Mediziner im Interview

„Wir ringen mit dem Kontrollverlust“

Von Johanna Dürrholz
13.12.2020
, 08:35
Cihan Çelik und seine Kollegen behandeln Covid-19-Patienten in Darmstadt.
Der Darmstädter Mediziner Cihan Çelik spricht im Interview über die Lage auf der Covid-19-Station, die Suche nach einem Covid-Medikament und darüber, warum er die aktuellen Weihnachtsregeln für nicht vertretbar hält.

Herr Doktor Çelik, wir sprechen regelmäßig über Ihre Arbeit als Funktionsoberarzt auf der Isolierstation für Covid-19-Kranke im Klinikum Darmstadt. Wie ist die Lage?

Aktuell ringen wir mit dem Kontrollverlust. Wir sind bei mehr als 40 Covid-Patienten auf den nun drei Covid-Überwachungs- und Normalstationen; hinzu kommen noch 13 Patienten auf unseren zwei Covid-Intensivstationen. Es ist eine extrem dynamische Situation. Konkret bedeutet das: Wir haben täglich mehr Patienten, müssen den Covid-Bereich immer weiter vergrößern und zusätzlich Platz für Patienten mit Covid-19-Verdacht schaffen. Der organisatorische Aufwand ist sehr groß. Zudem fällt Personal aus, weil es mit Covid-Patienten Kontakt hatte und Erkältungssysmptome auftreten. Der Kontrollverlust droht, wenn uns die Ressourcen ausgehen.

Heißt das, Ihnen fehlt Personal?

Die Ressourcen sind personell knapp und räumlich ebenfalls. Wir können Patienten nicht mehr in weniger betroffene Gebiete in Hessen verlegen. Diese Option ist weggefallen, weil sich die Fallzahlen regional angeglichen haben. Alle haben momentan dasselbe Problem. Es geht daher gerade nicht anders, als dass wir andere Eingriffe und Untersuchungen verschieben.

Was wird genau verschoben?

Mittlerweile sind wir so weit, dass alles, was planbar ist oder verschoben werden kann, im Klinikum Darmstadt auch verschoben wird. Das bedeutet, dass wir eine gewisse Bugwelle an Patienten und Eingriffen vor uns herschieben. Das ist keine gewollte oder politische Entscheidung, das ist das Virus, das uns aktuell dazu zwingt. Wir können nur versuchen, dass wir diesen Zeitraum so klein wie möglich halten. Ich bin mir der Tatsache bewusst, dass ein Ruf nach mehr Ressourcen für die Covid-Versorgung bedeutet, dass andere Abteilungen zurückstecken und die Patienten dort länger auf ihre Eingriffe warten müssen. Deswegen bin ich eigentlich sehr zurückhaltend damit. Aber aktuell sind wir so weit, dass es einfach nicht mehr anders geht.

Am Freitag gab es in Deutschland den traurigen Höchststand von 598 Toten binnen eines Tages. Verlieren Sie auch Patienten?

Ja, wir haben viele schwere Verläufe, und wir verlieren auch Patienten. Wir haben uns von der leicht abflachenden Kurve an Neuinfektionen nicht täuschen lassen. Wir wussten ja, dass der Anteil der Patienten über sechzig steigt. Wenn man sich auf unseren Stationen umsieht, erkennt man, dass viele ältere Menschen und auch Menschen aus Pflegeheimen betroffen sind. Es ist ähnlich wie im Frühjahr, nur sind es deutlich mehr. Jeder Kollege, der auf einer Covid-Station arbeitet, weiß, dass es dort einfach sehr viel öfter zu Todesfällen kommt als im regulären Stationsbetrieb. Das hat natürlich viel mit der Erkrankung, aber auch etwas mit der Isolationspflicht zu tun. Die Patienten müssen bis zum Ende in der Klinik sein. Ein Versterben zu Hause im Beisein der Familie ist keine Option.

Viele Menschen berichten, dass sie ihre Angehörigen vor deren Covid-Tod nicht mehr sehen konnten. Wie ist das bei Ihnen geregelt?

Leider gehört die Isolation bei einer Covid-19-Erkrankung dazu. Die Patienten sehen nur noch Mitarbeiter des Krankenhauses in voller Montur. Das ist ganz schön gruselig, ich habe das ja selbst als Covid-Patient erlebt. Das verstärkt noch mal dieses subjektive Gefühl der Einsamkeit. Und je mehr Patienten das Pflegepersonal und die Ärzte zu versorgen haben, desto weniger Zeit können sie sich für den Einzelnen nehmen. Das ist sehr traurig. Im Frühjahr war das anders, da konnten wir die Patienten länger auf der Station behalten, im Schnitt 14 Tage. Und wir hatten nur 15 bis 20 Patienten, konnten uns also auch mehr Zeit für jeden Einzelnen nehmen. Jetzt ist die durchschnittliche Liegezeit pro Covid-Patient auf unserer Station deutlich kürzer. Die Angehörigen erreichen unsere Patienten über Video-Telefonie. Wir haben Tablets auf der Station. Und in schwierigen Fällen, wenn jemand stirbt, dürfen Angehörige mit Ausnahmeregelungen den Patienten auch sehen. Natürlich in voller Schutzmontur. Das sind Ausnahmen, aber menschlich müssen die einfach sein.

Das muss auch für die Mitarbeiter hart sein. Wie ist die Stimmung?

