Brasilien

Abnehmen mit Nebenwirkungen

Von Solveig Flörke, Rio de Janeiro
31.10.2011
, 15:01
Vier Tonnen Amphetamine schluckten mehr als 1,5 Millionen Brasilianer im vergangenen Jahr
Übers Internet werden magische Diätpillen aus Brasilien mit hochgefährlichen Inhaltsstoffen wie Amphetaminen angeboten. Experten beobachten die Entwicklung mit Sorge.
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200 Gramm, winzige 200 Gramm. Das war der größte Erfolg unzähliger Diäten, die Ralena über Jahre hinweg ausprobiert hat. Nichts, sagt die Brasilianerin, habe geholfen. Doch in den vergangenen vier Wochen scheint der Bann gebrochen: Fünf Kilogramm sind weg, dank der „Zauberformel“, die „Rattengift“ genannt wird und immer mehr Frauen in Praxen und Apotheken treibt. Dort bekommen sie einen gefährlichen Cocktail aus Beruhigungsmitteln, Reizstoffen, Abführmitteln, Hormonen zur Schilddrüsenbehandlung und Antidepressiva.

„Ich weiß, dass es meiner Gesundheit nicht gut tut“, sagt Ralena offen. „Aber es ist ja nur einmal.“ Die Brasilianerin ist Unternehmerin, verheiratet und Mutter von neunjährigen Zwillingen. „Eigentlich ist alles bestens, wäre da nicht mein Übergewicht.“ Mit Übergewicht meint die 1,64Meter große Frau die 65 Kilogramm, die sie bis vor kurzem noch auf die Waage brachte. Wendet man den Body-Mass-Index an, so hat sie Normalgewicht. „Trotzdem, ich hätte gerne mein altes Gewicht von 58 Kilogramm wieder“, sagt die Vierunddreißigjährige. So denken viele Brasilianer - vor allem Frauen. Vier Tonnen Amphetamine schluckten mehr als 1,5 Millionen Brasilianer im vergangenen Jahr. Damit ist das größte Land Südamerikas nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) Spitzenreiter auf der Welt.

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Angst, Herzrasen, Schlaflosigkeit

Seit vier Wochen probiert es Ralena mit einer Mischung, die sie auf Rezept von einem Arzt bekommen hat. „Meine Freundinnen haben mir gesagt, zu welchem Arzt ich gehen muss.“ Ihn nennen die Frauen Doktor Caveira, Doktor Totenkopf. In seiner Praxis habe sie „das Rezept zum Abnehmen“ für umgerechnet 70 Euro bekommen, die Mischung reicht für sechs Wochen. In der Filiale einer Apotheken-Kette in Rio wurde ihr Rezept eingelöst und das Medikament für sie zusammengestellt.

Für ein paar Kilo weniger nehmen Frauen starke Nebenwirkungen in Kauf
Für ein paar Kilo weniger nehmen Frauen starke Nebenwirkungen in Kauf Bild: AFP

Hauptbestandteil sind Amphetamine und Amphetamin-Abkömmlinge wie Anfepramona oder das nur in Brasilien zugelassene Fenproporex. „Das gehört zu den sympathikomimetischen Substanzen mit vielen Nebenwirkungen wie Blutdruckanstieg, Beschleunigung des Herzschlags, Herzrasen, Rhythmusstörungen, Angst, Schlaflosigkeit, Herz- und Brustschmerzen, starke innere Unruhe bis zu Psychosen“, sagt der Ernährungsmediziner Hans Hauner, Sprecher des Kompetenznetzes Adipositas am Klinikum Rechts der Isar der TU München. „Bekannt sind auch das Suchtpotenzial und ein erhöhtes Suizidrisiko. Die Substanz wurde deshalb von der amerikanischen ,Food and Drug Administration‘ nicht zugelassen und ist auch in der EU verboten.“

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Ein großer grauer Markt

Hauner verfolgt die Entwicklung in Brasilien mit Sorge: „Diese Produkte enthalten oft aberwitzige Kombinationen von Amphetaminen, Antidepressiva, Diuretika, oft zusammen mit Ballaststoffen wie Glukomannan. Davon gibt es unterschiedlichste Mischungen, die gerne unter dem Begriff ,brasilianische Diätpillen‘ zusammengefasst werden. Dadurch entstehen hohe Risiken für die Anwender. Leider gibt es keine systematischen Analysen zu den Folgen. Die Dunkelziffer von Komplikationen dürfte enorm hoch sein.“

