Lungenarzt Cihan Çelik

„Es droht kein Engpass mehr“

Von Sebastian Eder
30.05.2021
, 08:33
Berichtet aus dem Alltag auf der Corona-Isolierstation: Cihan Çelik, Facharzt für Innere Medizin und Pneumologie.
Der Covid-Bereich im Klinikum Darmstadt wird wieder schrittweise verkleinert. Oberarzt Cihan Çelik über den Rückgang an Todesfällen, das Sterben in Würde und warum er keinen Urlaub im Sommer plant.
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Herr Doktor Çelik, wir sprechen regelmäßig über Ihre Arbeit als Oberarzt auf der Isolierstation für Covid-19-Kranke im Klinikum Darmstadt. Wie ist aktuell die Lage?

Wir konnten unseren Covid-Bereich wieder schrittweise verkleinern. In dieser Woche haben wir uns mit der Normal- und Überwachungsstation auf eine Station zurückgezogen, so können wir dringend benötigte Betten-Kapazitäten für den Nicht-Covid-Bereich freigeben. Auf der Intensivstation ist mit etwas zeitlicher Verzögerung demnächst auch zu erwarten, dass die Patienten auf einer einzigen Station versorgt werden können. Wir lassen uns vom allgemeinen Optimismus etwas anstecken und sehen, dass die Inzidenzen und die Neuaufnahmen deutlich rückläufig sind. Darüber freue ich mich. Manchmal bin ich aber auch ernüchtert, wenn ich morgens bei der Besprechung feststelle, dass doch wieder Patienten mit schweren Verläufen aufgenommen worden sind. Man darf nicht vergessen, dass sich weiter Menschen anstecken, einen schweren Verlauf haben und auch auf der Intensivstation behandelt werden müssen. Diese Patienten ärgern sich noch mehr über ihre Infektion, weil das Ende der Pandemie ja in Sicht ist.

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Aber es gibt keine Kapazitätsprobleme mehr auf der Intensivstation?

Seit vergangener Woche droht bei uns akut kein Engpass mehr. Wir kriegen die Patienten bei Bedarf gut verlegt, mussten zuletzt aber auch weniger als vorher auf die Intensivstation verlegen. Auch Todesfälle sind seltener geworden.

Sind Covid-Patienten eigentlich auch auf Ihrer Normalstation gestorben?

Bei uns gab es sowohl auf der Normal- als auch auf der Intensivstation deutlich mehr Todesfälle als im regulären Non-Covid-Betrieb. Die Patienten sterben nicht nur auf der Intensivstation. Häufig haben Pa­tienten bereits im Vorhinein den Wunsch geäußert, dass bei schwerer Erkrankung ohne Aussicht auf einen Therapie-Erfolg zum Beispiel keine maschinelle Beatmung oder intensivmedizinische Therapie erfolgen soll. Bei einer prinzipiell reversiblen Lungenentzündung durch eine Infek­tions­erkrankung wie Covid-19 ist es aber gar nicht so einfach zu beurteilen, wann keine Aussicht auf Erfolg besteht. Daher helfen uns viele Standard-Patientenverfügungen da nicht weiter und wir müssen die Situation mit dem Patienten oder An­gehörigen besprechen. Im Zweifel werden intensivmedizinische Maßnahmen ergriffen. Falls keine Intensivtherapie ge­wünscht ist, kann die Symptomtherapie auf der Normalstation stattfinden. Dort tun wir dann alles dafür, dass der Patient keinen Stress empfindet, dass er keine Luft­not verspürt, dass er keine Angst und keine Schmerzen hat. Außerhalb der Pandemie haben wir das Sterben oft sogar zu Hause möglich gemacht. Aber das ist bei infektiösen Patienten nicht realisierbar. Das Sterben in Würde zu ermöglichen, gehört zu guter Medizin. Die Pandemie macht das nicht einfacher.

Können Angehörige mittlerweile Abschied von sterbenden Covid-Patienten nehmen?

