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Arzt im Interview

„Jeder Covid-19-Patient ist ein Risikopatient“

Von Sebastian Eder
Aktualisiert am 31.05.2020
 - 11:39
Behandelt Covid-19-Kranke: Dr. med. Cihan Çelik im Klinikum Darmstadt
Alle zwei Wochen sprechen wir mit Cihan Çelik über seine Arbeit auf einer Covid-19-Isolierstation. Heute geht es um leere Betten, Zeit zum Durchatmen, die Saisonalität der Krankheit – und die Erschöpfung genesener Patienten.

Herr Doktor Çelik, wir sprechen alle zwei Wochen über Ihre Arbeit als Funktionsoberarzt auf der Isolierstation für Covid-19-Kranke im Klinikum Darmstadt. Wie ist dort aktuell die Lage?

Gerade verlassen die letzten Covid-Patienten unsere Normalstation. Eine Patientin ist noch bei uns, alle anderen positiv getesteten sind nach Hause gegangen oder in andere Kliniken verlegt worden, in denen sie weiterbehandelt werden. Der Zustrom an Verdachtspatienten nimmt nicht ab, weil wir weiterhin sehr wachsam sind. Aber der Anteil an positiven Tests sinkt kontinuierlich. Allerdings sind immer noch Patienten auf der Intensivstation, die einen schweren Covid-19-Verlauf haben. Bei manchen dauert die Entwöhnung vom Beatmungsgerät sehr lange, andere sind noch nicht stabil genug, um auf die Normalstation zurückzukehren. Das sind die komplizierten Fälle, da liegt die Diagnose aber schon länger zurück.

Fühlt es sich so an, als sei das Schlimmste erst mal überstanden?

Wir wissen mit Blick aufs Ausland, dass der Frieden sehr fragil ist. So gehen wir das Ganze auch organisatorisch an. Einen Teil der Covid-19-Isolierstation werden wir jetzt wieder für Patienten mit anderen Lungenerkrankungen öffnen. Aber wir geben die Station nicht komplett auf, auch wenn die Covid-19-Betten vorerst leer bleiben. Es können jederzeit Hotspots wie beim Gottesdienst in Frankfurt aufflackern, da wollen wir vorbereitet sein. Aber es gibt auch Patienten mit anderen wichtigen Problemen, die brauchen genauso Platz im Krankenhaus.

Lange hieß es, dass wärmere Temperaturen die Verbreitung von Sars-CoV-2 kaum verlangsamen würden. Überrascht es Sie, dass die Zahlen der Neu-Infizierten jetzt trotz der Lockerungen der Corona-Maßnahmen sinken?

Die Aussagen zur Saisonalität der Erkrankung waren in der Wissenschaft schon immer mit großer Vorsicht versehen. Es war nie sicher, welche Effekte die Außentemperatur hat. Wir haben immer gehofft, dass es mit wärmeren Temperaturen zu einem Rückgang der Infektionen kommt. Entscheidend ist bei dieser Erkrankung die Menge der Viren in den Schleimhäuten im oberen Atemtrakt. Diese Schleimhäute sind bei trockener Heizungsluft im Winter deutlich anfälliger für Viren. Ich hoffe, dass die warmen Temperaturen zu einem weiteren Absinken der Infiziertenzahl führen. Aber wir wissen nicht, wie lange das anhält. Mental stelle ich mich darauf ein, dass es im Herbst eine zweite Welle geben kann. Ich hoffe es natürlich nicht. Aber wenn es so kommt, wissen wir immerhin schon viel mehr über die Krankheit als bei der ersten Welle.

Es wird immer noch Neues bekannt. Zuletzt wurde viel darüber berichtet, dass die Blutgerinnung durch SarS-CoV-2 extrem aus dem Gleichgewicht gerät – wie bemerkt und behandelt man das?

Es hat damit angefangen, dass wir bei Patienten eine völlig unerklärliche Störung der Sauerstoffsättigung im Blut festgestellt haben, obwohl die Lunge eigentlich gut belüftet war. Man hat auf Röntgenbildern Infiltrate in der Lunge gesehen, die waren aber nicht so schwerwiegend wie die im Blut gemessenen Werte. In Studien und Obduktionen wurde dann festgestellt, dass sich nicht nur das Lungengewebe entzündet, sondern auch die Gefäße der Lunge. Das kann dazu führen, dass es zu Gerinnseln kommt und die Lunge nicht richtig durchblutet wird. Und wenn Teile der Lunge nicht durchblutet werden, kann das Blut dort nicht mit Sauerstoff angereichert werden. Deshalb haben wir sehr früh damit begonnen, Covid-Patienten auch mit blutverdünnenden Medikamenten zu behandeln. Man kann dann anhand bestimmter Parameter sehen, ob diese Gerinnungsstörung abnimmt. Daran haben wir uns orientiert. Dieses Phänomen hatte auch direkten Einfluss auf die Beatmungsstrategien. Während man noch zu Beginn zu früher Intubation und künstlicher Beatmung riet, wird heute ein zurückhaltenderes Konzept gewählt.

Bei einer normalen Lungenentzündung ist die Durchblutung der Lunge nicht gestört?

