Blutvergiftung

Die Gefahr im Blut

Von Lucia Schmidt
20.02.2016
, 14:24
Bei einer Sepsis transportiert jeder Herzschlag nicht nur Sauerstoff in alle Winkel des Körpers, sondern auch Keime: Aufnahme aus dem Rastereleketronenmikroskop
Die Sepsis gehört noch immer zu einer der häufigsten Todesursachen in Deutschland. Das Risiko, daran zu erkranken, steigt auch für vermeintlich Gesunde. Eine bessere und schnellere Versorgung ist nötig.
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Eigentlich war er doch fit, sollte nur für eine Hüftoperation, wegen eines harmlosen Bandscheibenvorfalls oder Gallensteinen ins Krankenhaus, und dann? Einige Tage später lag er plötzlich im Koma, war auf der Intensivstation an Geräte angeschlossen oder rang gar mit dem Tode. Solche Krankheitsgeschichten oder „Verläufe“, wie es Mediziner ausdrücken, hört man immer wieder. Und es sind die Geschichten, die einen besonders betroffen machen. Nicht nur, weil sie meist völlig unvorhergesehen und plötzlich auftreten, sondern auch, weil wir uns daran gewöhnt haben, dass die Medizin eigentlich alles wieder in den Griff bekommt.

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Zahlreiche Operationen haben wir zu Bagatelleingriffen erklärt, das Maß dafür verloren, dass auch eine endoskopische Gallenblasenoperation Wunden im Bauchraum hervorruft und eine Narkose erfordert. Wenige Tage nach einem Eingriff an der Bandscheibe, immerhin einer Operation in direkter Nachbarschaft zum Zentralen Nervensystem, erwarten wir – ebenso wie die Vorgaben unseres Gesundheitssystems – die Entlassung aus dem Krankenhaus. Und selbst von Hochbetagten sind wir es heute fast gewöhnt, dass sie nach einem Bruch schnell wieder auf den Beinen sind.

Doch auch wenn wir das Glück haben, in einem Land zu leben, in dem Medizin auf höchstem Niveau betrieben wird – eine Medizin, die schwere Erkrankungen heilen, Abhilfe bei Schmerzen schaffen und zu einem fitten Dasein im hohen Altern führen kann –, dürfen wir nicht übersehen: Unser Organismus ist keine Maschine, die man beliebig reparieren kann. Die man an- und ausstellt und im Notfall mal vom Strom nimmt.

Menschen jeden Alters betroffen

Eine Diagnose, die den Körper komplett aus dem Takt bringt und im schlimmsten Fall zu einem Multiorganversagen führen kann, ist die Sepsis. Im Volksmund auch bekannt als Blutvergiftung. Eine Diagnose, die in deutschen Kliniken (wieder) häufig vorkommt und dabei vielen unbekannt ist. Gleichwohl kann sie den Menschen vom Frühgeborenen bis zum Greis in jeder Phase des Lebens treffen.

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Am häufigsten sind unreife Neugeborene und Menschen über 65 Jahren betroffen, aber zunehmend entwickeln auch die vermeintlich Gesunden nach einem eigentlich harmlosen Eingriff, nach einer unbedenklichen Verletzung plötzlich eine Sepsis. Die Ursache dafür: Multiresistente Keime, die manchmal gar nicht mehr oder nur noch auf einzelne Antibiotika ansprechen. „Diese Keime holen sich die Patienten häufig gar nicht – wie oft fälschlich berichtet – im Krankenhaus, sondern bringen sie schon mit in die Klinik“, sagt Frank Brunkhorst, Sepsisforscher am Universitätsklinikum in Jena. Ein Problem stelle dabei die zunehmende Reiselust auch älterer Menschen zu den entferntesten Flecken dieser Erde dar.