Es ist weiterhin so, dass die telefonische Betreuung der Angehörigen, die sich zu Hause Sorgen machen, viel Zeit in Anspruch nimmt. Über Videotelefonie können sie auch mit den Patienten reden. Wenn es wirklich kritisch wird, ermöglichen wir, dass Angehörige, die am besten selbst keine Risikopatienten oder schon geimpft sind, im Krankenhaus Abschied nehmen können. Nicht immer ist eine Verschlechterung allerdings so absehbar, dass man das rechtzeitig machen kann. Eine deutliche Entwicklung bei uns ist, dass sich oft ganze Familien anstecken. Die Variante B.1.1.7 hat eine höhere „secondary attack rate“, Haushaltsmitglieder werden häufiger auch infiziert. In den vergangenen Wochen hatten wir einige Ehepaare mit zeitlich synchronem Verlauf bei uns. Normalerweise kommen Männer und Frauen in getrennte Zimmer, in diesem Fall liegen sie aber zusammen. Das ist auf der einen Seite gut für sie. Wenn sich aber bei einem Patient der Zustand verschlechtert, und der andere bekommt das mit, wird es schwierig. Bei Notfällen müssen wir uns auch um den Bett­nachbar kümmern, der unter erheb­licher Angst um den langjährigen ­Partner leidet. Da gibt es keine gute Lösung, man will die Ehepaare auch nicht auseinanderlegen.

Gab es bei den Fällen gute Ausgänge?

Es gab beides. Es gab gute Ausgänge, in denen Ehepartner gemeinsam entlassen werden konnten. Es gab Ausgänge, in denen sie zeitlich versetzt entlassen werden konnten. Und es gab leider schlimme Ausgänge, in denen ein Ehepartner im Beisein des Partners trotz Wiederbelebungsmaßnahmen verstorben ist.

Gibt es neue Erkenntnisse dazu, wie schwere Covid-Verläufe entstehen?

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Eine britische Forschungsgruppe hat dazu kürzlich ein sehr anschauliches Modell vorgestellt. Die Belüftung der Lunge ist bei normalen Lungenentzündungen durch Infiltrate eingeschränkt. Bei Covid-19 kommt es dagegen oft zu Durchblutungsstörungen in der Lunge, obwohl auf Röntgenbildern kaum Infiltrate zu sehen sind. Das liegt daran, dass verschiedene Blutgefäße in der Lunge betroffen sind. Gut belüftete Areale in der Lunge sind nicht mehr gut durchblutet, man nennt das ein „ventilation/perfusion-mismatch“. Das führt zu schweren Verläufen. Deswegen sehen wir Covid immer mehr als multisystemische Gefäßkrankheit an.

Und was erhöht das Risiko für einen solchen Verlauf?

Einfach gesagt: Alles, was eine Entzündung der Innenhaut der Blutgefäße begünstigt. Das sind nicht nur vorbestehende Lungenerkrankungen, sondern auch Bluthochdruck, Diabetes Mellitus und Übergewicht. Diese Vorerkrankungen führen dazu, dass sich die Blutgefäße leichter entzünden oder bereits eine chronische Entzündung vorliegt. SARS-CoV-2 macht genau das: Es dockt an den Innenhäuten der Gefäße an und führt zu einer entzündlichen Reaktion. Wenn schon eine entzündliche Vorbelastung da ist, ist das Risiko größer.

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Ist bei Ihnen die sogenannte indische Mutante schon aufgetreten?

Nein. Laut dem Robert-Koch-Institut (RKI) ist sie aktuell bei etwa zwei Prozent der Neuinfektionen in Deutschland nachweisbar. Bei uns spielt die Sequenzierung jetzt wieder eine größere Rolle, damit uns keine neue, gefährlichere Variante entgeht.

Ein Großteil des Personals in Ihrer Klinik ist mittlerweile durchgeimpft. Werden die Hygieneregeln deswegen gelockert?

Für uns ist es nichts Ungewöhnliches, Hygienemaßnahmen im Umgang mit Patienten zu beachten. Da wir sehr viele Patienten mit absoluten Immunschwächen haben, zum Beispiel nach Chemotherapien, gilt es, weiter sehr vorsichtig zu sein. Selbst wenn das Risiko nur ganz gering ist, dass wir das Virus untereinander weitertragen, ohne selbst zu erkranken, könnte das am Ende fatale Folgen für einen ungeimpften Patienten mit einer Immunschwäche haben. Deswegen werden wir zum Schutz der Patienten mit Sicherheit mit am längsten warten, bis wir die Maskenpflicht aufheben.

Wie blicken Sie auf die allgemeinen Öffnungsschritte?