In den vergangenen Jahren habe sich in Brasilien ein großer grauer Markt von Angeboten entwickelt, der von Diätpillen bis zu fragwürdigen chirurgischen Methoden reiche. Diese Diätpillen, für die im Internet viel Werbung gemacht werde, gingen auch ins Ausland, berichtet Hauner. „Besonders betroffen davon scheinen die Vereinigten Staaten zu sein: Dort werden diese Produkte als ,dietary supplements‘ angeboten, für die keine Zulassung benötigt wird und die so gut wie nicht überprüft werden.“

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Einzelne Fälle auch in Deutschland

Tatsächlich warnt die FDA seit 2009 ausdrücklich vor den Diätpillen, die eben auch Fenproporex als Bestandteil enthalten, ohne dass die Substanz eigens ausgewiesen wird. In Deutschland sind Mischungen wie in Brasilien zwar weder zulässig noch üblich. Dennoch gefährdeten auch hier solche Internetangebote die Konsumenten. Einzelne Fälle sind nach Angaben von Hauner schon vorgekommen.

Der Verkäufer einer Apotheke in Rio de Janeiro, die mit der Devise „Damit du dich gut fühlst“ wirbt, sagt, die Nachfrage nach „Rattengift“ sei enorm gestiegen. „Vor etwa acht Jahren, als die ersten Kunden das Produkt verlangten, war es noch sehr teuer. Mittlerweile ist es aber sehr günstig.“ Die brasilianischen Sicherheitsbehörden versuchen der Entwicklung entgegenzuwirken. So standen Anfang des Jahres in der „Operação Efeito Colateral“ in den Bundesstaaten Minas Gerais und Espírito Santo Apothekenbesitzer im Fokus der Polizei. Außerdem setzt die nationale Gesundheitsbehörde „Agência Nacional de Vigilância Sanitária“ (Anvisa) immer wieder Kontrolleure ein.

Der Erfolg der Einsätze scheint jedoch gering. Die im Medikamentenverkauf tätigen Unternehmer beauftragen vor allem Privatpersonen unter der Hand mit Kurierdiensten, Auslieferungsfahrten und der Anschaffung. Anfang Oktober verbot die Anvisa einige Substanzen, die zu dem zweifelhaften Diätmittel gehören, darunter Fenproporex, Amfepramon und Mazindol. Doch wegen der illegalen Zulieferungen aus Nachbarländern wie Paraguay dürfte sich nicht viel ändern.

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Zustellung per Kurier

Auch die 27 Jahre alte Verkäuferin Sofia bekam ihre Lieferungen bei Treffen auf offener Straße mit einem Kurier. Auch sie versuchte mit Hilfe des gefährlichen Amphetamin-Cocktails Gewicht zu verlieren. „Ich hatte nur ein Ziel vor Augen: abzunehmen. In den ersten Wochen verlor ich direkt drei Kilogramm und war total euphorisch.“ Doch auch die Nebenwirkungen kamen schnell: „Beim Autofahren fühlten sich meine Finger taub an. Ich konnte das Lenkrad nicht mehr richtig halten. Mein Durst wurde immer größer. Manchmal trank ich sechs Liter am Tag.“

Sofia hatte hohen Blutdruck, an manchen Tagen ging es ihr so schlecht, dass sie fast ohnmächtig wurde. An Sport war nicht mehr zu denken. „Ich habe trotzdem permanent geschwitzt. Dazu kamen Kopfschmerzen, Stimmungsschwankungen, Lähmungserscheinungen.“ Auch ihr hatten Freundinnen die „Zauberformel“ ans Herz gelegt. „Sie meinten, es sei ganz natürlich, aus Pflanzen und Kräutern zusammengestellt. Ich wusste wohl, dass das nicht sein konnte, aber ich wollte es gerne glauben.“

Ein Trugschluss mit Folgen: Sechs Jahre konsumierte Sofia immer größere Dosen. Sie versuchte aufzuhören. Doch ohne Einnahme funktionierte ihr Darm nicht mehr richtig, und sie spürte Entzugserscheinungen. Im August 2010 ging Sofia in eine Suchtklinik. Seitdem kommt sie ohne die Abnehmmittel aus. „Ich musste es leidvoll erfahren, aber dafür weiß ich heute: Zum Abnehmen gibt es keine Wunderpillen.“

Quelle: F.A.Z.
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