Der Generalsekretär der Deutschen Sepsis-Gesellschaft kennt Studien, die zeigen: Reisende, die nur zwei Wochen in Indien verbracht haben, besaßen nach ihrer Rückkehr aus der Ferne eine veränderte Darmflora. Es fanden sich mehr antibiotikaresistente, gramnegative Bakterien, die sie wohl über Speisen und Getränke aufgenommen hatten, in ihrem Darm als vor der Reise. Ähnliche Phänomene kennen Wissenschaftler von Reisen ins südliche oder östliche Europa. „Diese veränderte Bakterienflora“, sagt Brunkhorst, „stellt dann keine akute Bedrohung für den Reisenden dar, sie lässt den Menschen nicht sofort krank werden. Kommt es aber in den ersten Monaten nach der Reise etwa zu einer Wundinfektion oder einer Blinddarmentzündung, können diese Bakterien plötzlich zur gesundheitlichen Gefahr werden und im schlimmsten Fall zu einer Sepsis führen.“

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Vierthäufigste Todesursache in Deutschland

Nach Zahlen des Zentrums für Sepsis und Sepsisfolgen des Universitätsklinikums Jena, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird, werden im Jahr rund 175.000 Patienten in deutschen Kliniken aufgrund einer Sepsis behandelt, durchschnittlich 50.000 Menschen sterben daran während des Krankenhausaufenthaltes. Damit stellt die Sepsis die vierthäufigste Todesursache in Deutschland dar. Sie fordert fast ebenso viele Opfer wie der Herzinfarkt und deutlich mehr als Brustkrebs oder Darmkrebs. Bei Kindern ist Sepsis sogar die zweithäufigste Todesursache nach Unfällen. Und hierbei sind nur die Menschen gezählt, die während des Aufenthalts im Krankenhaus sterben. „Die Langzeitsterblichkeit, sechs beziehungsweise zwölf Monate nach der Diagnose, lässt die Zahlen noch einmal deutlich ansteigen“, ergänzt Frank Brunkhorst,

Die entscheidende Strategie gegen diese immer relevanter werdende Gefahr: eine deutliche Reduzierung des Antibiotikaeinsatzes – insbesondere im ambulanten Bereich und in der Tiermast. Antibiotika dürfen nur noch dort eingesetzt werden, wo sie wirklich nützlich und nötig sind. Brunkhorst fordert dabei Politik und Akteure im Gesundheitswesen auf, etwas zu unternehmen; ohne klare Regelungen auf EU-Ebene sei die Entwicklung kaum noch in den Griff zu bekommen.

Über die Sepsis aufzuklären, ihre Relevanz zu verdeutlichen und Therapie wie Diagnostik voranzutreiben, das hat sich Brunkhorst auf die Fahne geschrieben. Denn nicht nur Laien ist diese Erkrankung häufig kaum ein Begriff, auch Ärzte denken oft viel zu spät an eine Sepsis bei ihren Patienten.

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„Überschwemmung des Körpers mit Bakterien“

Mediziner sprechen von einer Sepsis, wenn Erreger einen Infektionsherd im Körper wie etwa eine Lungenentzündung, eine Wundinfektion an der Haut oder einen Infekt in den Harnwegen verlassen und sich über das Blut im ganzen Körper verteilen. Jeder Herzschlag transportiert dann nicht nur Sauerstoff und Nährstoffe in alle Winkel des Körpers, sondern auch die gefährlichen Keime. Am häufigsten lösen Bakterien eine Sepsis aus, seltener auch Pilze oder Parasiten.

„Man muss sich das vorstellen wie eine Überschwemmung des Körpers mit Bakterien. Der Organismus reagiert darauf mit einer massiven Reaktion seines Abwehrsystems“, erklärt Brunkhorst. Schafft der Körper es nicht, durch seine Immunzellen die Erreger in den Griff zu bekommen, entwickelt sich aus einer Sepsis ein septischer Schock, der innerhalb weniger Stunden zum Tod führen kann, weil Lunge, Niere, Darm, Leber und alle anderen Organsysteme langsam ihre Dienste einstellen.

