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Covid-Arzt im Interview

„Wie ein real gewordener Science-Fiction-Albtraum“

Von Johanna Dürrholz
20.12.2020
, 10:53
Dr. Cihan Çelik und seine Kollegen behandeln Covid-19-Patienten in Darmstadt Bild: privat
Ein Blick zurück auf ein turbulentes Jahr: Der Lungenarzt Cihan Çelik hat uns hier regelmäßig Updates von der Corona-Station im Klinikum Darmstadt gegeben. Nun blicken wir zurück auf 2020.
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Herr Doktor Çelik, wir sprechen regelmäßig über Ihre Arbeit als Funktionsoberarzt auf der Isolierstation für Covid-19-Kranke im Klinikum Darmstadt. Wie ist dort die Lage?

Wir sind aktuell bei über 60 Patienten auf unseren Stationen, dazu kommen noch 15 Patienten auf der Intensivstation. Letzte Woche waren es bei uns 40. Die Tendenz ist weiter steigend, so dass wir jetzt noch mehr Stationen für Covid-Patienten freiräumen. Die Kriterien für ein Ende der Isolationspflicht bei Erkrankten sind in Hessen strenger als vom RKI empfohlen. Das macht es uns teilweise schwer, die Patienten wieder zu entlassen. Patienten mit einem schweren Verlauf, die sich im Anschluss an die Krankenhausbehandlung nicht zu Hause isolieren können, müssen wir so lange auf der Station behalten, bis sie einen negativen Test haben. Das führt dazu, dass Patienten, die eigentlich keine stationäre Behandlungsindikation mehr haben und nach aller Wahrscheinlichkeit auch nicht mehr ansteckend sind, noch bei uns bleiben. Es kommen immer mehr schwer Betroffene zu uns, gleichzeitig haben wir Patienten, die nur noch das Ende der Infektiosität abwarten, und so wird der Platz eng.

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Bundesweit sind die Infektionszahlen hoch, die Zahl der Todesfälle so hoch wie nie.

Die Entwicklung ist auch bei uns so, wie es diese Zahlen vermuten lassen. Auch bei uns haben wir immer mehr schwere Fälle, auch mehr Todesfälle und auch immer mehr Aufnahmen.

Die Politik hat Ihre Bitten von letzter Woche erhört und den Lockdown ausgerufen. Nur an Weihnachten gibt es Ausnahmen.

Ich habe mir das Schaubild mit den Regelungen angeguckt, und ich habe es ehrlich gesagt nicht verstanden. Das ist ja sogar komplizierter als unsere Isolationskriterien in Hessen! Ich kann verstehen, woher der Wunsch nach Ausnahmen an Weihnachten kommt. Aber aus unserer Sicht im Krankenhaus kann ich sagen: Es ist gerade nicht die Zeit für Kompromisse, wenn es um die Aufrechterhaltung der Krankenversorgung geht. In letzter Konsequenz hat hier der Mut gefehlt. Es ist aber ja nicht ausgeschlossen, dass die Menschen freiwillig vorsichtig sind. Mittlerweile sollte jeder wissen: Je weniger Kontakte – gerade generationenübergreifend –, desto besser. Man muss das Erlaubte nicht bis ins Letzte ausreizen.

Weihnachten ist natürlich eine emotionale Zeit, auch für viele Familien.

Ich kann das gut verstehen, auch in unserer Familie feiern wir sonst mit vielen Leuten groß Weihnachten. Dieses Jahr wird das etwas anders sein. Ich hab' ja eine gute Ausrede mit meiner Arbeit im Krankenhaus.

Können Sie die Feiertage überhaupt genießen?

Nein. Wir mussten gerade unsere Dienstpläne weiter ausbauen. Mittlerweile hat unsere Abteilung drei vollbesetzte Stationen zu versorgen, die 24 Stunden am Tag durch Ärzte betreut werden müssen. Das geht mit der ursprünglichen Planung, die wir noch letzten Monat hatten, natürlich nicht. Diesen Patientenansturm hatten wir nicht erwartet und Patientensicherheit steht an oberster Stelle. Darum werden die Dienstpläne hochgefahren – und da werde ich natürlich auch dabei sein.

Sie werden Ihre Familie nicht wie sonst sehen?

Leider nicht.

Wir schauen auf ein hartes und aus Ihrer Sicht sicherlich anstrengendes Jahr zurück. Was ist für Sie persönlich die entscheidende Lehre aus 2020?

