Kampf gegen Coronavirus

Chinas Abwehrschwäche

Von Friederike Böge und Joachim Müller-Jung
04.02.2020
, 22:21
Ein Arbeiter in einer Quarantänestation in Chinas Krisenstadt Wuhan wird desinfiziert.
Während Pekings Forscher zügig reagierten, sieht die Behördenbilanz weniger rosig aus. Chronik eines durchwachsenen Krisenmanagements.
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Der Kampf gegen das Coronavirus sei eine Prüfung für das chinesische Regierungssystem. So haben es am Montagabend die sieben mächtigsten Männer des Landes formuliert. Chinas Immunsystem hat sich im Umgang mit der tödlichen Krankheit nur als bedingt abwehrfähig erwiesen. Das gilt allerdings in unterschiedlichem Maße für die verschiedenen Teile des Apparats.

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Während Chinas Wissenschaftler das Virus schnell identifizierten und ungewohnt eng mit Forschungs- und Gesundheitsinstitutionen weltweit kooperierten, gab es auf Ebene der Lokalregierung und möglicherweise bei der nationalen Gesundheitskommission Versäumnisse und Vertuschungsversuche, die erheblich dazu beigetragen haben, dass sich das Virus von einem lokalen Fischmarkt aus zu einer nationalen, wenn nicht internationalen Krise entwickeln konnte.

Wann genau das Virus vom Tier auf den Menschen übersprang, ist nicht bekannt. Der erste Patient mit der mysteriösen Lungenerkrankung wurde am 1. Dezember 2019 registriert. Von da an dauerte es sieben lange Wochen, bis die Zentralregierung die Bevölkerung erstmals unmissverständlich auf die Gefahren des Virus hinwies. Dieser Moment der Wahrheit kam am 20. Januar 2020, als Zhong Nanshan, ein angesehener Spezialist für Atemwegserkrankungen, in einem Interview bestätigte, dass das Virus von Mensch zu Mensch übertragbar sei und dass sich bereits 14 Krankenhausmitarbeiter damit angesteckt hätten. Er schätzte die Lage so dramatisch ein, dass er empfahl, niemand solle mehr nach Wuhan, das Epizentrum des Ausbruchs, reisen und niemand die Stadt verlassen. Schon drei Tage später folgten die Behörden seiner Empfehlung und riegelten die Millionenmetropole von der Außenwelt ab.

Doch noch einen Tag vor Zhong Nanshans Weckruf fand in Wuhan das traditionelle Neujahrsbankett statt, an dem mehr als 10000 Familien teilnahmen. Ein epidemiologischer Albtraum. Und noch am 20. Januar richtete die Provinzregierung in Wuhan eine Neujahrsschau für verdiente Kader aus. Offenbar wollten die Verantwortlichen den Eindruck vermitteln, als gehe alles seinen gewohnten Gang. Diese falschen Signale hatten verheerende Wirkungen und dürften Menschenleben gekostet haben. Dabei wussten die Behörden schon länger Bescheid. Wenn es stimmt, was ein Labormitarbeiter später anonym im Internet veröffentlichte, dann entdeckte ein Testlabor in Wuhan am 26. Dezember in eingeschickten Proben ein neues Coronavirus mit einer Ähnlichkeit zum tödlichen Sars-Virus von 87 Prozent. Am 30. Dezember warnten acht Ärzte in sozialen Netzwerken vor dem Virus, das auch sie mit Sars in Verbindung brachten. Statt dies zum Anlass zu nehmen, die Bevölkerung über mögliche Risiken zu informieren, wurden die Ärzte von der Polizei verhört und mussten Schweigegelübde unterzeichnen.

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Niemand warnte die Bevölkerung

Am 31. Dezember gaben die Behörden zwar bekannt, dass es 27 Fälle einer mysteriösen Lungenkrankheit gebe, doch von einem neuen Coronavirus sprachen sie nicht. Sie alarmierten die Weltgesundheitsorganisation, und ein Team der nationalen Gesundheitskommission reiste nach Wuhan, doch niemand forderte die lokale Bevölkerung zu erhöhter Wachsamkeit auf. In der Zwischenzeit sprang der medizinische Apparat an und leistete gute Arbeit: Innerhalb von einer Woche wurde das neue Coronavirus 2019-nCov identifiziert.

