Lungenarzt Cihan Çelik

„Es gibt kein Durchatmen“

Von Sebastian Eder
23.01.2022
, 16:58
„Eine Impfplicht für Risikogruppen wäre ein guter Kompromiss“: Cihan Çelik im September auf der Corona-Isolierstation im Klinikum Darmstadt
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Cihan Çelik behandelt weiter Covid-Kranke – und hält mittlerweile eine Impfpflicht für Risikogruppen für einen guten Kompromiss. Ein Interview über Omikron, die Endemie und das Zögern der Ständigen Impfkommission.
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Herr Doktor Çelik, Sie sind Oberarzt auf der Isolierstation für Covid-19-Kranke im Klinikum Darmstadt; wir reden ja seit Mai 2020 regelmäßig über den Stand der Dinge. Gerade scheint es einen neuen wissenschaftlichen Tenor zu geben: Einem derart infektiösen Virus wie Omikron wird auf Dauer niemand entkommen. Lohnt es sich da als Geboosterter überhaupt noch, vorsichtig zu sein?

So neu ist der Tenor nicht. Wir sprechen ja schon lange vom Ziel der Endemie – in der Immunisierte immer wieder mit dem Virus in Berührung kommen und sich ihren Immunschutz aufrechterhalten, ohne dass es zu schweren Verläufen kommt. Infektionsfälle werden dann nicht mehr dazu führen, dass eine Überlastung der Krankenhäuser droht. Aktuell reicht die Grundimmunität in der Bevölkerung aber wahrscheinlich noch nicht, um plötzlich eine sehr starke Viruszirkulation riskieren zu können. Deswegen ist es zu früh, um die Botschaft zu verbreiten, dass wir uns jetzt alle anstecken können. Ist man geboostert und kein Hochrisikopatient für diese Krankheit, braucht man in den nächsten Monaten persönlich keine große Angst vor einem schweren Verlauf zu haben. Da ist das Risiko äußerst gering. Trotzdem ist momentan jede vermiedene Infektion sehr sinnvoll für uns alle, da wir noch Millionen vulnerable oder ungeimpfte Menschen unter uns haben, die wir auch als gut geschützte Geimpfte anstecken können. Außerdem geht der Anstieg extrem schnell und es macht mir Sorge, dass die Zahl der Infektionen in den nächsten Wochen innerhalb von kurzer Zeit so hochschnellen könnte, dass unabsehbar ist, welche Auswirkungen das auf den Krankenhausbetrieb hat.

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Wie ist die Lage bei Ihnen aktuell?

Unser Eindruck ist, dass wir zwischen den Wellen sind. Viele Patienten der Delta-Welle haben das Krankenhaus verlassen. Unsere Normalstation ist zu zwei Dritteln gefüllt, ähnlich ist es bei der Intensivstation. Insgesamt ist die Zahl der stationären Covid-Fälle in Hessen aber im Vergleich zum Delta-Höhepunkt erst um ein Drittel zurückgegangen – eine schwierige Ausgangslage für die nächste Welle. Wir konnten zwischenzeitlich nicht zum Regulärbetrieb zurückkehren. Um aufgeschobene Behandlungen nachholen zu können und Mitarbeitende zu entlasten, hätten wir eine längere Zeit mit wenig Covid-Fällen ge­braucht. Diese Probleme schieben wir weiter vor uns her. Derzeit kommen die ersten Patienten mit Omikron-Infektionen, aber die meisten haben milde Verläufe, da sie grundimmunisiert oder wegen einer anderen Erkrankung im Krankenhaus sind und nur zufällig positiv getestet wurden – ein bekannter Effekt bei sehr hohen Inzidenzen. Die Patienten haben zum Teil gar keine Symptome, müssen aber zum Infektionsschutz bei uns behandelt werden. Ich kann bei diesen geringen Fallzahlen noch keine Aussage dazu machen, wie schwer die Erkrankung mit Omikron verläuft. Dafür sind es noch zu wenige Patienten, die erst zu kurz bei uns liegen. Die Verschlechterung setzt meist erst nach acht oder neun Tagen ein. In Darmstadt sehen wir seit einer Woche einen sehr starken Anstieg der Inzidenzen. In zwei Wochen wissen wir mehr.

Aber die meisten Patienten haben gerade einen milden Covid-Verlauf?

Ja. Wir sind eine Isolierstation, die auch das restliche Krankenhaus schützen soll. Daher bildet unsere absolute Belegungszahl gerade bei steigender Immunität in der Bevölkerung nicht mehr direkt die Krankheitslast durch Covid ab. Dafür zählen wir aber gesondert die schweren Verläufe. In der vierten Welle waren 23 Prozent der schweren Verläufe Impfdurchbrüche, mit einem Altersschnitt von 73 Jahren. Die nicht oder nicht vollständig grundimmunisierten Patienten machten 75 Prozent unserer schweren Verläufe aus, mit einem Altersschnitt von 57 Jahren. Geboostert war nur ein Patient mit einem schweren Impfdurchbruch. Zwei Prozent waren Genesene. Für den Krankenhausbetrieb bedeuten allerdings auch positive Patienten ohne schwere Covid-Symptome einen erheblichen Aufwand, weil für sie die gleichen Isolationsbedingungen gelten.

