Covid-Arzt über Klinikpersonal

„Eine gewisse Schützengrabenmentalität“

Von Sebastian Eder
10.01.2021
, 11:20
Der Lungenarzt Cihan Çelik beobachtet, dass Mythen um die Corona-Impfung auch beim Krankenhauspersonal Gehör finden. Im Interview spricht er außerdem über Heiligabend in der Klinik und Alleingänge von Gesundheitsämtern.

Herr Doktor Çelik, wir sprechen regelmäßig über Ihre Arbeit als Funktionsoberarzt auf der Isolierstation für Covid-19-Kranke im Klinikum Darmstadt. Wie ist aktuell die Lage?

Das Patientenaufkommen hat sich auf einem sehr hohen Niveau eingependelt. Unsere drei Corona-Normalstationen sind fast durchgehend voll belegt, wir sind seit drei Wochen dauerhaft an der Schwelle, noch eine vierte Station eröffnen zu müssen. Glücklicherweise war das bisher nicht nötig, weil wir genug Patienten verlegen und entlassen konnten. Das Kommen und Gehen hält sich aktuell die Waage. Nachdem es die Vorgabe des Landes Hessen gab, dass alle Krankenhäuser eine Mindestzahl ihrer Betten für Covid-Patienten vorhalten müssen, haben viele andere Häuser um uns herum mehr Covid-Patienten aufgenommen. Das hat uns über die Feiertage vorübergehend entlastet. Jetzt sind wir in dieser Woche bei etwa 90 Prozent, was die Belegung der Normalstationen angeht. Die Intensivstation ist fast durchgehend voll belegt.

Die verschärften Hygienemaßnahmen kurz vor Weihnachten haben die Situation also immerhin stabilisiert?

Definitiv, eine Stabilisierung ist bemerkbar. Die Zeit, in der es von Tag zu Tag mehr Neuaufnahmen gab, hat Anfang dieser Woche aufgehört. Aber wirklich runtergegangen sind die Zahlen der stationär behandelten Patienten noch nicht. Immerhin sinkt die Sieben-Tage-Inzidenz in Darmstadt, aber es ist noch unklar, ob das wegen des Meldeverzugs an den Feiertagen der Realität entspricht. Wir werden erst nächste Woche sehen, ob uns die Feiertage zurückgeworfen haben. Im Schnitt dauert es acht bis zehn Tage vom Symptombeginn bis zum Behandlungsbeginn im Krankenhaus. In dieser Woche sind Patienten gekommen, die an Weihnachten erste Symptome hatten. Wer sich an Weihnachten angesteckt hat, würde erst noch kommen.

Wie war die Weihnachtszeit im Krankenhaus?

An Feiertagen gibt es nicht drei Schichten, sondern nur zwei. Man ist im Tag- und Nachtdienst jeweils zwölf Stunden da. Aber wir kennen es, Feiertage im Krankenhaus zu verbringen, das ist nichts Neues. Was sehr schön war: Viele Menschen haben an uns gedacht. Sie sind vorbeigekommen und haben uns über die Pforte des Krankenhauses Essen, Süßigkeiten und Kuchen vorbeigebracht. Das sind kleine Gesten, die uns gerührt haben. Die Feiertage waren anstrengend, aber man hat gemerkt, wir werden gebraucht, wir leisten wichtige Arbeit. So ließ sich das gut ertragen.

Sie waren an Heiligabend im Krankenhaus und danach alleine zu Hause?

Ja.

Ist bei Ihnen schon Personal geimpft worden?

Die ersten 750 Dosen wurden verimpft. Ich freue mich darüber, dass die besonders exponierten Menschen sehr schnell den Impfschutz erhalten. Das hilft hoffentlich auch bald bei den Personalproblemen. Dass immer wieder Personal aufgrund von Krankheit oder Quarantäne ausfällt, ist eine der größten Herausforderungen in der aktuellen Situation. Wir können nur ganz kurzfristig planen und müssen flexibel sein. Es wäre eine große Entlastung zu wissen, dass die Kollegen vor einer Infektion geschützt sind und man nicht jedes seltene freie Wochenende damit rechnen muss, einspringen zu müssen. Die hohen Sicherheitsstandards behalten wir aber bei, man weiß ja bei der Biontech-Impfung noch nicht sicher, ob man danach noch andere Menschen anstecken kann.

Laut einer Umfrage will sich die Hälfte des Pflegepersonals in deutschen Kliniken erst mal nicht impfen lassen. Ist das auch bei Ihnen ein Thema?

Ja. Ich habe beobachtet, dass sich unter den Leuten, die sich in den vergangenen Monaten im Krankenhaus mit Covid beschäftigt haben, eine gewisse Schützengrabenmentalität entwickelt hat. Man sieht die Erkrankung mittlerweile als berechenbare und bekannte Gefahr an, und der Impfstoff ist im Vergleich die große Unbekannte. Eine Vorsicht gegenüber einem neuem Arzneimittel kann ich verstehen. Aber durch Studien wissen wir sehr genau, dass eine Infektion mit Sars-CoV-2 eine vielfach größere Gefahr bedeutet, als die wirklich überschaubaren Nebenwirkungen der Impfung. Da muss noch mehr aufgeklärt werden. Große Kampagnen helfen in der Regel wenig. Wichtiger fände ich, dass sich in Impfzentren Menschen informieren können, die noch skeptisch sind. Leute mit Vorerkrankungen brauchen eine Adresse, bei der sie ganz gezielt Fragen zu ihrer Situation stellen können.

Aber Klinikpersonal kennt sich doch mit Medizin aus. Wieso muss man da Überzeugungsarbeit leisten?

Das ist auch für mich nicht ganz so einfach zu verstehen. Ich führe Gespräche und versuche es nachzuvollziehen. Oft wirkt das Unbekannte bedrohlich. Man sieht diese schwere Erkrankung schon so lange, dass man den Respekt davor verliert. Diese Gefahr kennt man jetzt. Und was die Impfung bedeutet, kann man noch nicht so genau einschätzen. Es geht nicht so sehr um wissenschaftliche Argumente, es geht um ein Bauchgefühl. Noch dazu macht mir etwas anderes große Sorgen: wie sehr Mythen um die Impfung auch beim Krankenhauspersonal Gehör finden. Beispielsweise höre ich als Vorbehalt immer wieder die Angst vor Unfruchtbarkeit nach der Impfung. Die Grundlage für diesen Mythos ist eine kleine Ähnlichkeit zwischen dem Spike-Protein des Virus und einem Protein, das für die Bildung der Plazenta wichtig ist, Syncytin-1. Aber es gibt keinerlei Hinweis darauf, dass die gebildeten Antikörper gegen das Spike-Protein auch Syncytin-1 angreifen. Dagegen spricht auch die simple Beobachtung, dass viele schwangere Patientinnen nach der Infektion eine ganz normale Schwangerschaft hatten, ohne hohe Rate an Fehlgeburten oder Komplikationen. Ich glaube, dass die Impfung im Laufe der Zeit ihren Schrecken verlieren wird, wenn immer Menschen sehen, dass es den Geimpften um sie herum gut geht. Die Impfung ist nicht nur sinnvoll – es ist auch ein solidarischer Akt, sich impfen zu lassen.

Sie waren schwer an Covid erkrankt – werden Sie trotzdem geimpft?

Erstmal nicht. Ich habe Antikörper, deswegen stehe ich in der Prioritätenliste der Ständigen Impfkommission weiter unten. Es werden noch mal gesonderte Empfehlungen erfolgen für Leute, die bereits erkrankt waren und das auch wissen. Dann weiß ich, wann ich dran bin.

Können Sie den Ärger mancher Menschen darüber nachvollziehen, dass nicht mehr Impfstoff bestellt wurde?

Als vor ein paar Monaten alle Impfstoffkandidaten noch in der Forschung waren, habe ich sie mir aus Interesse angeschaut und überlegt, welcher der aussichtsreichste ist. Ganz ehrlich: Ich hätte zu dem Zeitpunkt nicht sagen können, dass wir mit vollem Risiko auf den Biontech-Impfstoff setzen sollten. Ich konnte damals gut verstehen, dass man das Risiko streut. Ja, die Aufgabe der Politik ist es, mehr zu wissen als der Rest, Kritik ist immer erlaubt. Aber ich persönlich kann mich nicht hinstellen und sagen: Ich hätte es besser gewusst. Deswegen halte ich mich da mit Kritik zurück.

Funktioniert bei Ihnen die Zusammenarbeit mit den Gesundheitsämtern?

Wir haben uns mit den Gesundheitsämtern eingespielt, sodass wir nicht auf ständige Rückmeldungen angewiesen sind. Umgekehrt bekommen die Gesundheitsämter von uns ungefragt die wichtigen Mitteilungen. Wir übernehmen die Meldungen, teilen den Patienten und Angehörigen die Diagnose und Quarantänepflicht mit und bereiten die Menschen auch schon darauf vor, dass die Kontaktaufnahme durch das Gesundheitsamt dauern kann. Schwierig wird es immer dann, wenn sich etwas an den Vorgaben ändert oder verschiedene Gesundheitsämter Alleingänge machen und jeder Landkreis etwas unterschiedliche Kriterien zur Isolation und Quarantäne hat. Längst nicht alle halten sich an die Vorgaben des Robert-Koch-Instituts. Das ist nicht besonders transparent. Ich durchforste manchmal lange Gesetzestexte der Landesverordnungen, um Antworten auf spezielle Fragen zu finden. Die schnelle Klärung solcher Fragen ist aktuell nicht möglich.

Bereiten Ihnen die verschiedenen Corona-Mutationen Sorgen?

In den vergangenen Monaten konnten wir uns im Krankenhaus anhand der Inzidenzzahlen ganz gut darauf einstellen, wann es wieder mehr zu tun gibt. Wenn sich jetzt an der Ansteckungsfähigkeit des Virus etwas ändert, wissen wir nicht mehr, was auf uns zukommt. Das bereitet mir Sorge. Auch wenn die Mutation nicht zu einem schwereren Krankheitsverlauf führen sollte, kann das die Situation für uns verschlimmern. Es wird ein Wettlauf gegen die Zeit. Wir müssen die Inzidenz so weit wie möglich nach unten drücken – und gleichzeitig schnell hohe Durchimpfungsquoten erreichen.

Alle reden über den Impfstoff, ähnlich wichtig wäre aber ein Durchbruch bei der medikamentösen Behandlung von Covid-Patienten. Tut sich da nichts?

Doch, es gibt zahlreiche Kandidaten, an denen geforscht wird. Was uns am meisten fehlt, ist etwas für die frühe Phase der Erkrankung, in der das Virus selbst den größten Schaden anrichtet. Wenn wir da einschreiten könnten, um einen schweren Verlauf zu verhindern, wäre sehr viel geholfen. Gerade läuft eine Studie mit einem Antikörper-Mix von Patienten, die die Erkrankung durchstanden haben, sogenanntes Rekonvaleszenzplasma von Astra-Zeneca namens AZD7442. Diese Antikörper sollen langlebiger sein als die im herkömmlichen Rekonvaleszenzplasma. Und vor kurzem hat ein Medikament mit künstlich hergestellten Antikörpern der Firma Regeneron in Amerika eine Notfallzulassung bekommen, das hatte auch Donald Trump erhalten. Daten zur Wirksamkeit in der Breite fehlen bislang. Das sind momentan Hoffnungsträger. Es gibt weitere Kandidaten, an denen noch geforscht wird.

Kommen wegen der Hygienemaßnahmen weniger Grippekranke als sonst im Winter in die Klinik?

Ja, definitiv. Das hat man schon bei der ersten Welle gemerkt, die mitten in die Grippezeit gefallen ist. Als die Hygienemaßnahmen ergriffen wurden, hat die Grippewelle schlagartig aufgehört. Gegen die Influenza helfen die Maßnahmen noch mal stärker als gegen Covid.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Eder, Sebastian
Sebastian Eder
Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.
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