Zeitlich passte das den Lokalbehörden nicht in den Kram. In der Woche vom 6. bis 10. Januar fand in Wuhan die jährliche Sitzung zur Vorbereitung des nationalen Volkskongresses im März statt. Während dieser Zeit wurde keine einzige Neuerkrankung bekanntgegeben. Das war offenbar politisch so gewollt, aber entsprach nicht der realen Situation. Chinesische Forscher rechneten später in einem Papier, das im „New England Journal of Medicine“ veröffentlicht wurde, vor, dass die Fallzahlen sich in der frühen Phase der Epidemie alle 7,4 Tage verdoppelt hätten.

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Ein Wuhaner Radiologe berichtete der Zeitschrift „Caixin“, bereits am 6. Januar habe er bei einem Kollegen einschlägige Anzeichen einer Lungenentzündung entdeckt. In den nächsten Tagen seien weitere im Kollegium hinzugekommen. Da hätten alle Alarmglocken schrillen müssen. Stattdessen gab das Krankenhaus nach Angaben des Radiologen die Anweisung, dass Krankenhauspersonal keinen Zugang zu den Computertomographie-Bildern ihrer eigenen Lungen bekommen dürften. Das klingt sehr nach dem, was in China „Stabilitätsmaßnahmen“ genannt wird. Ein führender Wissenschaftler vom Zentrum für Krankheitsbekämpfung sagte in einem Interview, es sei nicht auszuschließen, dass es „einiges Zögern im Entscheidungsprozess“ der Lokalregierung gegeben habe, die auch wirtschaftliche Auswirkungen und die politische Stabilität habe beachten müssen.

Provisorisches Krankenhaus in einem Kongresszentrum in Wuhan
Provisorisches Krankenhaus in einem Kongresszentrum in Wuhan Bild: dpa

Ob es auch jenseits der lokalen Behörden Versäumnisse gab, ist derzeit noch unklar. Der Bürgermeister von Wuhan hat in einem Interview mit dem Staatsfernsehen eine Mitverantwortung höherer Stellen angedeutet. Er sagte, die Lokalregierung benötige die Genehmigung von oben, um im Fall von Infektionskrankheiten Informationen herauszugeben. Ob die nationale Gesundheitsbehörde tatsächlich Informationen zurückhielt, ist derzeit noch unbeantwortet. Ebenso wie die Frage, ab wann die Behörden wussten, dass das Virus von Mensch zu Mensch übertragen werden kann.

Die Brisanz der Daten verheimlicht?

Auf Basis der Daten der ersten 425 registrierten Infektionsfälle ermittelten chinesische Wissenschaftler, dass eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung schon ab Mitte Dezember stattfand. Die Wissenschaftler betonen, dass sie die Daten erst nach dem 20. Januar erhalten haben. Doch wer hatte vorher Zugang zu ihnen? Wurde die Brisanz der Daten nicht erkannt oder gezielt verheimlicht?

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Tatsächlich tauchen auch bei ausländischen Wissenschaftlern immer mehr Fragen hinsichtlich der Patientenproben und der Informationen vom Anfang der Infektionswelle auf. Offensichtlich sind einige Lücken, die trotz inzwischen Dutzenden von Einzelpublikationen aus Laboren in Peking, Schanghai oder Wuhan bleiben. So gibt es auch von den mehr als zwei Dutzend früh infizierten Ärzten und Krankenschwestern in Wuhan beispielsweise bis heute keine Auswertung der klinischen Verläufe oder der Proben.

Eine entscheidende unbeantwortete Frage ist nach wie vor, wie leicht sich Menschen nach engem Kontakt mit Infizierten anstecken können. In der Region Hubei breitet sich das Virus weiter nahezu exponentiell aus, während sich die Infektionsketten in anderen Ländern bisher offenbar vergleichsweise einfach eindämmen lassen; so sieht es jedenfalls aus, wenn man unterstellt, dass die meisten Infizierten nicht symptomlos bleiben oder milde Symptome entwickeln und deshalb nicht entdeckt werden. Auch dieses Risiko bleibt vorerst ungeklärt: die Ansteckungsgefahr bei Infizierten, die ohne Erkrankungsanzeichen wie Husten, Schnupfen, Fieber und Müdigkeit bleiben. Auch in dieser Hinsicht gibt es kaum Informationen aus China, wie überhaupt viele Wissenschaftler mittlerweile darüber klagen, zu wenig von den sehr viel umfangreicheren klinischen Erfahrungen aus den Krankenhäusern in Wuhan profitieren zu können. So kommt es, dass derzeit auch in der Wissenschaftswelt erhebliche Verunsicherung herrscht.