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Werden Omikron-Patienten noch einzeln isoliert?

Nein, das wäre nicht realisierbar und hätte keinen bekannten Nutzen. Die neuen Regeln zur Isolation und Quarantäne sind generell lockerer ausgefallen. Den Ärzten wird bei der Entisolationsfrage mehr Spielraum gewährt, uns fällt aber auch mehr Verantwortung zu. Wir können Patienten zehn Tage nach dem Ersterregernachweis entisolieren, da müssen wir allerdings darauf achten, dass wir keine infektiösen Patienten ohne Isolation im Anschluss entlassen. Bei einem schweren Verlauf halte ich zehn Tage Isolation nach Ersterregernachweis für zu kurz, da würde ich länger warten und je nach Fall noch einen PCR- oder Schnelltest anordnen, bevor ich eine Entisolation empfehle. Nach einem positiven Test kann ich einen Patienten in Isolation nach Hause entlassen. Danach entscheidet das Gesundheitsamt, wie es weitergeht.

Werden Omikron-Patienten eher auf der Normal- als auf der Intensivstation landen?

Anteilig werden weniger Infizierte ins Krankenhaus und von denen wiederum weniger von der Normal- auf die Intensivstation verlegt werden müssen. Entscheidend werden für uns die Absolutzahlen, nicht die Anteile. Man weiß, dass das Risiko einer Hospitalisierung bei Omikron ungefähr 24 Prozent niedriger liegt als bei Delta. Aber die entscheidende Rechnung ist etwas komplexer, da konkurrieren verschiedene Faktoren miteinander. Die Verläufe sind weniger schwer, aktuell stecken sich vor allem jüngere Menschen an, und es gibt viele Grundimmunisierte unter den Infizierten. Das führt dazu, dass die Krankheitslast durch Covid sinkt. Auf der anderen Seite gibt es eine sehr große Zahl an Infizierten aufgrund der leichten Übertragbarkeit von Omikron. Wie hoch am Ende dieser Rechnung die Belastung auf Intensiv- und Normalstation sein wird, wissen wir noch nicht. In den USA hat die schiere Masse der Infizierten dazu geführt, dass auch die Krankenhausbelastung wieder stark angestiegen ist. In anderen Ländern mit besserer Impfquote steigen die Inzidenzen stark an, aber die Hospitalisierungen und Todesfälle nicht, zum Beispiel in Portugal. Wo wir landen, das werden wir in den nächsten Wochen feststellen.

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Wie weit ist die Endemie entfernt?

Da habe ich eine Frage im Blick: Was bedeutet eine Omikron-Infektion im Vergleich zu einer Impfung für die Immunität der Bevölkerung? Viele hoffen ja, dass die Omikron-Infektionen unsere Impflücken schließen. Laut einer südafrikanischen Studie sieht es aber danach aus, dass Ungeimpfte, die sich mit Omi­kron angesteckt haben, keine sehr breite Immunantwort entwickeln und beispielsweise nicht gut vor der Delta-Variante geschützt sind – oder vor anderen Varianten, die noch kommen könnten. Das ist besorgniserregend und könnte später zum Problem werden. Noch unklar ist der Effekt auf den zellulären Immunschutz.

Reden Sie im Kollegium schon über eine mögliche vierte Impfung?

Das wird natürlich diskutiert. Die Situation zwischen zweiter und dritter Impfung ist aber nicht vergleichbar mit der zwischen dritter und einer möglichen vierten Impfung. Die Drittimpfung erzeugt sehr viel höhere und länger anhaltende Antikörperspiegel als die zweite und auch einen besseren zellulären Schutz. Viele denken, dass man die vierte Impfung in einem ähnlichen Abstand machen müsste, dafür gibt es aber noch keinen zwingenden Grund. Der Schutz vor schwerer Erkrankung, Krankenhausaufnahme und Tod ist und bleibt bei Geboosterten intakt und liegt bei über 90 Prozent. Es gibt bisher nicht viel zu gewinnen durch eine vierte Impfung. Nur der Schutz vor einer einfachen Infektion mit Omikron lässt auch bei Geboosterten rasch nach. Aber da hilft auch eine vierte Impfung nicht viel, so zeigen es Erkenntnisse aus Israel. Sinnvoller ist es, auf einen angepassten Impfstoff gegen Omikron zu warten. Bei Risikopatienten mit geringer Antikörperantwort ergibt eine vierte Impfung Sinn, aber derzeit nicht für die breite Anwendung.

Wichtig bleibt die Booster-Impfung?

Ja. Wir mussten in der Delta-Welle einige Patienten mit einem schweren Verlauf behandeln, die sich kurz vor ihrem Booster-Termin angesteckt hatten. Sie wurden bei der Terminfindung vertröstet und sollten genau die sechs Monate nach der Zweitimpfung abwarten. Da war die Ständige Impfkommission mit ihrer Empfehlung vielleicht etwas zu langsam, und manche Impfstelle war etwas zu kleinkariert. Das passiert jetzt mit den neuen Empfehlungen hoffentlich nicht mehr.

