Cihan Çelik im Interview

„Die abflachende Neuinfektionskurve trügt“

Von Sebastian Eder
22.11.2020
, 09:17
Dr. med. Cihan Çelik und seine Kollegen behandeln Covid-19-Patienten in Darmstadt.
Cihan Çelik behandelt nach überstandener Covid-Erkrankung wieder Corona-Patienten im Krankenhaus. Im Interview sagt er, wie es ihm geht, warum die Last der Verantwortung für ihn größer geworden ist – und was er von der Bevölkerung erwartet.

Herr Doktor Çelik, wir sprechen regelmäßig über Ihre Arbeit als Funktionsoberarzt auf der Isolierstation für Covid-19-Kranke im Klinikum Darmstadt. Vor drei Wochen haben Sie uns von Ihrer eigenen Covid-Erkrankung berichtet. Wie ist es Ihnen seitdem ergangen?

Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus musste ich mich noch zehn Tage zu Hause isolieren. Das war eine anstrengende Zeit auf beengtem Raum, ich war noch geschwächt von meinem Aufenthalt auf der Intensivstation. Es war schwierig, den Kreislauf in Gang zu bringen. Nachdem die Isolation beendet war, hatte ich ein paar Tage Zeit für ein schonendes Fitnessprogramm und lange Spaziergänge. Die größten Beschwerden waren da schon weg. In der Woche darauf konnte ich wieder arbeiten. Ich habe aber immer noch kleinere Beschwerden, Schmerzen an den Rippen beispielsweise. Ich hatte sehr schwere Hustenanfälle und es dauert lange, bis eine Rippenprellung nicht mehr schmerzt. Im Großen und Ganzen geht es mir gut. Demnächst werde ich meine Lunge noch mal röntgen lassen, um sicher zu sein, dass es keine Überbleibsel von der Lungenentzündung gibt.

Sie hatten bedingt durch Covid-19 eine bakterielle Superinfektion in der Lunge. Wie kommt es zu so etwas?

Der Nachweis des dafür verantwortlichen Keims gelingt nur selten, das hat auch bei mir nicht geklappt. Wenn umgehend eine antibiotische Therapie eingeleitet wird, kann man den Keim meistens nicht mehr nachweisen. In den meisten Fällen ist das aber kein Bakterium, das man sich zusätzlich einfängt. Bei einer Covid-Erkrankung ist das ganze Immunsystem stark geschwächt, deshalb ist man anfälliger für Infektionen durch andere Erreger. Zusätzlich ist die Immunabwehr lokal in der Lunge geschwächt. Sogenannte opportunistische Keime, die wir immer mit uns herumtragen, können sich in der Lunge dann breit machen. So eine opportunistische bakterielle Entzündung war es wahrscheinlich bei mir. Das ist eine häufige Komplikation, die normalerweise aber erst später im Verlauf von Covid-19 auftritt. Das Prinzip kennen viele Menschen von Infekten der oberen Atemwege: Eine Erkältung ist oft durch ein Virus verursacht, wenn sich da anschließend ein bakterieller Infekt draufsetzt, verschreibt der Arzt ein Antibiotikum.

Wurde das Hygienekonzept in der Klinik nach Ihrer Erkrankung überarbeitet?

Das Hygienekonzept steht. Wir sind aber alle noch vorsichtiger geworden. Die Kollegen sind noch mehr sensibilisiert, dass sie untereinander Abstände einhalten und getrennte Pausenzeiten haben und bei Besprechungen nicht zu viele Menschen zusammenkommen. Arbeitet man viel miteinander, hat man irgendwann das Gefühl, ein Haushalt zu sein. Wir sind da mittlerweile sehr vorsichtig, weil es auch zu mehr Infektionen bei Pflegern und Ärzten kommt, oft natürlich auch im Privatleben. Das lässt sich bei so hohen Infektionszahlen nicht vermeiden, stellt uns aber vor zusätzliche Herausforderungen.

Sie sind jetzt wahrscheinlich immun. Können Sie entspannter arbeiten?

