Russland startet Massenimpfung

Langsam kreist der Sputnik

Von Friedrich Schmidt, Moskau
18.01.2021
, 08:04
Russland startet eine „Massenimpfung“ mit seinem heimischen Impfstoff. Dessen Testphase soll erst im Mai abgeschlossen sein. Die Verantwortlichen sagen trotzdem: Wird schon!

Poliklinik 121, Filiale Nummer 4: An Orten wie diesem will Russland im Immunisierungsrennen gegen das Coronavirus vorpreschen. Die Klinik, ein von Hochhäusern überragter Bau aus hellem Klinker, liegt im Viertel Nord-Butowo, ganz nah am Autobahnring am Rande Moskaus. Draußen verschleiert Schnee das Plattenbaugrau, drinnen messen Krankenschwestern mit Plastikvisier den Eintretenden die Temperatur. Insgesamt übernimmt die Poliklinik mit acht Filialen die Gesundheitsversorgung von knapp einer Viertelmillion Moskauern.

In Nord-Butowo hat gerade eine der mittlerweile hundert staatlichen Stellen aufgemacht, an denen man sich in Russlands Hauptstadt kostenlos mit „Sputnik V“ impfen lassen kann, Russlands erstem Impfstoff gegen das Virus. Dessen dritte klinische Testphase soll zwar erst Anfang Mai abgeschlossen sein; zu Sicherheit und Wirksamkeit gibt es bisher nur Eigenverlautbarungen der Verantwortlichen, die Wert darauf zu legen scheinen, jeweils höhere Effektivitätswerte als westliche Impfstoffe mitzuteilen.

Diejenigen, die kommen, schreckt das nicht. „Die Regierung kümmert sich um uns, dafür sind wir dankbar“, sagt die 56 Jahre alte Irina Nesterowa, die auf einer Bank im dritten Stock auf ihre erste Dosis wartet; planmäßig wird ihr drei Wochen später die zweite gespritzt.

Putin macht Werbung

Seit der Zulassung von „Sputnik V“ Mitte August 2020 , noch vor Beginn der dritten und entscheidenden Phase der klinischen Tests, bewerben der Machtapparat samt Präsident Wladimir Putin persönlich Russlands ersten Impfstoff. Man wollte Schnelligkeit demonstrieren, im Rennen gegen Corona, aber auch gegen die geopolitischen Rivalen im Westen, und prahlte, das erste Vakzin weltweit zugelassen zu haben; eigentlich waren, trotz des Kunstgriffs der erst später begonnenen dritten Testphase, Chinesen schneller.

F+ FAZ.NET komplett

Vertrauen Sie auf unsere fundierte Corona-Berichterstattung und sichern Sie sich 30 Tage freien Zugriff auf FAZ.NET.

JETZT F+ KOSTENLOS SICHERN

Wegen Produktionsschwierigkeiten musste der Start von Russlands Impfkampagne allerdings immer wieder verschoben werden. Anfang Dezember befahl Putin eine „großangelegte“ Impfkampagne, die sich zunächst an Risikoberufe richtete. Ende Dezember hieß es, die klinischen Tests hätten ergeben, dass „Sputnik V“ auch für Menschen, die älter als 60 Jahre sind, „sicher und effektiv“ sei, so dass nun auch Ältere geimpft würden. Der 68 Jahre alte Putin hat sich bisher nicht impfen lassen und auf sein Alter hingewiesen. Spätestens mit diesem Montag sollte diese Begründung entfallen, denn jetzt beginnt, wie Putin vorige Woche anordnete, eine „Massenimpfung“.

Zweifelhafte Statistiken

In Nord-Butowo erzählt Irina Nesterowa, eine pensionierte Lehrerin, mit Tränen in den Augen, ihr 82 Jahre alter Vater habe auch sehr auf die Impfung gehofft, sei voller Lebensfreude gewesen. Doch im November sei er an Covid-19 gestorben. Auch ihre Schwester sei schwer daran erkrankt. Für sie als „gesetzestreue Bürgerin“, sagt Nesterowa, habe außer Frage gestanden, dass sie sich impfen lasse, wegen der Sicherheit ihrer Familie und um ihren Beitrag zu leisten, die Lage zu bessern.

Kurz darauf wird Nesterowa in ein Behandlungszimmer gebeten, eine Krankenschwester setzt ihr die Injektion in den linken Oberarm. Kameras des Staatsfernsehens filmen, Fragen werden gestellt und beantwortet, nur alle Zahlen sind Chefsache, in diesem Fall von Moskaus Bürgermeister, Sergej Sobjanin. Der nannte am vergangenen Donnerstag neue Daten: Schon rund 140.000 Moskauer hätten sich impfen lassen.

Bei vielen Beobachtern wecken Russlands Zahlen zum Coronavirus Zweifel. So twitterten die Macher von „Sputnik V“ am vergangenen Montag, in Russland seien schon mehr als eineinhalb Millionen Menschen geimpft worden; das entspräche etwa einem Prozent der Gesamtbevölkerung. Doch unabhängige Fachleute schätzten die Zahl mit Blick auf einzelne Angaben aus den Regionen auf höchstens 300.000.

Die verschwiegenen Corona-Toten

Dieselben Analysten hatten Russlands offiziell relativ niedrige Covid-19-Totenzahl mit Blick auf die Übersterblichkeit etwa drei- bis viermal höher geschätzt als offiziell angegeben. Seit Ende Dezember ist klar, dass sie recht hatten: Da gab die Statistikbehörde Rosstat bekannt, zwischen Januar und November 2020 seien 13,8 Prozent mehr Russen gestorben als in der Vorjahrsperiode, und die für Gesundheit zuständige stellvertretende Ministerpräsidentin Tatjana Golikowa sagte, mehr als 81 Prozent dieser Todesfälle seien mit Covid-19 und den Folgen der Krankheit zu erklären.