Die letzten neun Monate haben gezeigt, dass viele Mitarbeiter über sich hinausgewachsen sind. Dass wir nun mehr als doppelt so viele Patienten wie im Frühjahr versorgen können, mit einer ähnlichen Personalausstattung – ich hätte nicht gedacht, dass das so möglich ist. Aber es hat seinen Preis: Das Personal wird mürbe. Der Ton wird stellenweise schroffer. Durchhalteparolen helfen nur begrenzt. Aber es gibt die Perspektive, dass wir das momentane Arbeitspensum nicht über das ganze Jahr 2021 durchhalten müssen. Das ist eigentlich das Einzige, was wirklich hilft. Ich würde es begrüßen, wenn die Politik etwas dafür tun könnte, das medizinische Personal zu entlasten. Ich meine gerade keine Boni oder finanzielle Hilfen. Akut halte ich es für wichtiger, dass die Gefährdung und der Druck auf das Personal weniger werden. Das kann nur durch nachlassende Neuinfektionen erreicht werden. Damit wir 2021 endlich aus diesem Krisenmodus herauskommen können. Und dann müssen wir uns mit dieser Erfahrung als Gesellschaft fragen, was uns gute Pflege in Zukunft auch finanziell wert ist.

Über einen harten Lockdown wird gerade heftig debattiert. Die Kanzlerin hat am Mittwoch eine emotionale Rede im Bundestag gehalten. Wie nehmen Sie diesen Diskurs wahr?

Ich kann Angela Merkels Reaktion verstehen. Immer wieder dasselbe zu machen und zu erwarten, dass dabei dann etwa anderes herauskommt, ergibt keinen Sinn. Jetzt warten wir schon seit geraumer Zeit mit unseren sehr leichten Maßnahmen darauf, dass die Kurve der Neuinfektionen sinkt. Das tut sie nicht. Und wir wissen, dass der Anteil der Älteren unter den Neuinfizierten immer weiter ansteigt. Das heißt nichts anderes als: Die Belastung der Intensivstationen und Krankenhäuser geht immer weiter hoch. Man muss sich überlegen, wie man diesen Kreis durchbrechen kann. Das müssen die Politik und die Epidemiologen und Virologen übernehmen. Ich kann aus meiner Position nur sagen: Wir brauchen ein Abflachen der Neuinfektionskurve und einen besseren Schutz der Risikogruppe über sechzig.

Wo stecken sich denn Ihrer Einschätzung nach die meisten Patienten im „Lockdown light“ an?

Die Anzahl der Menschen, bei denen das nicht nachvollzogen werden kann, ist sehr hoch. Viele haben einen unmittelbaren kleinen Kreis, in dem es einen positiven Fall gibt. Da ist die Sache klar. Aber woher die es dann haben, das weiß man meist nicht. Wir bekommen viele Patienten, die sich ganz einfach bei Familienangehörigen angesteckt haben. Aber die Rekonstruktion der Infektionskette bis zum „Patient null“ gelingt schon lange nicht mehr.

An Weihnachten wollen viele Menschen ihre Familie sehen. In den Vereinigten Staaten haben sich viele Covid-Patienten bei der Thanksgiving-Feier angesteckt.

Wir sollten von den Erfahrungen der Amerikaner lernen. Es ist aus epidemiologischer Sicht kein Geheimnis, dass das Weihnachtsfest, bei dem verschiedene Generationen teilweise nach längeren Reisen zusammenkommen, eine erhebliche Gefahr darstellt. Ich verstehe auch den Wunsch vieler Menschen und der Politik, so viel, wie es eben geht, durchgehen zu lassen. Aber mit den Erfahrungen der letzten Wochen und aus den Vereinigten Staaten sehe ich einfach keinerlei Möglichkeit, über die Weihnachtsfeiertage die Regeln zu lockern. Es sei denn, man nimmt tatsächlich einen dramatischen Anstieg der Neuinfektionskurve und der Todesfälle in Kauf. Ich glaube, das ist unmöglich zu verantworten.

Aktuell sind an Weihnachten und Silvester zehn Personen aus egal wie vielen Haushalten erlaubt.

Ich halte das nicht für vertretbar.

Was macht Ihnen im Moment am meisten Sorgen?

Etwas Medizinisches. Wir freuen uns natürlich auf den Impfstoff. Wenn der gut angenommen wird, sorgt er im besten Fall dafür, dass wir immer weniger Covid-Patienten aufnehmen müssen. Es wird aber weiter Fälle geben. Und ein wirklich effektives, gut wirksames Medikament für Patienten in der Frühphase der Erkrankung, bei denen sich ein schwerer Verlauf abzeichnet – das fehlt uns noch. Für den Patienten, bei dem ein hohes Risiko vorliegt, weil er älter ist oder Vorerkrankungen hat, oder bei dem man anhand von Blutwerten einen schweren Verlauf prognostizieren kann, haben wir noch kein durch Studien in der Effektivität bestätigtes Medikament. Remdesivir hat in der WHO-Studie leider keine signifikante Wirkung gezeigt. Es kann aber sein, dass es bei bestimmten Gruppen hilft.

Ähnlich sieht es beim Rekonvaleszenzplasma aus, das in den ersten Studien enttäuschende Ergebnisse geliefert hat. Aber auch da laufen noch Studien mit dem Fokus auf Hochrisikogruppen. Für uns Mediziner ist es einfach schwierig: Wir sehen, dass sich ein schwerer Verlauf abzeichnet, aber wir sind gegen diese Entwicklung oft machtlos. Wir können für die größtmögliche Sicherheit der Patienten sorgen und versuchen, die Verschlechterung nicht zu verpassen, und natürlich zusätzliche Komplikationen behandeln. Aber kausal können wir in dieser Phase nicht helfen. Wir dürfen bei der Freude über den Impfstoff nicht vergessen, dass wir solche Medikamente brauchen und die Forschung daran weitergehen muss.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Duerrholz, Johanna
Johanna Dürrholz
Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET
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