In deutschen Krankenhäusern

Wieder fallen Tausende Operationen aus

Von Kim Björn Becker
30.03.2021
, 11:03
Operation in einem Krankenhaus in München.
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Nachdem in der ersten Welle der Pandemie jeder Eingriff verschoben wurde, der nicht absolut notwendig war, sollte sich die Lage bessern. Doch im zweiten Lockdown sanken die Behandlungszahlen abermals – auch bei Notfällen.
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Als die deutschen Krankenhäuser vor etwa einem Jahr wegen der Corona-Pandemie erstmals in den Krisenmodus versetzt wurden, fielen binnen weniger Wochen Tausende Eingriffe aus. Jede Operation, die nicht dringend erforderlich war, wurde auf bessere Zeiten verschoben – um jedes Bett, jeden Arzt und jede Pflegekraft für die Versorgung schwerkranker Covid-19-Patienten zur Verfügung zu haben. Doch die Hoffnung, dass sich die Situation in den Kliniken mit der Zeit bessert, hat sich nicht erfüllt. Neue Daten der Krankenkassen zeigen, dass die Situation während der sogenannten zweiten Welle der Pandemie im Winter zwar nicht ganz so gravierend war wie im ersten Lockdown im Frühjahr des vergangenen Jahres. Doch viel besser sieht es nicht aus.

Nach Angaben der Krankenkasse AOK gingen die Fallzahlen in den deutschen Krankenhäusern – psychiatrische Kliniken ausgenommen – zwischen März und Mai 2020 um 27 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum zurück. Nach einer leichten Erholung im Sommer folgte dann im Herbst der zweite Einbruch. Verglichen mit den Zahlen vor dem Beginn der Pandemie betrug das Minus zwischen Oktober 2020 und Januar 2021, also in der zweiten Welle der Corona-Krise, noch einmal 20 Prozent. Jede fünfte Behandlung fand demnach nicht statt, das entspricht Tausenden Eingriffen. In psychiatrischen Kliniken lag das Minus in der zweiten Welle bei 14 Prozent; im ersten Lockdown hatte es etwa 25 Prozent betragen.

Grundlage der jüngsten Untersuchung, die am Montag in Berlin vorgestellt wurde, sind die Abrechnungsdaten der knapp 27 Millionen AOK-Versicherten. Das entspricht etwa einem Drittel der gut 73 Millionen Kassenpatienten in Deutschland, die Zahlen lassen sich also recht gut hochrechnen. Im Zeitverlauf fällt auf, dass die Krankenhausbehandlungen vor allem im Januar dieses Jahres stark zurückgingen, da lag die Zahl in den Allgemeinkrankenhäusern 31 Prozent unter dem Wert vor der Krise – allerdings entfielen auf den Monat in diesem Jahr fünf Wochenenden, im Vergleichszeitraum des Jahres 2019 waren es nur vier.

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Zahl der Notfallbehandlungen abermals deutlich zurückgegangen

Besonders bemerkenswert ist, dass die Zahl der Notfallbehandlungen zwischen Oktober und Januar abermals deutlich zurückgegangen ist. „Diese erneuten Einbrüche sind Anlass zur Sorge“, sagt Jürgen Klauber, Geschäftsführer des Wissenschaftlichen Instituts der AOK, das die Berechnungen vorgenommen hat. So verzeichneten die Statistiker der Krankenkasse im Winter 13 Prozent weniger Herzinfarkt-Behandlungen, der Rückgang betrug nur drei Prozentpunkte weniger als im ersten Lockdown. „Wiederholt haben Ärzte aus den Krankenhäusern darauf hingewiesen, dass Herzinfarkt-Patienten gehäuft verspätet und mit fortgeschrittener Schädigung des Herzens im Krankenhaus angekommen sind“, sagt Klauber.