Dieses Multiorganversagen ist die Folge einer Durchblutungsminderung in den kleinsten Blutgefäßen, den Kapillaren. Abwehrzellen und Bakterien bleiben an den Gefäßwänden kleben, machen diese porös, verstopfen die Kapillaren und sorgen für eine immense Entzündungsreaktion. Beim septischen Schock geraten im Grund hilfreiche Mechanismen des Körpers, die dazu dienen, Bakterien abzuwehren, außer Kontrolle.

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Sepsis frühzeitig erkennen

Wie schwer eine Sepsis verläuft, hängt von mehreren Faktoren ab: vom Typ und von den Toxinen des Erregers, von der körperlichen Verfassung des Patienten und von einem schnellen Therapiebeginn. Meningokokken etwa können innerhalb von Minuten bei Kindern zu schwersten Entzündungsreaktionen im Körper führen. Das müssen Ärzte erkennen und handeln. Laut Experten steigt die Sterblichkeit der Sepsis mit jeder Stunde verspäteter Antibiotikatherapie um sieben bis zehn Prozent.

Frank Brunkhorst hat deshalb an einer neuen Empfehlung für die Notfall- und Rettungsmediziner mitgearbeitet, damit Sepsispatienten auch außerhalb des Krankenhauses frühzeitiger erkannt und behandelt werden. Unter anderem wurden die vergangenen Monate Rettungs- und Leitstellen gebrieft, damit schon beim Anruf dort eine frühzeitige Sepsisdiagnostik stattfinden kann.

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„Tracerdiagnose“ nennen dies die Mediziner. „Man kennt das vom Herzinfarkt“, erklärt Brunkhorst. „Bis vor einigen Jahren war es nicht selbstverständlich, dass beim Anruf in einer Rettungs- beziehungsweise Leitstelle gezielt nach Schmerzen im Arm oder der Brust gefragt wurde. Heute gehört das ohne Einschränkung dazu. Aufgrund der genauen Information weiß das geschulte Personal sofort, welche Maßnahmen es ergreifen muss – etwa nur einen Rettungswagen oder gleich einen Notarzt schicken.“

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Diese Tracerdiagnosen gibt es für zahlreiche Erkrankungen, nur explizit nach Sepsissymptomen wurde bisher nicht gefragt. Das ändert sich nun. „Bei der Sepsis geht man diesen Schritt jetzt auch. In den kommenden Wochen starten deutschlandweit die Rettungsstellen automatisch mit der Abfrage und Einschätzung der Symptome einer Sepsis und schicken der Situation entsprechend Hilfe zum Patienten“, sagt Brunkhorst.

Zuerst kommt das Fieber

Zu den hinweisenden Befunden zählen: ein ansteigendes Fieber, ein zunehmend verschlechternder Allgemeinzustand, Verwirrtheit, niedriger Blutdruck und eine hohe Atemfrequenz. „Dass die Atemfrequenz und die Verwirrtheit solch eindeutige Hinweise sind, wissen auch die Mediziner erst seit jüngster Zeit“, so Brunkhorst.

Ebenso haben er und sein Team herausgefunden, dass häufig die Therapie mit einer viel zu geringen Antibiotikadosis begonnen wird. „Aktuell geht man davon aus, dass in dreißig Prozent der Fälle die Dosis von bestimmten Antibiotika initial zu gering ist. Den Grund dafür findet man unter anderem darin, dass diese Medikamente nie bei Sepsispatienten getestet wurden, sondern nur bei relativ einfachen Infektionen.“

Auch was die Gabe von Volumen, also Flüssigkeit, betrifft, haben Brunkhorst und seine Kollegen zu neuen Therapierichtlinien entscheidend beigetragen. Ebenfalls hier gilt: Eine initial hohe Dosis ist wichtig, damit der Kreislauf in Gang bleiben kann. Durch die Löcher in den Gefäßwänden tritt nämlich Flüssigkeit aus den Kapillaren. Sepsispatienten schwellen am ganzen Körper innerhalb kürzester Zeit stark an. Trotzdem muss man das ausgetretene Plasmawasser ersetzen, damit das Blut weiter zirkulieren kann.