Wir haben uns als Gesellschaft offensichtlich dem gefühlten öffentlichen Klima entsprechend gegen eine No-Covid-Strategie entschieden. Stattdessen machen wir inzidenzgesteuert weitere Öffnungsschritte. Das muss ich so akzeptieren. Natürlich freue ich mich über keinen Patienten, den wir behandeln müssen und der an einer prinzipiell vermeidbaren Infektionserkrankung schwer erkrankt. Aber ich verstehe, dass die Meinung eines Klinikarztes nicht die einzig wichtige in dieser Frage ist. Persönlich freue ich mich ja auch, nach entsprechender Testung oder Impfung wieder bestimmte Dinge tun zu können. Ich hoffe aber, dass diese Strategie die Zeit bis zum Ende der Pandemie nicht herauszögert. Diese Gefahr besteht. Aber ich will optimistisch bleiben.

Sie sind im vergangenen Jahr an Covid erkrankt und wurden vor einigen Wochen geimpft. Können Sie zum Beispiel ohne Schnelltest in die Außengastronomie?

Ich gelte zwei Wochen nach einer Impfdosis als vollständig immunisiert. Aber es gibt ja noch keinen einheitlichen Nachweis dafür. Ich war bisher noch nicht im Restaurant, aber ich könnte mir vorstellen, dass es da zu Diskussionen kommt, wenn nur ein Stempel im Impfpass ist. Aber das wird bei dem geplanten digitalen Impfnachweis hoffentlich bedacht werden. Was für uns wichtig wäre: Dass man die Test- und Isolationskriterien für Geimpfte im Krankenhaus bald anpasst. Bislang müssen alle Patienten mit Symptomen, die im entferntesten mit Covid zu tun haben könnten, getestet und gegebenenfalls isoliert werden – auch wenn sie durchgeimpft sind. Das RKI hält sich mit einer Empfehlung zu den Testkriterien bei Geimpften noch zurück, weil Studienergebnisse abgewartet werden. Ein Patient, der mehr als zwei Wochen nach der zweiten Impfung Fieber hat, muss meiner Einschätzung nach aber nicht mehr isoliert werden, wenn er nicht ganz eindeutige Covid-Symptome hat. Die entsprechenden Tests waren bei uns in solchen Fällen immer negativ. Wer zweimal geimpft ist, den sehen wir hier nicht mehr.

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Intensivmedizinern wurde kürzlich unter dem Schlagwort #Divigate vorgeworfen, die Coronalage übertrieben dargestellt zu haben. Wie haben Sie diese Debatte erlebt?

Ich verstehe nicht wirklich, wie es zu diesen Vorwürfen kommen konnte. Wenn der Wille dagewesen wäre, hätte man verwirrende Statistiken und diesen Grundverdacht mit den zuständigen Fachgesellschaften oder den Vertretern der Klinikärzte besprechen können. Dann hätte man diese Missverständnisse bei bestimmten Zahlen ziemlich einfach aus der Welt schaffen können. Grundsätzlich finde ich es wichtig, dass die Kommunikationskanäle zwischen theoretisch tätigen Menschen, die Statistiken erfassen, und praktisch tätigen Medizinern nicht zum Stillstand kommen. Wenn dahinter eine Agenda steckt, muss ich davon ausgehen, dass diese Gespräche irgendwann nicht mehr gewünscht sind. Für alle anderen sollten wir Mediziner weiter ein offenes Ohr haben und mit absoluter Transparenz erklären, was warum passiert.

Befürchten Sie, dass die allgemeine Impfbereitschaft zurückgeht, wenn die Infektionszahlen weiter sinken?

Nicht, solange das Virus immer noch so stark unsere Lebenswirklichkeit bestimmt. In manchen Regionen der USA sieht man schon eine gewisse Sättigung, da bleiben Ärzte auf dem Impfstoff sitzen. Ich hoffe, dass die Sorge um die eigene Gesundheit, um die Gesundheit der Mitmenschen und das Ziel, die Pandemie zu beenden, als Motivation ausreichen. Dass man Rechte zurückbekommt, sollte keine Motivation für eine medizinische Entscheidung sein.

Haben Sie schon Sommerurlaub gebucht?

Nein. Der Urlaub ist weit weg geschoben worden, damit die Chancen groß sind, dass er auch stattfindet.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Eder, Sebastian
Sebastian Eder
Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.
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