Darüber hinaus stellten sich zuletzt elf Prozent weniger Patienten mit Schlaganfall in den Notaufnahmen vor als vor der Krise – der Rückgang ist fast gleich groß wie im vergangenen Frühjahr. Die Aufrufe von Fachleuten und Politikern, bei Anzeichen einer schweren Erkrankung trotz der Pandemie einen Arzt aufzusuchen, haben offenbar nur wenig bewirkt. Man könne den Appell vor dem Hintergrund der jüngsten Zahlen nur erneuern, sagt Klauber. Da die Zahl der Operationen einer gebrochenen Hüfte zwischen Oktober und Januar nur um drei Prozent gesunken ist, liegt der Verdacht nahe, dass Patienten insbesondere beim Verdacht auf internistische Notfälle häufig zu lange warten, ehe sie den Notruf wählen.

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Und noch etwas ist den Statistikern der Krankenkasse aufgefallen: Die Zahl ausgewählter Krebsbehandlungen ist im zweiten Lockdown abermals gesunken. Zwar fanden nur fünf Prozent weniger Brustkrebsoperationen statt als vor der Krise – der Wert hat sich im Vergleich zur ersten Welle deutlich verbessert, damals betrug der Rückgang der Eingriffe zehn Prozent. Doch dafür gingen die Zahlen der Darmkrebsoperationen zuletzt noch stärker zurück. Im vergangenen Frühjahr verzeichnete die Kasse bereits einen Rückgang um 17 Prozent. Dieser ist im Winter abermals gestiegen und auf 20 Prozent angewachsen.

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Führen weniger Früherkennungsuntersuchungen zu weniger Krebsoperationen?

Für Jürgen Klauber ist es nicht ganz einfach zu sagen, was genau der Grund dafür ist. Offenbar habe es eine „deutlich reduzierte ambulante Diagnostik“ gegeben, sagt er. Die niedergelassenen Ärzte müssten dann weniger Patienten untersucht haben. Die Darmspiegelung ist eine wichtige Vorsorgeuntersuchung, die Krankenkassen zahlen diese bei Männern ab 50 Jahren und bei Frauen ab 55 Jahren. Ob Patienten bei der Früherkennung „gezögert haben“, so Klauber, oder ob die Ärzte ihr Behandlungsangebot möglicherweise verringert haben, gehe aus den Daten allerdings nicht hervor.

Dass die Behandlungszahlen wegen Corona auch in anderen Bereichen zurückgegangen sind, belegen neue Daten der Krankenkasse DAK. Bei der Kasse sind knapp sechs Millionen Menschen gesetzlich versichert. Eine Sonderauswertung, deren Ergebnisse am Sonntag bekanntgemacht wurden, bestätigt den Trend. Demnach wurden im Januar und Februar dieses Jahres in den Krankenhäusern 40 Prozent weniger planbare Knie- und Hüftoperationen durchgeführt als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Dabei geht es vor allem um künstliche Gelenke, die bei schwerer Arthrose eingesetzt werden.

Über das gesamte Pandemiejahr 2020 betrugen die Rückgänge der Behandlungszahlen bei den DAK-Versicherten bereits 17 Prozent bei Eingriffen am Kniegelenk und zwölf Prozent bei Operationen an der Hüfte. Im ersten Lockdown fielen etwa drei Viertel dieser Eingriffe aus. Das sei „dramatisch“ gewesen, sagte Dieter Wirtz, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie, der F.A.Z. Auf den Stationen habe sich im Winter kein derart starker Rückgang der Eingriffe mehr gezeigt, bestätigt der Chefarzt an der Universitätsklinik in Bonn.

Ob sich die Patienten statt einer Krankenhausbehandlung dafür entschieden haben, bestimmte Eingriffe in der Praxis eines niedergelassenen Arztes vornehmen zu lassen, könne man derzeit „nur spekulieren“, sagte Andreas Storm, der Vorstandsvorsitzende der DAK. „Einen Nachholeffekt bei stationären Knie- und Hüft-Operationen sehen wir aktuell noch nicht.“ Er frage sich daher, ob die angesetzten Eingriffe überhaupt erforderlich waren.