Golikowa vermied es, eine Zahl zu nennen, doch ließ sich ausrechnen, dass Russlands Corona-Totenzahl bis Ende November damit bei mehr als 186.000 liege statt bei bis dahin offiziell angegebenen 39.895, wodurch Russland hinter den Vereinigten Staaten und Brasilien mit Blick auf die Totenzahl auf den dritten Platz der traurigen Rangfolge käme.

Doch für Letztere hält Moskau weiter an den niedrigeren Angaben fest, für die nur als Covid-19-Toter zählt, wenn jemand im Krankenhaus stirbt, zu Lebzeiten positiv getestet worden ist und die Krankheit bei einer Autopsie als Haupttodesursache festgestellt wird.

Keine Zulassung für westliche Impfstoffe

Offiziell verzeichnet Russland derzeit um die 24.000 Neuinfektionen täglich, doch wie in der „ersten Welle“ der Pandemie werfen wieder etliche Zahlen Fragen auf. Dabei begegnet Russland der „zweiten Welle“ nur mit spärlichen Einschränkungen; die „Selbstisolation“ genannten Ausgangssperren des vergangenen Frühjahrs will niemand zurück. Die eigenen Impfstoffe sollen es richten, allen voran „Sputnik V“; westliche Impfstoffe sollen in Russland vorerst nicht zugelassen werden, demnächst nur ein chinesischer.

Doch wie schon die Versorgung der Covid-19-Kranken offenbart auch die Impfkampagne Russlands große regionale Unterschiede. Im privilegierten Moskau wurden die Kategorien der Impfberechtigten von besonderen Risikoberufen rasch auf viele Berufszweige ausgeweitet. In der Hauptstadt öffnen nun gar „Impfpunkte“ im prächtigen Kaufhaus GUM am Roten Platz oder in einer früheren Fabrikhalle mit schicken Restaurants.

Auch Ausländer können sich impfen lassen, wie in der Poliklinik in Nord-Butowo eine Lettin Anfang 40: Sie hofft neben mehr Sicherheit darauf, dank des Zertifikats, das man nach der Impfung erhält, eher wieder reisen zu können. Viel beachtet und im Staatsfernsehen mit Genugtuung zitiert wurde der Artikel eines amerikanischen Reporters der „New York Times“ über seine Entscheidung, sich in Moskau mit „Sputnik V“ impfen zu lassen, weil das Vakzin besser sei als sein von Russlands „Politik und Propaganda“ ramponierter Ruf im Westen.

„Skepsis gegenüber „Sputnik V“

Dabei ist Skepsis gegenüber „Sputnik V“ auch unter Russen verbreitet: Laut einer Ende Dezember veröffentlichten Umfrage des unabhängigen Meinungsforschungsinstituts Lewada-Zentrum möchten sich 58 Prozent nicht damit impfen lassen, 38 Prozent erklärten sich zur Impfung bereit. Abseits von Moskau und einer Handvoll weiterer Regionen hapert es noch an der Verfügbarkeit. Laut einer am vergangenen Donnerstag veröffentlichten Studie der Stiftung „Petersburger Politik“ war die Impfung im Dezember außer für Mediziner, Pädagogen und Soldaten, die sich impfen lassen können, in 50 der 85 (einschließlich der annektierten ukrainischen Krim) Regionen noch gar nicht zu bekommen.

Außer Moskau und dem Gebiet um die Hauptstadt schnitten nur drei weitere Regionen im Hinblick auf die Verfügbarkeit der Impfung gut ab. Zugleich verkündet der staatliche Investitionsfonds RDIF, der Entwicklung und Herstellung von „Sputnik V“ mitfinanziert hat, ständig neue, gigantische Zahlen zu Exportplänen in Dutzende Länder der Welt. Allein nach Brasilien sollen laut einer dieser Mitteilungen in den ersten drei Monaten dieses Jahres zehn Millionen Dosen „Sputnik V“ geliefert werden, Argentinien soll schon 600.000 Dosen erhalten haben, bis Ende März sollen es insgesamt 15 Millionen werden.

Dabei beziffert Alexandr Ginzburg, der Leiter des Moskauer Gamaleja-Instituts, das den Impfstoff entwickelte, Russlands Herstellungskapazitäten derzeit nur auf dreieinhalb Millionen Dosen im Monat. Die Lösung soll die Produktion im Ausland sein, in China, Indien, Südkorea und „anderen Ländern“. Nur aus Südkorea wurden laut RDIF schon Dosen geliefert, insgesamt sollen dort nun „mehr als 150 Millionen Dosen“ produziert werden. Auch Putin ist in die Suche einbezogen: Der Kreml teilte mit, der Präsident habe in einem Telefonat mit Bundeskanzlerin Angela Merkel Anfang Januar über „mögliche Perspektiven einer gemeinsamen Vakzin-Herstellung“ gesprochen.

Für den Kreml ist „Sputnik V“, das günstiger ist als westliche Impfstoffe, ein Instrument der „Soft Power“, der Imagepflege im Ausland. Das birgt Tücken, wenn es schief geht: So hat Ungarn, das 6000 Dosen „Sputnik V“ zum Test erhalten hatte, mitgeteilt, auf den Impfstoff zu verzichten, weil Russland nicht die zur Impfung der ungarischen Bevölkerung nötigen Lieferungen garantieren könne, und will seinen Bedarf über die EU und China decken.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt/ Schmidt, Friedrich
Friedrich Schmidt
Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot