Covid-Arzt über Medikamente

„Die Bundesregierung erzeugt einen gewissen Druck“

Von Sebastian Eder
07.02.2021
, 12:21
Auch auf der Corona-Isolierstation im Klinikum Darmstadt hinterlässt die dritte Welle ihre Spuren.
Die Politik hat Corona-Medikamente auf Antikörper-Basis gekauft – obwohl deren Wirksamkeit noch geprüft wird. Darüber spricht Lungenarzt Cihan Çelik im Interview, außerdem geht es um die steigende Impfbereitschaft und schwere Verläufe bei Männern.
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Herr Doktor Çelik, wir haben Sie bisher als Funktionsoberarzt auf der Isolierstation für Covid-19-Kranke im Klinikum Darmstadt vorgestellt. Jetzt sind Sie Oberarzt, Glückwunsch!

Vielen Dank. Nach der Facharztprüfung für Innere Medizin und Pneumologie ist mein Fokus wieder voll auf die aktuelle Situation gerichtet. Wir entlassen seit zwei Wochen mehr Patienten, als wir neu aufnehmen. Es sind noch zweieinhalb Normalstationen mit Covid-Patienten belegt. Aber es gibt immer wieder Ausreißer, also Tage, an denen unerwartet mehr neue Covid-Patienten kommen. Auch darauf müssen wir vorbereitet sein. Die Sieben-Tage-Inzidenz unterschätzt das tatsächliche Maß der Virusverbreitung, seit die Teststrategie des Robert-Koch-Instituts im November geändert wurde, um Testkapazitäten zu schonen. Es werden vor allem symptomatische Patienten getestet, das Ziel ist nicht mehr, möglichst jeden Infizierten zu identifizieren. Insofern gibt es eine große Dunkelziffer.

Wie ist es auf den Intensivstationen?

Die hinken immer etwa zwei Wochen hinterher, unsere zwei Covid-Intensivstationen sind noch zu über 90 Prozent ausgelastet. Insgesamt verschiebt sich der durchschnittliche Schweregrad der Fälle, die wir betreuen. Die stationären Patienten sind aktuell in der Mehrzahl schwerer betroffen und teilweise schon seit Weihnachten da. Darunter sind dialysepflichtige Patienten, die immer noch eine hohe Dosis an Sauerstoff brauchen oder andere Organkomplikationen haben. Andere sind so geschwächt, dass sie nicht nach Hause können. In die dringend benötigte Reha können wir solche Patienten erst schicken, wenn sie nicht mehr ansteckend sind.

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Haben sich viele Patienten an Weihnachten angesteckt?

Die große Welle ist glücklicherweise ausgeblieben. In anderen Ländern, zum Beispiel Portugal, war dieser Effekt dem Anschein nach deutlicher.

„Wir schaffen das nicht, im kompletten Jahr 2021 in diesem Modus zu arbeiten“, haben Sie im Januar gesagt. Sind Sie jetzt optimistischer?

Ich hoffe, dass wir nicht den Fehler begehen, zu früh bei einer noch zu hohen Inzidenz die Maßnahmen zu lockern. Ich wünschte, es ginge schneller. Außerdem bereiten mir die Mutationen Sorgen. Mir bleibt wenig anderes, als optimistisch zu sein, dass sich die Situation im Sommer entspannt. Wir wollen im Krankenhaus auf ein klares Ziel hinarbeiten und nicht „mit dem Virus leben“. Zumindest nicht in dieser Intensität.

Dr. Cihan Çelik behandelt Covid-19-Patienten in Darmstadt.
Dr. Cihan Çelik behandelt Covid-19-Patienten in Darmstadt. Bild: Frank Röth

Bereiten Sie sich auf ein mögliches Auftreten der Mutationen vor?

Wir sind schon dabei, stichprobenartig zu sequenzieren, wenn zum Beispiel ein Patient kürzlich in Brasilien war. Gibt es den Verdacht, dass er die mutierte Variante haben könnte, wird er von den anderen Covid-Patienten isoliert. Auch das Personal muss dann noch mal gesonderte Schutzkleidung anziehen. In umliegenden Krankenhäusern wurden erste Fälle von B117 bestätigt, das ist die in Großbritannien entdeckte Mutation. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir sie auch nachweisen können. Aktuell geht man davon aus, dass sich verschiedene Mutationen, darunter auch gefährlichere, in Deutschland verbreitet haben. Die Konsequenzen aus der erhöhten Ansteckungsfähigkeit und den wohl etwas schwereren klinischen Verläufen können wir noch nicht abschätzen. Es kann unsere Planungen, aber auch unsere gewonnene klinische Erfahrung mit dem Krankheitsbild Covid-19 durcheinanderbringen.

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Wie gut können Sie mittlerweile einschätzen, wann die Krankheit einen kritischen Verlauf nimmt?

Viel besser als zu Beginn. Am Anfang der Pandemie waren wir sehr vorsichtig und haben im Zweifel lieber einen Patienten früh auf die Intensivstation verlegt. Die Schwellenwerte sind heute sehr viel niedriger. Wir haben gelernt, dass Patienten im Vergleich zu anderen Erkrankungen noch mit niedrigeren Sauerstoffwerten verhältnismäßig lange auf der Normalstation versorgt werden können. Bei den Diskussionen über die Intensivkapazitäten sollte man nicht vergessen, dass wir in der zweiten Welle sehr viel kränkere Menschen immer noch auf der Normalstation behalten können. Würden wir genauso verfahren wie während der ersten Welle, wären die Intensivstationen schon lange überfordert. Allerdings könnten uns die Mutationen in Bedrängnis bringen, wenn sich etwas an den raren Konstanten dieser Erkrankung verändern sollte: Wann ist der kritische Zeitpunkt im Verlauf der Erkrankung? Wann und wie lange ist man ansteckend? Gibt es besondere Risikogruppen? Wenn sich da etwas verschiebt, stehen wir klinisch wieder da, wo wir vor fast einem Jahr waren.

Die Bundesregierung hat Corona-Medikamente auf Antikörper-Basis gekauft. Macht Ihnen das Hoffnung?

Es gibt immer wieder er- und entmutigende Nachrichten, was die Wirksamkeit von bestimmten Medikamenten angeht. Man sollte nicht zu schnell auf Wundermittel hoffen, aber auch nicht zu früh die Hoffnung aufgeben. Bei dem Rekonvaleszenzplasma, das aus einem Antikörper-Serum von Infizierten besteht, hat man zunächst in einer größeren Studie keinen Vorteil gesehen – aber dann hat sich gezeigt, dass es bei Risikopatienten doch gute Ergebnisse zeigt. Was die monoklonalen Antikörper angeht, die auch Donald Trump bekommen hat: Es sieht so aus, als könnten sie helfen, die Studien laufen aber noch. Wir haben Zugriff auf diese Medikamente. Aber es ist immer schwierig für Ärzte, außerhalb von Studien Medikamente zu geben, deren Wirksamkeit erst noch bestätigt werden muss. Es erzeugt einen gewissen Druck, wenn die Bundesregierung vorher große Mengen dieses Medikamentes kauft, da Patienten danach fragen und man niemandem die beste Therapie vorenthalten möchte.

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Wie ist das Geschlechterverhältnis bei Ihren Patienten?

Bei uns liegen mehr Männer, obwohl es in unserer Gesellschaft mehr ältere Frauen gibt. Das männliche Geschlecht ist ein Risikofaktor, weltweit sind 60 Prozent der Covid-19-Toten Männer. Bluthochdruck, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, das sind Vorerkrankungen, die bei Männern häufiger auftreten. Zudem haben Männer eine schwächere zelluläre Immunabwehr und gleichzeitig häufiger ein gefährlich überschießendes Immunsystem bei schweren Infekten. Aber ich glaube nicht, dass man deswegen Männer früher impfen sollte. Frauen sind anders gefährdet: Sie sind häufiger in Pflegeberufen tätig, haben mehr Kontakt zu Risikogruppen und leiden öfter an Langzeitfolgen der Erkrankung. Sie früh zu impfen ist wichtig für ein Ende der Pandemie. Das Alter bleibt der bessere Indikator für eine individuelle Risikoeinschätzung.

Leiden Covid-19-Patienten bei Ihnen oft unter Hautproblemen?

Ja, es gibt einen mit Covid-19 assoziierten Hautausschlag. Das sehen wir häufig, ungefähr bei 20 Prozent der Patienten. Solche Ausschläge gibt es aber auch bei anderen fieberhaften Infektionen und Entzündung im Körper.

Wir haben mal über die geringe Impfbereitschaft beim Klinikpersonal gesprochen. Hat sich da etwas getan?

Ja. Das ist ja ein normaler und erwartbarer psychologischer Effekt: Wenn sich die Kollegen impfen lassen und man merkt, dass es ihnen gutgeht, verliert man die Hemmung und auch die Angst davor. Das Unbekannte wird bekannt. So ist es hier am Klinikum bei vielen gewesen – und so wird es bestimmt auch beim Rest der Gesellschaft sein.

Sie haben bei „Hart aber fair“ kürzlich mit Menschen diskutiert, die den Corona-Maßnahmen eher kritisch gegenüberstehen. Wie haben Sie das erlebt?

Es ist schwierig, wenn in so einer Diskussion Argumente formuliert werden, ohne vorher die Prioritäten und verfolgten Ziele zu benennen. Als es um das Positionspapier von Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut ging, entstand der Eindruck, als würde es nur der Zahlen willen darum gehen, die Inzidenz zu senken. Die Interessen der Wirtschaft und der Gesundheitsprävention wurden gegenübergestellt. Das mag kurzfristig betrachtet so sein. Dieses Papier zielt aber darauf ab, die Einschränkungen so kurz wie möglich aufrecht zu halten – um dann nachhaltig zu öffnen. Das würde auch der Wirtschaft zugutekommen. Man kann darüber diskutieren, wie man die Prioritäten setzt. Dann muss man aber auch ehrlich sagen, was die Ziele sind. Wir wissen, dass eine Öffnung bei hohen Inzidenzen mehr Krankheit, mehr Todesfälle und eine unkalkulierbare Dynamik und Belastung für das Gesundheitssystem nach sich zieht. Die wirtschaftlichen und gesundheitlichen Belastungen im Lockdown kennen wir auch. Wenn man die Priorität auf das Verhindern der Lockdown-Belastungen legt und dafür mehr potentielle Virusverbreitung in Kauf nimmt, sollte man das klar aussprechen – und nicht mit Scheinargumenten arbeiten. Damit wären diese Diskussionen deutlich produktiver.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Eder, Sebastian
Sebastian Eder
Redakteur im Ressort „Gesellschaft & Stil“.
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