Das ist die Einsatzbereitschaft der Menschen in Gesundheitsberufen. Wir hatten diese völlig neue Gefahr, eine ansteckende Krankheit, die schwer verlaufen kann und über die wir nichts wussten. Wie schnell sich da die Menschen einsatzbereit gezeigt haben, Schichten übernommen haben und bereit waren, mehr über dieses Virus zu lernen! Damit meine ich auch gerade die Pflege, die an vorderster Front stand. Das war sehr beeindruckend. Und ich glaube, das ist ein Grund dafür, warum die Patientenversorgung in Deutschland immer noch gut funktioniert, selbst wenn wir an unsere Grenzen kommen. Die Grenzen des Gesundheitssystems sind die Grenzen der Menschen, die darin arbeiten. Es sind gar nicht so viele Menschen von außen dazu gekommen, um zu helfen. Wir arbeiten aber unter viel größerer Belastung – und es ist ja kein Geheimnis, dass die Arbeit in Krankenhäusern und Pflegeheimen auch vorher schon kein Zuckerschlecken war. Trotzdem schaffen es die Mitarbeiter, das Gesundheitssystem am Laufen zu halten. Das ist eine Extremsituation. Und bei allen Vergleichen, die es immer wieder mit einer Grippewelle gibt – jeder, der im Krankenhaus arbeitet, weiß genau, dass die Situation auf den Stationen und den Intensivstationen eine ganz andere ist als während der stärksten Grippewelle.

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Hat die Corona-Pandemie noch einmal gezeigt, wie prekär die Arbeitssituation von Pflegekräften und Krankenhausmitarbeitern ist?

Die Probleme sind seit so vielen Jahren bekannt, aber wirklich vorwärts geht es damit nicht. Der politische Wille fehlt. Mir ist klar, dass jetzt gerade nicht der richtige Zeitpunkt ist, um über mehr Geld für die Pflege zu reden. Aber es wird eine Zeit nach der Pandemie geben. Das wird gleichzeitig die Zeit vor der nächsten Pandemie sein. Dann muss man diese Themen wieder auf den Tisch bringen und aus den Erfahrungen der Pandemie lernen.

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Sie glauben, es kommt noch eine Pandemie?

Das hat uns die Geschichte gezeigt, das ist nur eine Frage der Zeit. Ich hoffe, dass es viele Jahrzehnte dauert, bis es uns wieder so schwer ereilt. Aber es wird immer wieder Pandemien geben.

Studien zufolge erkranken Mitarbeiter des Gesundheitswesens nicht nur häufiger an Corona, sondern haben auch ein höheres Risiko, einen schweren Verlauf zu erleiden oder gar zu sterben.

Diese Erkenntnisse muss man trennen. Die höhere Zahl an Infektionen von Mitarbeitern des Gesundheitswesens ist ja logisch, sie haben einfach viel häufiger Kontakt zu Menschen und auch Infizierten. Wir auf der Covid-Station können uns besser schützen, wir wissen ja schon, dass die Patienten positiv sind und tragen Schutzausrüstung. Aber wer viel mit kranken Menschen zu tun hat, kann sich auch anstecken. Warum Mitarbeiter im Gesundheitswesen häufig schwerere Verläufe erleiden, ist noch nicht bekannt. Eine Hypothese ist die höhere Viruslast. Dagegen spricht, dass Patienten, die sich im Krankenhaus vorstellen, meist schon am achten oder neunten Tag der Infektion stehen. Zu diesem Zeitpunkt ist die Viruslast und Infektiosität gar nicht mehr so groß. Die meisten Menschen, deren Verlauf sich so verschlechtert, dass sie im Krankenhaus behandelt werden müssen, sind also gar nicht mehr so ansteckend.

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Sie selbst hatten als Arzt ja nun auch einen schweren Verlauf. War das für Sie einfach das normale Berufsrisiko?

Wenn ich mich in die Zeit zurückversetze, zu der ich mich angesteckt habe: Alles, was man den Patienten so rät, damit ihr Immunsystem gestärkt ist, also ausreichend Schlaf, eine gesunde Ernährung, viel Sport und Zeit an der frischen Luft, all das konnte ich in diesen Wochen nicht wirklich beachten. Von daher war ich sicher nicht so abwehrbereit, wie ich es schon mal war. Aber auch das ist nur eine Hypothese. Das Ansteckungsrisiko muss man bei der Arbeit auf einer infektiologischen Station leider mit einkalkulieren.

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Haben Sie sich denn vollständig erholt? Viele Patienten berichten ja von Langzeitfolgen.

Ich beobachte keine Langzeitfolgen bei mir. Die Rippenschmerzen sind glücklicherweise fast weg. Es ist aber auch nicht ganz geklärt, wie viele der Langzeitfolgen covid-spezifisch sind. Natürlich schauen Menschen nach einer Covid-Erkrankung gerade verstärkt nach Symptomen bei sich, das ist auch gut so. Das führt aber auch zu einer Form von „Overreporting“. Je unsicherer man sich in seinem eigenen Körper fühlt, desto mehr Symptome fallen auf.

Was haben Sie gedacht, als Sie zum ersten Mal vom Virus gehört haben? Hatten Sie eine Ahnung, welches Ausmaß die Pandemie haben würde?

Zuerst waren da die Bilder aus China, Berichte von einer ominösen Lungenerkrankung. Dazu die Bilder aus Wuhan, einer abgeriegelten Stadt. Wie ein real gewordener Science-Fiction-Albtraum, aber noch weit entfernt und immer mit dem Wissen, dass die Chinesen Dinge eben anders angehen. Es war Anfang des Jahres äußert schwierig, verlässliche Informationen zu der Erkrankung zu bekommen. Es war auch nicht die erste Epidemie in den letzten 20 Jahren, die lokal verheerende Auswirkungen hatte. Mein Interesse war also zunächst akademisch. Denn auch SARS1 und MERS haben sich nicht bis zu uns ausgebreitet. Aber alles ist dann so schnell gegangen, dass auch die wildeste Phantasie nicht hinterhergekommen wäre.