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Das sieht Dieter Wirtz anders. „Durch die Lockdowns wurden Eingriffe verschoben, wir haben jetzt eine deutlich größere Bugwelle vor uns als im vergangenen Jahr“, sagt er. Wenn das gesellschaftliche Leben durch die Impfungen langsam zurückkehre, würden viele Patienten die Behandlungen nachholen wollen – was die orthopädischen Fachabteilungen der deutschen Krankenhäuser stark belasten werde. „Im Moment haben sich viele Patienten noch zu Hause eingeigelt“, sagt Wirtz. „Sie schleppen sich mit Schmerzmedikamenten durch den Tag und werden langsam mürbe.“

Aus Angst vor einer Corona-Infektion würden viele gerade den Krankenhausaufenthalt vermeiden. „Die Sorge ist zwar meist unbegründet, doch viele wollen sich zuerst impfen lassen und denken erst dann an einen Eingriff, der ihre Mobilität wiederherstellen kann. Sie wollen auch nicht durch die Impfung in ihrem Heilungsprozess beeinträchtigt werden.“

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Die Pandemie trifft vor allem Männer

Die Abrechnungsdaten der AOK erlauben weitere Rückschlüsse auf die Situation der Corona-Pandemie. Etwa 52.000 Versicherte wurden zwischen Februar und November 2020 wegen einer Infektion mit dem Coronavirus im Krankenhaus behandelt. Die jüngsten Zahlen vom Montag bestätigen, dass im vergangenen Jahr vor allem Männer schwer an Covid-19 erkrankten. Zwei Drittel der Patienten, die in einem Krankenhaus deswegen künstlich beatmet werden mussten, waren Männer. Zudem litten viele der Betroffenen zudem an Bluthochdruck, Herzrhythmusstörungen oder Diabetes – jede dieser Erkrankungen führte dazu, dass die Wahrscheinlichkeit einer künstlichen Beatmung stieg.

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Insgesamt wurden die AOK-Versicherten in 1250 Krankenhäusern behandelt. Allerdings zeigen die Abrechnungsdaten, dass es Schwerpunkte bei der Behandlung gibt: Etwa die Hälfte der Kliniken behandelte 86 Prozent der Covid-19-Patienten. Es sind also vor allem große Krankenhäuser, die sich verstärkt darum kümmern, die Pandemie zu bewältigen. „Wir brauchen nicht weniger Zentralisierung und Spezialisierung von Kliniken, sondern mehr“, sagt der AOK-Vorstandsvorsitzende Martin Litsch. Krankenhäuser mit geringen Covid-19-Fallzahlen seien oftmals „nicht unbedingt optimal für die Versorgung dieser schweren Erkrankung ausgerüstet“. Zudem könnten größere Kliniken ihr Fachpersonal flexibler einteilen, was gerade bei Corona wichtig sei. „Es hilft nicht, einfach nur zusätzliche Intensivbetten aufzustellen und den Bestand an Beatmungsgeräten aufzustocken“, sagt Litsch.

Beim Verband der Universitätskliniken, die einen wesentlichen Teil der Covid-19-Patienten behandeln, sieht man sich bestätigt. „Es sind vor allem die Maximalversorger, die bei der Behandlung von schwer erkrankten Covid-19-Patienten einspringen“, sagte Jens Bussmann, Generalsekretär des Verbands, der F.A.Z. Zugleich würden die Universitätskliniken in diesem Jahr noch nicht wieder die Bettenauslastung des Jahres 2019 erreichen können – unter anderem, weil Dreibettzimmer derzeit wegen der Pandemie nicht voll belegt werden können. „Viele Krankenhäuser sind vorsichtig und lasten ihre Operationssäle noch nicht völlig aus, weil viele Eingriffe Aufenthalte der Patienten auf der Intensivstation nach sich ziehen“, sagte Bussmann. „Da muss hier und da ein Puffer bleiben.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Becker, Kim Björn
Kim Björn Becker
Redakteur in der Politik.
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