Lungenarzt Çelik im Interview

„Wir dürfen nicht in einen Dornröschenschlaf fallen“

Von Julia Anton
22.05.2022
, 10:53
Wünscht sich eine Vorbereitung auf den Herbst: Cihan Çelik, Oberarzt
Auch in den Kliniken entspannt sich die Corona-Lage. Dafür entstehen an anderen Stellen neue Aufgaben. Lungenarzt Cihan Çelik spricht im Interview über erschöpftes Personal und die Freuden wie Gefahren der Sommermonate.
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Herr Doktor Çelik, Sie sind Oberarzt auf der Isolierstation für Covid-19-Kranke im Klinikum Darmstadt; wir reden ja regelmäßig über den Stand der Dinge. Wie ist gerade die Lage?

Endlich können wir bei der Station tatsächlich wieder von Einzahl sprechen: Wir konnten am Montag den Covid-Normalstationsbereich auf eine Station reduzieren. Zuvor hatten wir seit Februar ein Plateau, zwei Normalstationen waren vollständig mit Covid-Patienten belegt. In den vergangenen Wochen hatten wir bereits gewisse Schwankungen: Zwischenzeitlich ging bei uns die Zahl der Fälle zurück. Aber als Maximalversorger mussten wir auch wieder mehr Patienten aufnehmen, als kleinere Häuser ihre Covid-Stationen reduziert haben. In den vergangenen zwei Wochen ist die Zahl der Fälle dann aber deutlich weniger geworden, sodass wir uns schlussendlich auf eine Schwerpunkt-Covidstation zurückziehen konnten. Der Verdachtsbereich ist noch ausgelagert, ich hoffe, dass wir ihn bald auch noch auf eine Station zusammenziehen können.

Was für Patienten kommen noch zu Ihnen?

Der Altersschnitt unserer Patienten ist seit unserem letzten Gespräch Anfang April weiter gestiegen. Auffällig ist, dass ungeimpfte Patienten im Schnitt jünger sind und dass es in den höchsten Altersgruppen glücklicherweise nur noch sehr wenige gibt, die nicht geimpft sind.

Inzwischen gibt es ja kaum noch Beschränkungen. Wo stecken sich die Patienten an?

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Die meisten wissen nicht, wo sie sich angesteckt haben. In Hochinzidenzphasen kennen wir das ja, das Virus ist überall, und es ist gar nicht möglich, eine Ansteckungskette nachzuvollziehen – insbesondere, seit wieder alles geöffnet ist. Auch in der Klinik haben wir keine absolute Kontrolle über Infektionsketten, deshalb ist es wichtig, dass die Impfquote so hoch ist und unser Personal vor schweren Verläufen geschützt bleibt. Um das Risiko für unsere vulnerablen Patienten zu senken, machen wir weiter Reihentestungen. Dabei fallen auch Patienten ohne Symptome und ohne vorherigen Verdacht zufälligerweise mit einem positiven PCR-Test auf, die dann zu uns auf die Station kommen. In der vergangenen Woche bestand die Hälfte der Patienten bei uns auf der Covid-Station aus Klinikpatienten, die bei Aufnahme in die Klinik noch negativ, aber ein paar Tage später bei der Reihentestung positiv sind. Mal mit, mal ohne Symptome, aber die meisten dank Impfung und milderer Variante mit einem leichten Verlauf.

Man hat ja stellenweise das Gefühl, die Pandemie sei vorbei. Drohen wir die Gefahr durch das Virus aus den Augen zu verlieren?

Auf diese Frage gibt es verschiedene Antworten. Es sterben weiterhin viele Menschen pro Tag an einer Corona-Infektion, auch wenn sich die Todeszahl sehr stark von den Fallzahlen entkoppelt hat. Dennoch sind das Menschenleben, die täglich verloren gehen. Das ist ein Preis, den wir als Gesellschaft momentan offenbar zu zahlen bereit sind. Aber das ist eine offene Diskussion, wir hatten bereits vor Monaten genau diesen Punkt kommen sehen. Ein anderer Punkt ist: Wir waren immer am erfolgreichsten in der Pandemiebekämpfung, wenn wir uns vorbereitet haben. Aber die derzeit kursierenden Szenarien, die uns im Herbst und Winter eventuell drohen, sind mitunter spekulationsbehaftet und noch nichts Konkretes. Das ist immer schwer, den Menschen dann zu vermitteln, warum wir das Virus dennoch sehr ernst nehmen müssen. Ich muss darauf vertrauen, dass wir, wenn wir im Laufe des Sommers und Spätsommers wissen, welche Variante uns im Herbst droht, die Bevölkerung mit konkreten Fakten erreichen können.

Beim Anziehen der Schutzkleidung: Cihan Çelik im September 2021 auf der Corona-Isolierstation im Klinikum Darmstadt.
Beim Anziehen der Schutzkleidung: Cihan Çelik im September 2021 auf der Corona-Isolierstation im Klinikum Darmstadt. Bild: Lucas Bäuml

Wie gehen Sie in der Klinik mit dieser Diskrepanz um, dass draußen das Leben wieder Fahrt aufgenommen hat, während Sie weiterhin Patienten behandeln?

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Ich denke, gerade diese Woche ist ein gutes Beispiel dafür. In den vorangegangenen Wochen haben wir diese paradoxe Situation viel stärker erlebt, als draußen alles wie früher war und wir hier noch zwei voll belegte Stationen mit Covid-Patienten hatten. Jetzt, wo es auch bei uns auf der Station weniger Covid-Patienten werden, können wir auch dieses Gefühl der Erleichterung nachempfinden. Auch wir freuen uns über mehr soziale Interaktion – natürlich mit dem Wissen, dass immer noch ein gefährliches Virus zirkuliert. Man muss diese Gefahr aber nicht leugnen oder negieren, um sich wieder mit Menschen treffen zu können und Freizeitaktivitäten nachzugehen. Man kann sogar sehr viel mehr wertschätzen, was wieder möglich ist. Und man muss auch sagen: Die allermeisten Menschen, gerade jüngere, sind in der aktuellen Phase der Pandemie gut geschützt.

