schadhaften PIP-Implantate? Für die Patientinnen, die jetzt vor einer Operation stehen, ist das meist noch die geringste Sorge.
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Seit bekannt geworden ist, dass die französische Firma PIP Brustimplantate auch nach Deutschland geliefert hat, ist bei deutschen Frauenärzten und in schönheitschirurgischen Praxen „der Wahnsinn los“. „Wir haben sogar extra eine Sprechstunde für PIP-Patientinnen eingerichtet“, sagt Robinson Ferrara, „um die vielen Anfragen von besorgten Frauen überhaupt beantworten zu können“. Der Facharzt für Gynäkologie aus Alzey hat in den vergangenen Wochen schon 14 Implantate ausgebaut, von denen drei beschädigt waren.

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Erst seit dem vergangenen Wochenende wird auch in Deutschland Frauen, die ein Brustimplantat der französischen Firma PIP tragen, offiziell zu einer vorsorglichen Entnahme der Implantate geraten. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte begründet seine Empfehlung damit, „dass mögliche Gesundheitsrisiken durch vermehrt ausgetretenes Silikon auch dann entstehen können, wenn keine Rissbildung vorliegt“. Diese Empfehlung geben auch die Deutschen Gesellschaften der Gynäkologen, der Senologie und der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen. Sie warnen vor allem vor „der potentiellen, bis heute kaum bekannten Toxizität des nicht konformen Gels“.

Genau darum machen sich auch die Frauen in Ferraras Praxis große Sorgen. Zwar ist nicht bestätigt, dass das verwendete Silikon in den PIP-Implantaten Krebs verursachen kann, aber das Bekanntwerden „von Krebsfällen unter den PIP-Trägerinnen macht Patientinnen zusätzlich ängstlich und unsicher“, sagt Ferrara, der in der Vergangenheit selbst keine PIP-Implantate eingesetzt hat. Dazu komme, dass das Thema „Brustvergrößerung“ in Deutschland immer noch mit Scham besetzt sei. „Vielen Frauen ist es peinlich, über einen solchen Eingriff zu sprechen.“ Sie seien nun oftmals getrieben von Angst, Unsicherheit und Schamgefühl, wenn sie sich wieder wegen einer Brustoperation bei ihm vorstellten.

Doch das sind nicht die einzigen Sorgen, die betroffene Frauen sich machen. Besonders die Frage „Wer trägt die Kosten für eine neue Operation? beschäftige viele Patientinnen“, sagt Petra Berger, Plastische und Ästhetische Chirurgin aus Frankfurt.

Kassen sind verpflichtet, einen Teil der Kosten nicht zu tragen

Für gesetzlich krankenversicherte Patientinnen, die sich Implantate wieder entfernen lassen wollen, kann die Antwort lauten: Sie müssen dafür möglicherweise tief ins Portemonnaie greifen. Es sei denn, das Einsetzen des Implantats war aus medizinischen Gründen notwendig. Grund dafür könnte der Wiederaufbau der Brust etwa nach einer Brustkrebsoperation gewesen sein. In dem Fall zahlt die Kasse nach der medizinisch notwendigen Entfernung des schadhaften Implantats auch das Einsetzen eines neuen Brustimplantats. Die Zahl dieser Fälle ist allerdings nicht besonders groß. Die übergroße Mehrzahl der Brustoperationen fällt nämlich umgangssprachlich unter die Schönheitsoperationen. Der Gesetzgeber spricht von „medizinisch nicht indizierten ästhetischen Operationen“. Diese Frauen können mit ihrer Versichertenkarte zum Arzt gehen, sich untersuchen und das schadhafte Implantat entfernen lassen. Die Kosten für ein neues Implantat müssen die Patientinnen dann aber aus eigener Tasche bezahlen.

