Corona-Situation in Texas

Häftlinge transportieren die Covid-Opfer

Von Christiane Heil, Los Angeles
18.11.2020
, 16:51
Tote werden in Kühlwagen gelagert, Patienten in Zelten versorgt, Verstorbene von Gefängnisinsassen in die Leichenhallen gebracht: In der texanischen Stadt El Paso gerät die Corona-Situation außer Kontrolle.

Die Bilder aus El Paso erinnern an New York zu Beginn der Corona-Pandemie. Nach Rekordzahlen bei Neuinfektionen und Todesfällen, die den Bezirk im Westen von Texas in den vergangenen Wochen zu einem Hotspot machten, werden nun Leichen in Kühlwagen gelagert und Patienten in Zelten versorgt. Das Messezentrum der Stadt El Paso wurde vorübergehend zu einem Lazarett umfunktioniert. Patienten ohne Sars-CoV-2 werden seit Montag per Flugzeug in das etwa 900 Kilometer entfernte Austin gebracht. Dessen Bürgermeister Steve Adler hatte angeboten, sie in der texanischen Hauptstadt zu behandeln, um in El Paso Betten für Corona-Infizierte frei zu machen.

Allein für Mittwoch meldeten die Gesundheitsbehörden in El Paso County mehr als 900 Neuinfektionen. Mindestens 22 Menschen starben an einem Tag. Etwa 1000 Corona-Patienten wurden im Krankenhaus behandelt, fast 330 von ihnen auf der Intensivstation, 200 an Beatmungsgeräten.

Eine Hilfskrankenschwester, die in den vergangenen Wochen im University Medical Center in El Paso gearbeitet hatte, berichtete bei Facebook von einem Raum, genannt „Grube“. „An meinem ersten Tag wurde mir gesagt, dass alle Patienten, die dorthin verlegt würden, nur noch in einem Leichensack wieder herauskämen“, sagt Lawanne Rivers in dem Video. Die Zustände in Texas seien weit schlimmer als in New York, wo sie zu Beginn der Pandemie Infizierte versorgt habe.

Schon mehr als 77.000 der etwa 800.000 Bewohner des Bezirks wurden infiziert. Die Gesundheitsbehörden meldeten bis Mittwoch rund 800 Tote. Um Ärzte und Pfleger in dem Grenzgebiet zu Mexiko zu unterstützen, hatte das Verteidigungsministerium in Washington schon vor zwei Wochen medizinisches Personal nach Texas geschickt. Die Stadt El Paso setzt zudem Häftlinge ein, die Verstorbene aus der Gerichtsmedizin in mobile Leichenhallen bringen. Die Polizei teilte mit, es würden nur Straftäter beim Transport verstorbener Corona-Patienten beschäftigt, die freiwillig dazu bereit seien.

Auch über Methoden, die weitere Ausbreitung von Corona zu verhindern, wird in El Paso gestritten. Nach der Entscheidung eines Bezirksrichters, den Lockdown zu verlängern, widersprach ein Berufungsgericht am Freitag schärferen Corona-Auflagen. Die Anordnung, „nicht wesentliche“ Unternehmen wie Restaurants bis Dezember zu schließen, sei nicht mit den Regelungen von Anfang Oktober zur Wiedereröffnung durch Gouverneur Greg Abbott vereinbar. „Leute wie der texanische Justizminister Ken Paxton sollten sich darüber nicht freuen. Sie sollten nach El Paso kommen und sich die mobilen Leichenhallen ansehen“, mahnte der Bezirksrichter daraufhin.

Quelle: F.A.Z.
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