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Gab es in diesem Jahr ein Schicksal eines Patienten oder einer Patientin, das Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist?

Bei dieser Frage gehen mir direkt ganz viele Gesichter durch den Kopf. Mir sind vor allem die Menschen im Gedächtnis geblieben, die extrem hilflos waren. Die völlig ohne Kenntnisse über diese Erkrankung und ohne zu einer Risikogruppe zu gehören schwere Verläufe hatten. Und teilweise nicht mal Deutsch sprachen. Nicht vergessen kann ich einen Lkw-Fahrer, der aus Rumänien eigentlich nur durch Deutschland fahren wollte und dann in seinem Führerhaus ohnmächtig geworden ist. Wo er sich genau angesteckt hat, wissen wir nicht. Die Kommunikation war sehr schwierig. Er ist an der Autobahnraststätte in der Nähe von Darmstadt abgeholt worden und kam dann für mehrere Wochen zu uns. Wir haben dann mithilfe der Pflegekräfte mit ihm gesprochen, die haben gedolmetscht. Und auch die Dankbarkeit, die uns die Patienten gezeigt haben, kann ich nicht vergessen. Wir waren ja während der Erkrankung oft der einzige menschliche Kontakt für die Patienten. Immer wieder hatten wir auch Fälle, in denen mehrere Familienmitglieder gleichzeitig zu uns auf die Station kamen. Das war immer sehr schwierig, wenn der eine Patient einen sehr schweren Verlauf hatte. Dann liegt die Person, die es zuerst hatte, im Nachbarzimmer und fühlt sich schuldig. Da waren ganze Familien, die zusammen gelitten haben. Das hat sich richtig in mein Gedächtnis eingebrannt.

Wir haben Menschen da, die bei der Aufnahme noch keinen Sauerstoffbedarf haben, die sich aber in kürzester Zeit so sehr respiratorisch verschlechtern, dass man sie zu den Kollegen der Intensivstation verlegen muss, wo mehr Sauerstoff gegeben und mit Druck beatmet werden kann. Immer mit der Hoffnung, dass man sich in ein paar Tagen auf der Normalstation wiedersieht. So etwas wird nicht zur Routine.

Wurden auch Fehler gemacht? Zum Beispiel bei der Behandlung?

Wir haben herausgefunden, dass eine frühe Intubation eher nachteilig ist. Aber möchten wir die anfängliche Beatmungsstrategien als Fehler bezeichnen? Ich würde sagen: nein. Wir mussten uns anfangs ja auch auf die Erkenntnisse aus China verlassen. Eine andere Sache ist aber: Wie gehen Politik und Gesellschaft mit wissenschaftlichen Erkenntnissen um? Im Sommer wurde in den Medien einem gewissen Umgang mit dem Virus besonders viel Platz eingeräumt. Obwohl das nicht der am weitesten verbreiteten Expertenmeinung entsprach. Die kritische Diskussion wissenschaftlicher Erkenntnisse und Studien unter Experten ist wichtig. Wenn jede neue Studie, kritische Einzelfälle, unerwünschte Ereignisse in klinischen Studien zu einer Schlagzeile werden, hat die nicht-wissenschaftliche Öffentlichkeit dann Schwierigkeiten, das wirklich Wichtige vom „nicht Signifikanten“ zu unterscheiden. Das verzerrt die öffentliche Wahrnehmung. Über andere Dinge, zum Beispiel, dass sich nach wie vor mehr Menschen anstecken und schwere Verläufe haben, die Minderheiten angehören oder sozial benachteiligt sind, wird hingegen wieder weniger berichtet. Weil das Virus aktuell wieder alle Menschen betrifft. Aber eben weiterhin nicht gleichermaßen.

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Hatten Sie schon mal einen Coronaleugner als Patient auf der Station?

Wenn, dann hat er es mir verschwiegen (lacht). Komischerweise sieht man im Krankenhaus keine Corona-Leugner.

Was glauben Sie, wie sieht Weihnachten 2021 aus?

Meine Prognose ist von großen Hoffnungen getrieben. Auch der vergleichsweise entspannte Sommer hat für mich persönlich zu keiner Entspannung geführt. Ich brauche in dieser Geschichte irgendeine Art von Abschluss. Darum habe ich die Hoffnung, dass wir das Virus im Laufe des kommenden Sommers irgendwie in den Griff bekommen. Das wird nicht bedeuten, dass es gar keine Maßnahmen oder Infektionen mehr geben wird. Aber mein Wunsch ist, dass wir Weihnachten 2021 im Kreis der Familie feiern können. Ohne komplizierte Schautafeln. Das hoffe ich!

Quelle: F.A.S.
Johanna Dürrholz
Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET
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