Ich verhalte mich genau wie alle anderen auch. Ich müsste Antikörper haben, habe mich aber noch nicht darauf testen lassen. Außerdem möchten wir keine Zweiklassengesellschaft aus Immunen und Nicht-Immunen. Das gilt draußen und im Krankenhaus.

Wie war die Situation in der Klinik, als Sie zurück zur Arbeit kamen?

Ich war während einer sehr entscheidenden und schwierigen Phase nicht da. Als ich zurückkam, war ich erstaunt, wie viele Patienten mit sehr schwerem Verlauf wir betreuen. Das war nicht mehr zu vergleichen mit den Hochzeiten im Frühjahr. Seit Wochen steigt die Patientenzahl auf der Isolier- und der Intensivstation, ein Rückgang der Neuaufnahmen ist trotz eines Abflachens der Infektionskurve noch nicht spürbar. Der Anteil der Neuinfizierten, die über 60 Jahre alt sind, steigt seit Wochen an. Dementsprechend kommen mehr Schwerkranke ins Krankenhaus. Im August lag der Anteil der über 60 Jahre alten Menschen bei den Neuinfizierten bei sechs Prozent, aktuell liegt diese Zahl in Hessen bei 19 Prozent. Wir nehmen täglich fünf bis acht positive Patienten auf, aktuell sind zwei Normalstationen für Covid-Patienten gesperrt und die Covid-Intensivstation ist vollbelegt. Insgesamt haben wir in dieser Woche bis zu 44 Covid-Patienten auf den Stationen behandelt, acht davon auf der Intensivstation.

Glauben Sie, dass die aktuellen Hygienemaßnahmen ausreichen, um die Situation in der Klinik zu verbessern?

Ich hoffe es sehr. Masken tragen, Abstand halten, Kontakte reduzieren, diese Maßnahmen wirken, die Kurve flacht ab. Für uns ist aber ganz entscheidend, dass Risikogruppen geschützt werden. Wahrscheinlich wird es jetzt trotz des Abfalls der allgemeinen Inzidenz zeitlich verzögert noch zu einem Anstieg der Infizierten über 60 kommen. Das zeigen die Daten des Robert-Koch-Instituts. Die abflachende Neuinfektionskurve trügt, was die Belastung der Krankenhäuser angeht.

Wie groß ist die Belastung für das Personal?

Da kommt einiges zusammen: Viele mussten in den Schichtbetrieb wechseln und machen jetzt auch Nachtdienste. Wir betreuen pro Arzt nicht mehr fünf bis zehn Covid-Patienten, sondern eher zehn bis zwanzig. Das sind Patienten, die eine Multisystem-Erkrankung haben. Man muss nicht nur auf ein Organ, die Lunge, achten, sondern auf den ganzen Körper. Bei vielen anderen Erkrankungen gibt es in der Therapie einen gewissen Automatismus, man kann schon fast tabellarisch die Therapie planen und die wahrscheinliche Entwicklung abschätzen. Bei Covid ist das nicht möglich. Das Gefühl, die Verantwortung für das Leben von Patienten zu übernehmen, wiegt immer schwer, das kennen viele Ärzte aus ihrer Anfangszeit im Beruf. Bei Covid-19 fühlt man sich wieder wie ein Arzt in den ersten Berufsjahren, was die fachliche und emotionale Belastung angeht, da wir zu viele unberechenbare und schnelle Verläufe gesehen haben. Es stellt sich auch nach neun Monaten keine Routine ein.

Hat sich dieser Effekt bei Ihnen durch Ihre eigene Erkrankung noch mal verstärkt?

Ja. Die Last der Verantwortung ist durch meine eigene, sehr untypische Erkrankung noch mal schwerer geworden. Ich gehörte keiner Risikogruppe an, ich hatte keine Vorerkrankung, ich bin jung, da hätte niemand mit so einem schweren Verlauf gerechnet. Diese Unberechenbarkeit ist charakteristisch für Covid und macht die Behandlung so schwierig. Ich habe aus dem Krankenbett in die Augen meiner Kolleginnen geblickt, die für mein Leben die Verantwortung hatten, und gedacht: In eurer Haut möchte ich gerade nicht stecken. Das klingt vielleicht absurd. Aber genau so war es.

Was hilft gegen diese Last?