Bei unserem letzten Gespräch haben Sie berichtet, dass Ihnen die monoklonalen Antikörper als wichtiges Medikament weggefallen sind, weil sie gegen die BA.2-Variante nicht wirken. Gibt es in zwischenzeitlich einen neuen Ansatz?

Es ist leider noch immer so, dass die meisten hier verfügbaren monoklonalen Antikörper bei der weiterhin verbreiteten BA.2-Variante nicht greifen. In den USA steht Bebtelovimab zur Verfügung, das auch bei BA-2 wirkt. Außerdem gibt es für Hochrisikopatienten eine Antikörperprophylaxe, insbesondere für Tumorpatienten. Bei den langsam aufkommenden Varianten BA.4, BA.5 haben wir noch nicht genügend Informationen, um zu sagen, ob es zu einem unterschiedlichen klinischen Verlauf kommt. Momentan sieht es nach marginalen Unterschieden aus. Aber der Verlust der Wirksamkeit von monoklonalen Antikörpern hat uns schon sehr wehgetan, gerade bei Patienten mit Vorerkrankungen. Da gibt es nicht immer einen adäquaten Ersatz durch antivirale Mittel. Glücklicherweise ist es dennoch so: die Anzahl der schweren Verläufe ist weiter rückläufig. Es wäre schlimmer gewesen, wenn in der Delta-Welle uns ein so wichtiges Medikament weggebrochen wäre

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Beschäftigen Sie auch Long-Covid-Fälle in der Klinik?

Dazu bekommen wir immer mehr Anfragen. In den Nicht-Covid-Bereichen gibt es immer mal wieder Patienten, die ein vielfältiges Beschwerdebild haben, bei dem verschiedene Organsysteme betroffen sind, und von denen einige schildern, dass der Beginn eine Covid-Infektion war. In der Akutklinik ist das lange Zeit an uns vorübergegangen, und wir hatten auch zunächst gedacht, das Long-Covid eher etwas für den ambulanten Bereich sein wird. Aber bei diesen hohen Fallzahlen – das war ja auch immer die Sorge bei dieser extrem hohen Inzidenz, dass dann eben zahlenmäßig viele Menschen betroffen sind – ist die Wahrscheinlichkeit natürlich hoch, dass es auch Menschen gibt, die stationär behandelt werden müssen. Das stellen wir jetzt immer häufiger fest.

Wie geht es dem Klinik-Personal nach der Omikron-Welle?

Wir haben leider immer noch viele Personalausfälle. Bei uns in der Abteilung hat sich das zwar wieder eingependelt, die ärztlichen Kollegen sind alle wieder einsatzfähig. Auch das pflegerische Personal ist wieder im Dienst, aber insgesamt ist der Krankenstand immer noch erhöht. Das hat sicher auch etwas mit den großen Anstrengungen auf den Stationen zu tun, davon war nicht nur die Covid-Station betroffen. Weil diese andere blockiert hat, gab es einen sehr viel höheren Patientenumsatz auf den Nicht-Covid-Stationen und dadurch natürlich sehr viel Arbeit für die Pflege. Das hat sehr viel Kraft gekostet, das merken wir jetzt. Die zweite Station, die jetzt für Nicht-Covid-Patienten geöffnet worden ist, war innerhalb von einem Tag voll belegt. Daran sieht man, wie groß der Bedarf im Nicht-Covid-Bereich war. Wir müssen jetzt viele Untersuchungen nachholen, es ist also nicht die große Entspannung angesagt.

Womit rechnen Sie mit Blick auf den Sommer? Wird es wie in den Vorjahren wieder ruhiger?

Wir gehen davon aus, dass wir wie in den vergangenen beiden Sommern in einem reduzierten Bereich auf der Covid-Station weiter Patienten behandeln werden, Risikopatienten und Reiserückkehrer zum Beispiel. Wir richten auch den Blick darauf, dass wir uns im Sommer und im Spätsommer auf den Herbst vorbereiten müssen. Was dann im Herbst auf uns zukommt, ist noch nicht abzusehen, muss aber rechtzeitig bedacht werden. Denn jetzt in einen tiefen Dornröschenschlaf fallen und im Herbst bitter erwachen – das möchten wir nicht. Die Korrelation zwischen Fall- und Todeszahlen darf auf keinen Fall zu dem zurückkehren, wie es vor der Omikron-Variante war. Abhängig von der zirkulierenden Variante müsste das dann zum Beispiel einen neuen Start der Impfkampagne bedeuten.

Haben Sie über den Sommer Wünsche an die Politik?

Dass wir die Fehler des letzten Sommers, als wir zu spät reagiert haben, nicht wiederholen. Vorbereitung ist Trumpf. Daher wäre mein Wunsch, auf die virologische Surveillance zu achten, insbesondere die Situationen in Ländern wie Südafrika im Blick zu behalten und auch klinische Daten zu berücksichtigen, wie die Daten zur Wirksamkeit der Impfung nach mehr als einem Jahr. Dann müssen wir neu evaluieren, ob wir wieder gesundheitspolitische Maßnahmen brauchen, die nicht automatisch weniger Freiheiten bedeuten müssen. Hoffentlich wird das nicht mehr nötig sein.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Anton, Julia
Julia Anton
Redakteurin im Ressort „Gesellschaft & Stil“.
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