Wissenschaft tappt an manchen Stellen im Dunkeln

„Wir haben uns bei der Sepsistherapie zu lange an allgemeine Vorgaben gehalten und viel zu breit angesetzt. Das war ein Fehler. In Zukunft müssen wir viel genauer und individueller auf den Patienten, den Erreger und den Infektionsort schauen.“ Mehr will Brunkhorst noch nicht verraten, sondern verweist auf die renommierte Fachzeitschrift „Journal of the American Medical Association“, in der noch im Februar ein Artikel publiziert werden wird, an dem er mitgearbeitet hat und mit dem es seinen Angaben zufolge zu einer neuen Sepsisdefinition kommen wird.

An anderen Stellen tappt die Wissenschaft in Sachen Sepsis hingegen noch im Dunkeln - etwa der Frage, wie es zu den gravierenden Spätfolgen kommt. Patienten, die eine Sepsis überstanden haben, leiden häufig noch Jahre später an körperlichen und psychischen Beeinträchtigungen. Dazu zählen chronische Erschöpfung, Appetitlosigkeit, posttraumatische Belastungsstörung, Bewegungseinschränkung und kognitive Defizite.

Mediziner unterscheiden bei den Folgen zwischen denen, die durch die Therapie entstanden sind, und denen, für welche die eigentliche Erkrankung verantwortlich ist. Aufgrund der massiven Entzündungsreaktionen im Gehirn entstehen wohl die kognitiven Einschränkungen. Für die psychischen Belastungen ist vielmehr die aggressive Therapie verantwortlich. So müssen die Patienten verarbeiten, dass sie über Tage im künstlichen Koma lagen.

„Die Natur hat das Überleben nicht vorgesehen“

„Dass Menschen ein Multiorganversagen überleben, das ist nur dank der modernen Intensivmedizin möglich. Die Natur hat das Überleben nicht vorgesehen“, sagt Brunkhorst. Diese Spätfolgen seien der Preis für das erfreuliche Am-Leben-Bleiben. Experten kalkulieren grob: Für jeden Tag Intensivtherapie muss man mit einer Woche Erholung rechnen. Aber grundlegend verstanden habe man all die Mechanismen der Spätfolgen noch nicht. „Auch daran arbeiten wir“, sagt Brunkhorst.

Das ist eine gute Nachricht, aber sie zeigt auch: Wir gewöhnen uns daran, die Natur mit unserer Medizin zu überlisten, und sind erschrocken, gleichzeitig überrascht, wenn das (mal) nicht klappt. Dass Infektionen in unseren Breiten innerhalb weniger Stunden noch zum Tod führen können, vergessen wir oft und gerne.

Respekt vor Infektionen

In der Zeit, bevor man Antibiotika zur Hand hatte, war das freilich anders. Da starben die Menschen in jungen Jahren an Verletzungen und Krankheiten, die wir heute als Lappalien belächeln. Aus dieser Zeit stammt auch noch die weitverbreitete und bis heute erzählte Geschichte, dass sich Blutvergiftungen durch einen roten Strich bemerkbar machen, der bis zum Herzen wandert. Tatsächlich können Hautinfektionen zu einer Entzündung der Lymphbahnen führen, die sich als Rötung unter der Haut zeigen können. Heute lässt die Medizin es aber nicht mehr so weit kommen, dass aus einer Wunde gar ein septischer Schock wird. Wissen, richtige Hygiene und wirksame Medikamente verhindern dies.

Vor rund hundert Jahren konnte aber schon eine tiefe Schnittverletzung noch den Tod bringen. Davor hatten die Menschen großen Respekt und haben Rötungen auf der Haut genauestens beobachtet. Heute spielt dieses Symptom bei der Sepsisdiagnostik keinerlei Rolle mehr. Den Respekt vor Infektionen und vor dem Einsatz von Antibiotika allerdings sollte man auch heute besser nicht so leicht verlieren.

Quelle: F.A.S.
Lucia Schmidt - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Lucia Schmidt
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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