Lockerungs-Diskussion

Mahner gegen Ungeduldige

02.03.2021
, 04:19
Wieder gibt es kurz vor dem nächsten Bund-Länder-Gipfel zur Corona-Krise viele Forderungen. Ärzteverbände raten zur Vorsicht, die Menschen in den Bundesländern bewerten die bisherigen Maßnahmen sehr unterschiedlich.

Vor den Bund-Länder-Beratungen am Mittwoch häufen sich Forderungen nach weniger strengen Maßnahmen ebenso wie Warnungen vor einer dadurch möglicherweise befeuerten dritten Welle der Pandemie.

Mehrere Ärzteverbände warnen vor voreiligen und unkoordinierten Lockerungen des Lockdowns. „Es wäre falsch, einfach einige Bereiche zu öffnen, weil die Menschen lockdownmüde sind“, sagte die Vorsitzende des Bundesverbands der deutschen Amtsärzte, Ute Teichert, der „Rheinischen Post“. Öffnungen sollten nur in Verbindung mit einer gezielten Test- und Nachverfolgungsstrategie erfolgen, mahnte sie. „Keinesfalls dürfen wir dem Virus den roten Teppich ausrollen.“ Es gehe jetzt darum, die Kontrolle über das Infektionsgeschehen zurückzugewinnen. „Das Virus ist im Augenblick immer noch schneller als unsere Maßnahmen, wir reagieren nur. Das muss sich ändern.“ Teichert forderte daher mehr Tests in den Schulen, in den Betrieben „und auch beim Friseur“. Außerdem müsse noch viel mehr auf Varianten des Coronavirus getestet werden, um einen besseren Überblick über deren Ausbreitung zu erhalten.

Kinderärzte sehen Schüler-Schnelltests skeptisch

Ähnlich argumentierte der Marburger Bund. „Die Öffnungen sollten langsam und stufenweise erfolgen. Es ist wichtig, Folgewirkungen abzuwarten, bevor man den nächsten Schritt macht“, sagte die Vorsitzende Susanne Johna den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. Die Gefahr einer dritten Infektionswelle mit hochansteckenden Virusvarianten betreffe nicht nur ältere Patienten, „auch jüngere, insbesondere Risikopatienten“. „Wir reden hier von einem Viertel der Bevölkerung“, sagte sie. Sollte die dritte Welle vergleichsweise ungebremst auf sie treffen, komme es zwangsläufig zu einem Wiederanstieg der Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen.

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Auch Überlegungen zu regelmäßigen Corona-Tests bei Schülern stoßen jedoch bei Medizinern auf Kritik. „Die zu erwartende hohe Zahl an falschen negativen und falschen positiven Ergebnissen würde aus unserer Sicht weit mehr Schaden anrichten als nutzen“, sagte der Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, Thomas Fischbach, der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. Es bestehe „eine erhebliche Gefahr“, dass die Hygienemaßnahmen nach negativen Testergebnissen nicht mehr eingehalten würden, weil sich die Schüler in falscher Sicherheit wögen. „Angesichts vieler falsch negativer Ergebnisse könnte das zu mehr Ansteckungen führen, als wenn nicht getestet würde; das wäre verheerend.“ Auf der anderen Seite müssten Kinder bei falsch positiven Ergebnissen unnötig in Quarantäne. Das Bundesgesundheitsministerium hält in einem Diskussionspapier, das der dpa vorliegt, ein oder zwei Tests pro Woche für Schülerinnen und Schüler für sinnvoll.

Laschet, Haseloff und Gastgewerbe wollen Lockerungen

„Es darf keinen Öffnungsrausch geben“, sagte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder gestern. Der CSU-Politiker präsentierte gemeinsam mit seinem sächsischen Kollegen Michael Kretschmer von der CDU einen Zehn-Punkte-Plan. Beide Bundesländer sind Nachbarn der besonders stark betroffenen Tschechischen Republik.

Nordrhein-Westfalens Regierungschef Armin Laschet sendet dagegen andere Signale und plädiert für kontrollierte Öffnungsschritte ohne Fokussierung auf Inzidenzwerte anstatt eines langen Lockdowns. „Jetzt gilt konzentrierte Sicherheit statt dauerhaftes Schließen“, sagte Laschet dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Die sozialen, wirtschaftlichen und psychischen Schäden der Pandemie müssten sorgfältig abgewogen werden. Der CDU-Vorsitzende fordert eine vorsichtige Öffnung mit einer ganzen Breite von Schutzmaßnahmen und den besseren Einsatz digitaler Möglichkeiten.

Auch Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) warb für Lockerungen. „Die Menschen sind nach dem Lockdown erschöpft“, sagte der amtierende Bundesratspräsident den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. Es müsse verhindert werden, dass „vieles in den illegalen Bereich wandert“. Sonst breite sich das Virus noch stärker aus. Als Beispiel nannte Haseloff den Sport: „Statt unkontrollierter Sporttreffs von Gruppen können wir Sport bis zu fünf Personen wieder zulassen, wenn die Vereine darauf achten, dass die Hygieneregeln eingehalten werden. Was wir im Moment machen, kann nicht dauerhaft so bleiben.“

Auch der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) forderte eine Abkehr von der ausschließlichen Ausrichtung auf Inzidenzwerte. Es müsse eine Balance geben zwischen gesundheitspolitisch Notwendigem und dem, was der Wirtschaft noch zugemutet werden könne, forderte Dehoga-Hauptgschäftsführerin Ingrid Hartges im „Tagesspiegel“. Vor den Bund-Länder-Beratungen am Mittwoch forderte sie einen „klaren Fahrplan, mit dem Restaurants und Hotels noch vor Ostern wieder öffnen können“. Das Gastgewerbe müsse gleichberechtigt mit anderen Branchen behandelt werden. „Wir sind immer die ersten und es kann nicht sein, dass wir auch die letzten sind, die wieder öffnen dürfen“, sagte sie.

Walter-Borjans kritisiert Merkels Krisenpolitik

SPD-Chef Norbert Walter-Borjans wirft CDU-Kanzlerin Angela Merkel und den Unionsministern im Bundeskabinett Versagen in der Corona-Krise vor. „Wir haben eine Regierungschefin, die in der Koordinierung in dieser Krise einiges vermissen lässt“, kritisiert Walter-Borjans in einem Bericht der „Augsburger Allgemeinen“. Gerade jetzt würden besonders geforderte Verantwortungsträger auf der Seite des Koalitionspartners ihrer Aufgabe nicht gerecht. Walter-Borjans kündigte einen harten Wahlkampf an.

Die Zufriedenheit der Deutschen mit der Bekämpfung der Corona-Krise ist einer Forsa-Umfrage zufolge in den Bundesländern sehr unterschiedlich. Das Redaktionsnetzwerk Deutschland veröffentlichte die Umfrageergebnisse in einem Vorabbericht. Demzufolge besteht eine hohe Zufriedenheit unter Bürgerinnen und Bürgern in Bayern und Mecklenburg-Vorpommern. In beiden Ländern erklären jeweils 72 Prozent der Befragten, die Krise sei bisher „alles in allem“ gut bewältigt worden. In Schleswig-Holstein sind es 71 und in Hamburg 70 Prozent.

In Thüringen dagegen sind 57 Prozent der Befragten nicht zufrieden. Auch in Sachsen, Berlin und Nordrhein-Westfalen war die Stimmung eher schlecht. Die Repräsentativbefragung wurde Mitte Februar durchgeführt. Das Forsa-Institut befragte insgesamt 7980 Deutsche.

Quelle: bard./AFP/Reuters/dpa
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