Sich gut vorbereiten, sich einlesen, und vor allem gut managen, welcher Patient wie genau beobachtet werden muss. Das ist auch deswegen wichtig geworden, weil wir Patienten mit nicht ganz so schweren Verläufen nicht drei Wochen bei uns im Krankenhaus behalten können. Dafür reichen die Betten nicht. Deswegen sind wir auf kleinere Krankenhäuser angewiesen, die weniger stark betroffen sind. Ohne diese Umverteilung der Last wären wir gar nicht mehr handlungsfähig. Schon jetzt schaffen die anderen medizinischen Bereiche ihr reguläres Pensum nicht mehr, weil es nicht mehr genug Personal und Betten auf der Intensivstation gibt. Im Gegensatz zum Frühjahr werden die sonstigen Notfälle aktuell auch nicht weniger, damals gab es ja beispielsweise diesen rätselhaften Rückgang bei Herzinfarkten. Planbare Operationen kann man verschieben, aber da gibt es nicht mehr viel Kapazitäten. Und auch diese Patienten müssen irgendwann behandelt werden.

Wie viel Verständnis haben Sie noch für Leute, die keine Masken tragen wollen?

Ich erwarte von den Menschen Verständnis dafür, dass es momentan nicht die perfekte wissenschaftliche Antwort auf jede offene Frage gibt. Aber einige Dinge wissen wir: Kontaktvermeidung, Maske tragen, Lüften, Abstand halten, Hände waschen, diese Maßnahmen wirken sehr gut. Ich erwarte von der Bevölkerung Solidarität gegenüber den Menschen, die an Covid erkranken, gegenüber den Risikogruppen, und gegenüber dem Personal in den Kliniken, das sich in gefährliche Situationen begibt, um anderen zu helfen. Es sollte keinen Widerspruch geben zwischen Freiheit und Rücksichtnahme. Ich habe Angst, wenn ich die Menschen sehe, die sich komplett davor verschließen, wie gefährlich dieses Virus ist. Wenn Menschen eher obskuren Videos auf Facebook Glauben schenken, als ihrem Hausarzt oder wissenschaftlichen Experten, bereitet mir das Sorgen. Auch wenn es eine laute Minderheit ist.

Haben Sie sich über die Impfstoff-Nachrichten gefreut?

Selbstverständlich. Wir hatten uns eine Effektivität um die 60 Prozent erhofft und waren überrascht, dass diese Zahl jetzt wohl über 90 liegt. Das ist ein Silberstreif am Horizont. Im Laufe des Jahres 2021 werden wir hoffentlich in eine neue Phase eintreten. Das heißt aber nicht, dass Covid für uns im Krankenhaus kein Thema mehr sein wird. Wenn Teile der Bevölkerung geimpft sind, werden die Hygiene-Maßnahmen wahrscheinlich gelockert – was dann wieder zu mehr Ansteckungen führen wird. Deswegen muss auch weiter in Richtung Therapie geforscht werden, daran beteiligen wir uns.

Inwiefern?

Wir nehmen an einer Studie zum Rekonvaleszenzplasma teil, also dem Plasma aus den Blutspenden von genesenen Patienten. Außerdem arbeiten wir weiter an standardisierten Therapien nach verschiedenen Parametern. Remdesivir hat in einer WHO-Studie mit Bezug auf die Sterblichkeitsraten enttäuschende Ergebnisse gezeigt und wird aktuell nicht mehr bei Covid-19 empfohlen. Aber den Patienten hilft auch ein leichterer Krankheitsverlauf, deswegen bleibt Remdesivir eine Option, weitere Studienergebnisse und Empfehlungen sind abzuwarten. Mit Dexamethason machen wir weiter gute Erfahrungen. Und wir legen noch mehr Augenmerk auf Blutverdünnung, weil wir bei einigen Patienten in den CT-Untersuchungen große Lungenembolien festgestellt haben. Die bedrohen die Durchblutung der Lunge und können zu lebensbedrohlichen Zuständen führen. Deshalb ist die Schwelle, bei der wir eine Vollverdünnung des Bluts durchführen, noch mal abgesenkt worden.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Eder, Sebastian
Sebastian Eder
Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.
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