Herzkranzgefäße

Die Flexiblen unter den Arterien

Von Lucia Schmidt
26.11.2016
, 22:47
Das Herz ist unter allen Organen das Unverzichtbarste. Denn pumpt es nicht Blut in alle Winkel unseres Körpers, kann kein anderes Organe seine Arbeit tun.
Alle reden immer vom Herzen. Doch ohne die Unterstützung der Herzkranzgefäße könnte der „Motor des Lebens“ seine Arbeit nicht tun. Über einen unterschätzten Teil unseres Körpers.
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Keine Frage, jedes unserer Organe hat seine Wichtigkeit, seine unentbehrliche Aufgabe im Körper, damit tagein, tagaus alles reibungslos funktioniert: Atmen, Laufen, Verdauen, Schlafen, Sprechen. Doch das Herz kann ohne Zurückhaltung behaupten, es spiele unter allen Organen noch mal eine ganz herausragende Rolle. Denn pumpt es nicht Blut, angereichert mit Nährstoffen und Sauerstoff, in alle Winkel unseres Körpers, kann keins der anderen Organe seine Arbeit tun.

Dabei fällt bei der hohen Achtung für unser Herz häufig unter den Tisch, wer eigentlich dafür verantwortlich ist, dass das Herz genügend Kraft hat, beim erwachsenen Menschen im Durchschnitt 100000 Mal am Tag zu schlagen und pro Minute rund fünf Liter Blut durch den Körper zu schicken: Es sind die Herzkranzgefäße – im Fachjargon Koronararterien genannt. Ohne sie wäre das Herz aufgeschmissen.

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Diese Blutgefäße liegen kranzförmig dem Herzmuskel auf. Diesem Verlauf haben sie ihren Namen zu verdanken. Sie versorgen den Hohlmuskel von außen bis in die letzten Ecken mit Blut. Das ist eine Besonderheit. Die allermeisten Organe im Körper werden von ihren versorgenden Gefäßen durchzogen. Das Herz hingen wird über die Koronararterien von außen ernährt – und nicht etwa über das Blut in seinen Kammern.

Herz-Kreislauf-System arbeitet ab der dritten Lebenswoche

Bei einem Erwachsenen in Ruhe verbraucht das Herz selbst für seine Arbeit etwa vier bis sechs Prozent des Bluts, welches es pro Minute in den Kreislauf pumpt. Im Laufe eines Lebens – rechnet man mal mit einem Durchschnittsalter von 75 Jahren – transportiert das Herz rund 178850000 Liter Blut durch den Körper und schlägt mehr als 2,7 Milliarden mal.

Das Herz-Kreislauf-System ist das erste funktionsfähige System in unserem Körper. Bereits ab der dritten Entwicklungswoche, manchmal noch bevor die werdende Mutter überhaupt bemerkt, dass sie schwanger ist, nimmt dieses im Embryo seine Arbeit auf.

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Um den 23. Entwicklungstag beginnt der Sinus venosus zu funktionieren. Er bildet später die Einmündung der großen Hohlvene in den rechten Vorhof. Über die Hohlvene wird sauerstoffarmes Blut aus dem Körper zum Herzen transportiert. Früh in der Entwicklung gelangen über ihn Nährstoffe und Sauerstoff aus der Plazenta an den Embryo. In den ersten Entwicklungswochen eines Menschen funktioniert die Versorgung mit Nährstoffen allerdings noch nicht über Gefäße, sondern durch Diffusion (ein selbständiges Durchmischen der Stoffe in der Zelle). Geht es nach der Natur, dann besitzt der Mensch zwei Koronararterien, eine linke und eine rechte. Sie bilden die ersten Abzweigungen der Aorta, kurz nachdem diese aus der linken Herzkammer entsprungen ist.

Arteriosklerose kann schwerwiegende Folgen haben

Zu diesem Zeitpunkt haben die Herzkranzgefäße einen Durchmesser bis zu 3,5 Millimeter. In ihrem Verlauf über den Herzmuskel verzweigen sie sich allerdings in immer kleiner werdende Äste und dringen von außen in den Herzmuskel ein. Die kleinsten Arterien haben nur noch einen Durchmesser, der wenige Mikrometer misst – gerade noch groß genug, damit sich einzelne Blutkörperchen hindurchquetschen können.

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Im Normalfall versorgt die rechte Herzkranzarterie die Hinterwand und die linke Herzkranzarterie die Vorderwand des Herzens. Von dieser Standard-Anatomie gibt es allerdings zahlreiche Normvarianten. Nur bei etwa fünfzig Prozent der Menschen verlaufen die Koronararterien so, wie es die Natur vorgesehen hat. „Das hat aber in den meisten Fällen keine pathologischen Auswirkungen“, sagt Josef Schöpf, Kardiologe am Kardiocentrum an der Klinik Rotes Kreuz in Frankfurt. Soll heißen, das Herz funktioniert trotzdem einwandfrei.

Das tut es allerdings nicht mehr, sobald Arteriosklerose ins Spiel kommt. Dem Laien häufig bekannt als „Verkalkung der Arterien“. Das kann in den Herzkranzgefäßen besonders gravierende Folgen haben, denn werden Herzmuskelzellen aufgrund verstopfter Gefäße nicht mehr richtig durchblutet, kommt es zum Herzinfarkt. Je nachdem, welche Koronararterie und damit welche Versorgungsgebiete dann betroffen sind, sprechen Mediziner vom Vorder- oder Hinterwandinfarkt.

Herzmuskel kann Durchblutung aktiv mitsteuern

Dass sich Ablagerungen im Laufe des Lebens in den Gefäßen bilden, ist ganz natürlich. Alterserscheinungen sozusagen. Allerdings kann der Lebensstil erheblich dazu beitragen, in welchem Maße Verkalkungen stattfinden. „Die Herzkranzgefäße sind kein starres System vergleichbar einem Rohrsystem, sondern ein sensibler Verbund, der durch verschiedene Faktoren geschädigt werden kann, der aber auch über Anpassungs- und Reparationsmechanismen verfügt“, erklärt Geiß und fügt hinzu: „Die Koronararterien besitzen eine Flexibilität, die faszinierend ist.“

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Immer wieder erlebt der Mediziner bei seiner Arbeit, dass sich das Herz seiner Patienten schon ein Stück weit selbst geholfen hat, bis sie mit Beschwerden zu ihm in die Praxis kommen.

Sind Arterien am Herzen verstopft, sind andere Gefäße in der Lage, sich neu auszurichten und zu wachsen, damit sich Umgehungskreisläufe, sogenannte Kollaterale, bilden können. Sie sorgen dann dafür, dass das Muskelgewebe trotzdem durchblutet bleibt. Überhaupt hat der Herzmuskel die Fähigkeit, „seine Durchblutung aktiv mitzusteuern. Das Herz reagiert auf Reize, ob das sportliches Training oder eine Form des Sauerstoffmangels ist, mit der Aussendung von Botenstoffen und der Neubildung von kleinsten Gefäßen am Herzen“, sagt Geiß.

Persönliche Lebensweise kann Einfluss auf Herzkranzgefäße haben

Diesen Kniff der Natur wollte sich auch die Medizin zunutze machen, um bei schlecht durchbluteten Herzen Abhilfe zu leisten. „Es gab Studien, in denen man versuchte, winzige Löcher mit einem Laser in das Herz zu bohren, verbunden mit der Hoffnung, dass sich Kollaterale bilden und es so zu einer besseren Durchblutung am Herzen kommt“, sagt Kardiologe Geiß. Doch die Versuche scheiterten. Die Natur lässt sich eben nicht so einfach in die Karten schauen.

Und da sich selbst mit moderner Medizin einmal geschädigte, sensible Gefäße nicht immer wieder vollständig herstellen lassen, lautet der Appell der beiden Kardiologen aus Frankfurt: Die persönliche Lebensweise kann direkten Einfluss auf die Herzkranzgefäße haben. Das darf man nicht unterschätzen.

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Schädlich für die Herzkranzgefäße sind Bewegungsmangel, fettreiches Essen, Nikotin und Drogen, aber auch eine Diabeteserkrankung, Bluthochdruck sowie Übergewicht. Solche Risikofaktoren sind meist bekannt, aber „bei vorgeschädigten Gefäßen kann auch hohe mechanische Belastung wie körperliche Anstrengung kleine Einrisse in der Gefäßinnenhaut hervorrufen“, erläutert Geiß. „Dies aktiviert das Gerinnungssystem, was wiederum zu einem Gefäßverschluss führen kann.“ Auch Stresshormone könnten Gefäße eng stellen und einen Herzinfarkt auslösen.

Herzkranzgefäße mitverantwortlich für die drei häufigsten Todesursachen

Welche Bedeutung all diese kardiovaskulären Risikofaktoren haben, zeigt ein Blick in die Statistik: Für die drei häufigsten Todesursachen in Deutschland sind die Herzkranzgefäße mitverantwortlich. Zu den Ursachen zählen: Durchblutungsstörungen des Herzens, akuter Herzinfarkt und Herzschwäche.

Dass mit den Herzkranzgefäßen etwas nicht stimmt, merken Patienten meist an dem Gefühl von Druck oder Beklemmung hinter dem Brustbein – häufig bei Anstrengung. Manches Mal strahlen Schmerzen von der Brust auch in Nacken, Hals, Unterkiefer, Zähne, Arme oder Oberbauch aus. Dazu können Symptome wie plötzliche Atemnot, Übelkeit, Erbrechen oder Schweißausbrüche kommen.