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Von den Kassen heißt es: Sie lassen eine betroffene Patientin nicht im Stich. Allerdings werden sie - anders als die privaten Krankenkassen - versuchen, sich anschließend einen Teil der Operationskosten bei den Frauen zurückzuholen. Dazu sind sie laut Sozialgesetzbuch verpflichtet. Denn nach Paragraph 52, Absatz 2 „hat die Krankenkasse die Versicherten in angemessener Höhe an den Kosten zu beteiligen“. Der Absatz soll Menschen, die ihre Gesundheit durch Tätowierungen oder Piercings gefährden, abschrecken. Schönheitsoperationen fallen auch darunter. Denn „es ist zu fragen, ob es richtig wäre, die Solidargemeinschaft die finanziellen Folgen einer individuellen Schönheitsoperation voll tragen zu lassen“, gibt Florian Lanz, Sprecher des GKV-Verbandes zu bedenken. Wie viel die Kasse als „angemessene Höhe“ definiert, bleibt offen. Eine aktuelle Festlegung von Seiten ihres Spitzenverbands gibt es offenbar nicht.

Petra Berger, die selbst PIP-Implantate eingesetzt hat, begann schon im Jahr 2010, nachdem die ersten Warnungen vor den PIP-Produkten aufkamen, ihre Patientinnen darüber zu informieren und betroffenen Frauen eine kostenlose Wechseloperation anzubieten. „Damals konnten manche mein vorsichtiges Verhalten nicht verstehen, aber als Arzt muss man aus Fürsorge, Pflichtgefühl und Verantwortung handeln, auch wenn man selbst von der französischen Firma getäuscht worden ist“, sagt Berger.

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Ihr als Fachfrau sei es wichtig, deutlich zu machen, dass es sich bei der Austauschempfehlung um eine wichtige Vorsichtsmaßnahme handle. Panikmache, besonders was den medizinischen und finanziellen Aufwand einer Wechseloperation angehe, verurteile sie hingegen. Eine Wechseloperation sei fachlich einfacher und ungefährlicher als die erste Operation, sagt die Fachärztin. „Kostenlos kann ich einen Implantataustausch natürlich nur meinen eigenen Patientinnen anbieten“, sagt sie und rät betroffenen Frauen, sich nach fairen Preisen umzuschauen. „Ich kenne viele Kollegen, die bei der Preisgestaltung Extra-Angebote für PIP-Patientinnen machen. Eine Wechseloperation sollte bei fairen Preisen etwa zwischen 2000 und 3500 Euro kosten“, sagt Berger.

Implantate werden in Deutschland nicht geprüft

„Natürlich gibt es auch vereinzelt Patientinnen, die nach dieser Erfahrung nichts mehr mit Implantaten zu tun haben wollen“, sagt der Gynäkologe Robinson Ferrara. Kein Implantat mehr einzusetzen sei prinzipiell möglich, könnte aber andere Operationen wie eine Bruststraffung zur Folge haben. Für Frauen, die sich kein Silikon mehr einsetzen lassen wollen, „gibt es noch Alternativen wie Kochsalzimplantate oder Eigenfetttransfer“, sagt die Frankfurter Ärztin.

Berger rät ihren Patientinnen bei der Wahl eines neuen Implantates gegebenenfalls, ein Produkt mit amerikanischer Zulassung zu wählen. „Hier sind die Preise zwar etwas höher für die Implantate, aber die Produkte sind einfach besser geprüft als in Deutschland.“ Vor Betrug sei man nie sicher, aber Implantate mit einer Zulassung der „Food and Drug Administration“ seien nicht nur in der Herstellung strenger kontrolliert, sondern auch das Produkt selbst sei geprüft. Das ist bislang in Deutschland nicht der Fall.

Beiträge betroffener Frauen in Internetforen machen deutlich, unter welch „großer Angst“, „Verzweiflung“ und „Unverständnis“ sie leiden. „Diese Frauen haben eine zügige Behandlung und einen würdevollen Umgang verdient“, fordert Berger.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Mihm - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Mihm
Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel-, Südosteuropa und die Türkei mit Sitz in Wien.
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Lucia Schmidt - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Lucia Schmidt
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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