Nein, da ist vor allem die Durchlüftung gestört, weil zum Beispiel Flüssigkeit oder Schleim verhindern, dass Atemluft in bestimmte Bereiche der Lunge gelangt. Eine Lunge funktioniert, wenn sie gut belüftet und gut durchblutet ist. Bei Covid-19 können beide Faktoren gestört sein. Die gestörte Gerinnung des Blutes kann außerdem dazu führen, dass andere Organe nicht richtig durchblutet werden. Und es kann zu Thromboembolien kommen: Geronnenes Blut löst sich, wird in verschiedene Bereiche des Körpers gespült und richtet dort Schaden an.

Viele Corona-Patienten mit leichten Symptomen haben sich zu Hause auskuriert. Ist das nicht eine gefährliche Strategie, wenn man die geringe Sauerstoffsättigung im Blut und eventuelle Durchblutungsstörungen selbst kaum bemerkt?

Das Tückische an Covid-19 ist sicherlich, dass grade zu Beginn jeder nur sehr milde Symptome hat. Dass es in Deutschland aber zu einer erhöhten Mortalität kam, weil viele sich zu Hause auskuriert haben, bezweifle ich. Wir haben ein sehr engmaschiges medizinisches System und jeder Patient kann bei Problemen schnell ins Krankenhaus kommen. Wir haben hier alle Fälle sehr ernst genommen, auch milde Verläufe – vor allem wegen der Problematik mit der Sauerstoffsättigung im Blut.

Manche Menschen in Deutschland haben sich Pulsoxymeter bestellt, um zu Hause am Finger die Sauerstoffsättigung zu messen. Ergibt das Sinn?

Da gibt es viele Störgrößen, angefangen von der Farbe des Nagellacks, den man vielleicht benutzt, bis zum Zielwert, der nicht bei allen Patienten gleich ist. Für jeden Wert braucht es jemanden, der ihn richtig interpretieren kann. Deswegen empfehle ich das nicht.

Covid-19-Patienten, die aus dem Krankenhaus entlassen worden sind, klagen oft noch sehr lange über Erschöpfung. Ist das eine Besonderheit bei dieser Krankheit?

Mit jedem Tag, den man im Krankenhaus verbringt, verliert man Kondition, Muskelmasse und Belastbarkeit – besonders auf der Intensivstation. Das muss man sich wieder erarbeiten, das ist erst mal normal. Auch die Lunge braucht immer Zeit, um sich von einer Entzündung zu erholen. Es kann zwei Monate dauern, bis sie wieder genauso belüftet wird wie vorher. Bei Patienten mit überstandener Covid-19-Erkrankung haben Lungenfunktionstests gezeigt, dass das Lungenvolumen reduziert war. Es passt weniger Luft in die Lunge hinein als vorher. Außerdem kann der Sauerstoff nicht mehr so leicht ins Blut übergehen. Das sind aber noch sehr kleine Datenmengen, die sich auf einen relativ kurzen Zeitraum nach der Erkrankung beziehen. Man wird erst im Laufe der Zeit sehen, ob funktionell etwas übrig bleibt von diesen Störungen. Kurzfristig sind diese Erschöpfungssymptome erklärbar. Die entscheidende Frage ist: Wie ist es langfristig?

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Was hat sich im Krankenhaus verändert im Umgang mit der Krankheit?

Mittlerweile vertrauen wir nicht mehr so sehr wie am Anfang auf diagnostizierte Vorerkrankungen. Wir haben eindeutig die Erfahrung gemacht, dass jeder Mensch an Covid-19 erkranken kann. Das mag eine selektive Wahrnehmung sein, statistisch gesehen sind eher Männer als Frauen, eher Ältere als Jüngere, und eher Menschen mit Vorerkrankungen als ohne von schweren Verläufen betroffen. Aber wir haben hier junge, alte, vorerkrankte und nicht vorerkrankte Patienten gesehen, teilweise mit schweren Verläufen. Die Einstellung hat sich deswegen etwas verändert. Wir schauen nicht nur besonders genau nach den Patienten, die vorerkrankt sind. Sondern wir sehen jeden Patienten, der Covid-19 hat, als Risikopatienten.

Wie geht es Ihnen persönlich in dieser Phase der Pandemie jetzt?

Ich habe das Gefühl, dass wir etwas Großes geschafft haben, in der Klinik und in der Bevölkerung. Für unser Team ist es jetzt an der Zeit, durchzuschnaufen und zur Ruhe zu kommen. Ich habe das erste Mal seit langem wieder ein paar Tage frei. Von großen Menschengruppen halte ich mich aber weiter zurück – ohne zu behaupten, dass das jeder so machen muss. Ich habe viele Kontakte im Krankenhaus, bleibe vorsichtig und auch auf Distanz zu meinen Eltern. Aber andere können sich da gemäß der Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts sicher wieder etwas mehr erlauben. Was mir noch wichtig ist, weil ich es täglich im Krankenhaus erlebe: Dass die Arbeit der Frauen mal besonders gewürdigt wird. Die meiste Arbeit in den Kliniken erledigt die weibliche Belegschaft. Sie haben diese Krise geschultert. Aber die Experten in der Öffentlichkeit sind fast immer männlich.

Vielen Dank, Herr Doktor Çelik. Wir hören uns in zwei Wochen – oder spätestens, wenn es auf Ihrer Station wieder voller werden sollte.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Eder, Sebastian
Sebastian Eder
Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.
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