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Tauchen Patienten mit diesen Symptomen bei Geiß oder Schöpf in die Praxis auf, stehen ihnen zahlreiche Untersuchungen bevor, die einen Hinweis auf die Durchgängigkeit der Herzkranzgefäße geben können. Dazu zählen unterschiedliche EKGs, Ultraschall und weitere Funktionstests. Doch die Königsdisziplin bei der Diagnostik am Herzen stellt immer noch die Katheter-Untersuchung dar. „Sie ist die einzige Möglichkeit, das Innere der Herzkranzgefäße direkt mit Kontrastmittel darzustellen und im Bedarfsfall therapeutisch tätig zu werden“, sagt Schöpf.

Engstellen in Gefäßen können mit Kathetern erweitert werden

Bei einer Linkherzkatheteruntersuchung wird dem Patienten entweder über eine Arterie in der Leiste oder am Unterarm ein Katheter bis zum Herzen vorgeschoben. Durch dieses schlauchförmige Gerät kann der Kardiologe Kontrastmittel direkt in die Herzkranzgefäße spritzen und diese durch gleichzeitiges Röntgen sichtbar machen, aber auch Druck- und Flußmessungen in den Herzkammern und Herzkranzgefäßen sind möglich.

Entdeckt der Arzt tatsächlich bei der Untersuchung Engstellen in den Herzkranzgefäßen, kann er diese mit Hilfe des Katheters erweitern. Dazu bläht er die Engstelle mit einem kleinen Ballon an der Katheterspitze auf und setzt anschließend meist einen Stent ein, damit sich das Gefäß nicht wieder verschließt.

Erfinder des Herzkatheters beim Menschen war übrigens ein Deutscher: Werner Forßmann. Im Jahr 1929 will der Assistenzarzt Forßmann beweisen, dass man mit einem Katheter über eine Vene bis zum Herzen vordringen kann. Anders als beim heute häufiger angewendeten Linksherzkatheter erreicht man über die Vene das rechte Herz. Doch einen solchen Rechtsherzkatheter an Patienten durchzuführen wird ihm vom Chefarzt untersagt, also entscheidet Forßmann sich für einen Selbstversuch.

Forßmann setzt sich einen Schnitt in den Arm und schiebt den Schlauch über die Ellenbeugenvene in Richtung Herz. Dann setzt er sich vor das Röntgengerät und lässt sich ablichten. Die Bilder beweisen: Der Schlauch endet tatsächlich in Forßmanns rechtem Vorhof, und Forßmann geht es gut dabei.

Doch niemand interessiert sich zu diesem Zeitpunkt für seine Forschung. Die damalige Medizinwelt zeigt auch dann keine Regung, als Forßmann einige Jahre später beweist, dass man mit Hilfe eines Katheters Kontrastmittelin die Herzkranzgefäße spritzen und sie damit auf Röntgenbilder sichtbar machen kann.

Erst Anfang der 1940ger Jahre erkennen zwei Amerikaner, André Frederic Cournand und Dickinson W. Richards, was Forßmann in Selbstversuchen geleistet hat, und führen die Herzkatheter-Untersuchung in die Versorgung der Kranken ein. Sie wird zum alltäglichen Diagnostikmittel. 1956 erhalten Forßmann und die beiden Amerikaner für ihre Arbeit den Nobelpreis für Medizin. Heute werden in Deutschland jedes Jahr mehr als 85000 Herzkatheter-Untersuchungen durchgeführt. Die Tendenz: steigend.

Diese hohe Zahl steht immer wieder in der Kritik. Zu häufig und zu schnell werde in Deutschland die Katheter-Untersuchung angewendet, dabei gebe es längst nicht für alle Untersuchungen eine Indikation – so die gängige Anklage. Kardiologen indessen weisen den Vorwurf der Überversorgung zurück und kontern mit Erfolgen: Laut dem Deutschen Herzbericht ist die Sterblichkeit in den vergangenen zwei Jahrzehnten beim akuten Herzinfarkt um vierzig Prozent, bei der Koronaren Herzkrankheit um 28 Prozent und bei der Herzinsuffizienz um 19 Prozent zurückgegangen.

Werner Forßmann starb übrigens 1979 im Alter von 75 Jahren an Herzversagen. Ob seine Herzkranzgefäße dafür verantwortlich waren, ist nicht bekannt.

DIE UNTERSCHÄTZTEN

Das System Mensch hat so viel mehr zu bieten als Lunge, Darm und Herz. Scharenweise finden sich in unserem Körper Organe und Strukturen, die im Schatten der großen kaum Anerkennung für ihren täglichen Dienst erhalten. Dabei tragen sie zu unserem Wohlbefinden und Dasein immens bei. Mit der Serie „Die Unterschätzten“ schenken wir ihnen einmal im Monat die Aufmerksamkeit, die sie sonst bestenfalls dann bekommen, wenn sie uns Schmerzen bereiten oder nicht mehr reibungslos funktionieren.

Quelle: F.A.S.
Lucia Schmidt - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Lucia Schmidt
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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