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Sind Sie für eine Impfpflicht?

Ich sehe das differenziert: Bei einer invasiven Maßnahme wie der Impfpflicht muss man Kosten und Nutzen immer wieder gegeneinander abwägen, vor allem wenn sich etwas verändert. Wir haben jetzt eine neue Virusvariante, die bei jüngeren Menschen seltener zu schweren Verläufen führt. Dieser Effekt scheint bei älteren Menschen nicht so ausgeprägt; für sie ist der Unterschied zwischen Delta und Omikron geringer. Außerdem schrumpft der Faktor „Fremdschutz durch Impfung“, da auch Geimpfte häufiger am Infektionsgeschehen teilnehmen und das Virus übertragen. Der Fremdschutz fällt nicht weg, er ist aber schwächer geworden. Daher könnte man die Impfpflicht auf Menschen mit einem hohen Risiko für einen schweren Verlauf beschränken – zum Beispiel wegen eines höheren Alters. Wir haben immer noch drei Millionen Menschen über 60, die nicht geimpft sind. Wenn da eine Omi­kron-Welle durchrauscht, helfen auch die ungefähr 24 Prozent weniger Hospitalisierungen nicht viel, da wird es zu vielen schweren Verläufen kommen. Aus medizinischer Sicht wäre eine Impfquote von 100 Prozent über alle Altersgruppen hinweg natürlich das Ziel. Dennoch müssen wir in der Debatte die neuen Gegebenheiten berücksichtigen, denn es handelt sich hier zweifellos um eine invasive Maßnahme, die sehr gut begründet sein will und uns als Gesellschaft auch etwas kostet. Eine Impfplicht für Risikogruppen wäre ein guter Kompromiss.

Was hat sich bei der medikamentösen Therapie getan?

Einiges. Leider haben wir bei der Omi­kron-Variante eines unserer wirksamsten antiviralen Medikamente verloren: Die in Deutschland erhältlichen monoklonalen Antikörper, die wir bisher in der Frühphase anwenden konnten, wirken bei Omikron nicht. Das Spikeprotein ist die Zielstruktur dieser Antikörper. Genau dieses Protein ist bei Omikron jedoch so mutiert, dass die Antikörper nicht mehr andocken können. Daher setzen wir in der Frühphase der Erkrankung jetzt Molnupiravir ein, das reduziert das Risiko eines schweren Verlaufs allerdings nur um 30 Prozent. Deutlich wirksamer wäre Nirmatrelvir, das aber noch nicht erhältlich ist. Auch das ist ein Medikament für die frühe Phase der Erkrankung. Sobald es verfügbar ist, würden wir es gerne bei Patienten einsetzen, die zu diesem Zeitpunkt schon wegen etwas anderem im Krankenhaus liegen und ein hohes Risikoprofil haben. Haupteinsatzort werden allerdings eher die Praxen sein. Ein kleines Comeback feiert bei uns Remdesivir, das kann immerhin die Krankheitsdauer verkürzen, ebenfalls bei rechtzeitiger Gabe. Für die späteren Krankheitsphasen gibt es als Therapieoption die Januskinaseinhibitoren, die zusammen mit Dexamethason zu einer geringeren Sterblichkeit führen. Und wir verabreichen Tocilizumab bei Fällen, in denen sich eine Hyperinflammation zeigt. All diese Medikamente wirken aber nur, wenn man sie zum richtigen Zeitpunkt gibt und erfordern daher Erfahrung beim Anwender.

Fallen bei Ihnen viele Mitarbeiter aus?

Noch sind es vereinzelte Fälle. Wir schützen uns weiter mit den bewährten Maßnahmen: Gut sitzende Masken und geboostertes Personal sind am wichtigsten. Trotzdem ist das Personal nicht gefeit vor Infektionen; die meisten hatten zum Glück sehr milde Verläufe. Aber in der Delta-Welle mussten wir leider auch einige Mitarbeitende auf unserer Station behandeln. Wir sind weiterhin in einem doppelten Drei-Schicht-System, da merkt man jeden Ausfall. Deswegen gibt es da noch kein Durchatmen. Die Personaldecke ist dünn. Daher sind zwei aufeinanderfolgende Wellen ohne richtiges Absinken dazwischen besonders kräftezehrend.

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Wie geht es Ihnen nach zwei Jahren Pandemie?

Beruflich tut sich immer was, das Virus ist sehr flexibel und stellt uns ständig vor neue Herausforderungen. Gleichzeitig entwickeln sich die medizinischen und therapeutischen Möglichkeiten immer weiter. Das fordert einen als Arzt und macht den Beruf so spannend. Aber auch wir im Krankenhaus leiden darunter, dass es abseits der Pandemie nicht viele andere Themen gibt. Auch unser Privatleben leidet, wir würden gerne mal Urlaub machen können, ohne die ganze Zeit erreichbar sein zu müssen. Danach sehnen wir uns alle.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Eder, Sebastian
Sebastian Eder
Redakteur im Ressort „Gesellschaft & Stil“.
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