Der Blick richtet sich da aber nicht nur nach China: Wie am Dienstag aus dem Berliner Robert-Koch-Institut bekannt wurde, wird in einem Brief an das „New England Journal of Medicine“ der Ausbruch der Infektionskette bei der Münchener Firma Webasto neu interpretiert. Offenbar haben Mitarbeiter des Instituts die Chinesin nochmal befragt, die als symptomlose Überträgerin in München gilt.

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Dabei zeigte sich, dass sie doch schon während des Seminars in der Firma, als sich offenbar einige Mitarbeiter bei ihr ansteckten, unspezifische Krankheitssymptome wie Muskelschmerzen und Müdigkeit zeigte. Die Frau war also offenbar schon krank. Der Fall hatte als weltweit erster sicherer Nachweis einer Übertragung durch symptomlose Virusträger enorme Bedeutung bekommen. Damit ist allerdings der Verdacht noch nicht ausgeräumt, dass das Virus schon früh nach einer Ansteckung, das heißt bei geringer Erregerlast in den oberen Luftwegen, übertragen werden kann.

Medizinisches Personal in einer Quarantänezone in Wuhan
Medizinisches Personal in einer Quarantänezone in Wuhan Bild: AFP

Derlei Fragen zu klären wird auch erschwert. Ausländische Mediziner und Forschergruppen wie der Charité-Chefvirologe Christian Drosten hatten zwar früh Kontakt und Zugang zu Virusmaterial, was zu dem ersten in Berlin entwickelten Virustest geführt hat. Doch der Austausch mit den chinesischen Kliniken und Laboren hat offensichtlich Grenzen, an neues Zell- und Virenmaterial kommen internationale Forschergruppen so einfach nicht heran. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist nach Auskunft ihres Sprechers Christian Lindmeier zwar mit dem Austausch und dem Informationsfluss aus China nicht unzufrieden, er sei „nach wie vor besser als in anderen WHO-Mitgliedsländern“. Die in den „International Health Regulations“ vereinbarten Alarmierungsregularien habe Peking eingehalten, zumindest ab dem 31. Dezember. Doch wie die chinesischen Behörden und Kliniken mit den Informationen über die neue Lungenkrankheit davor umgegangen waren, weiß man auch bei der WHO in Genf nicht.

Probleme bei der Logistik

Nicht nur die Informationspolitik Chinas erwies sich als nicht tauglich für eine Notstandssituation, sondern auch die medizinische Logistik. Nachdem Wuhan von der Außenwelt abgeschnitten wurde, wurden die örtlichen Krankenhäuser mit einem Ansturm an Patienten überfordert. Infizierte und potentiell Gesunde drängelten sich über Stunden in überfüllten Gängen. Auch das ein epidemiologischer Albtraum. Aufgrund der Neujahrsferien konnten Hersteller von Schutzkleidung wie Masken und Testgeräten nicht schnell genug Nachschub produzieren. Erst relativ spät entschloss sich die chinesische Regierung, das Ausland um Hilfe zu bitten. Ein weiterer Grund für die Engpässe sind offenbar Managementschwächen beim chinesischen Roten Kreuz, einer halbstaatlichen Organisation, die als einzige mit der Verteilung von Schutzkleidung an medizinische Einrichtungen in Wuhan beauftragt ist. Am Dienstag wurden drei führende Mitarbeiter im Provinzbüro des Roten Kreuzes entlassen. Die Leitungsfunktion für die Verteilung der Schutzkleidung hatte das Ministerium für Industrie und Informationstechnologie inne.

Am Dienstag zog der Staatsrat die Konsequenz aus den offensichtlichen Mängeln und übertrug die Verantwortung der Nationalen Entwicklungs- und Reformkommission. Um den dramatischen Mangel an Krankenhausbetten zu decken, wurden drei Orte zu Behelfskrankenhäusern erklärt: ein Stadion, das Internationale Ausstellungszentrum von Wuhan und ein Kultur-Zentrum. Dort sollen 3400 Betten aufgestellt werden. Chinas Führung kündigte derweil an, „Lehren“ aus den Unzulänglichkeiten ziehen zu wollen.

Quelle: F.A.Z.
Friederike Böge
Friederike Böge
Politische Korrespondentin für China, Nordkorea und die Mongolei.
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Joachim Müller-Jung- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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