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Angst, Hass und Vorurteile

Wie Rassisten das Coronavirus für sich nutzen

Von Manon Priebe
Aktualisiert am 03.02.2020
 - 15:03
Ein Mitarbeiter der Kommunalbehörden trägt einen Mundschutz beim Füttern einer Schar von Lachmöwen am Ufer des Dian Chi Sees in Kunming, China.
Der Ursprung des Coronavirus liegt wohl auf einem Tiermarkt in der chinesischen Stadt Wuhan. Seit dem Virus-Ausbruch sind Vorurteile, Sinophobie und Rassismus im Netz nicht mehr zu stoppen. Ein millionenfach geteiltes Video löste krasse Reaktionen aus.

Angefangen hat es mit einem Video, auf dem eine Frau beim Essen zu sehen ist. Das Besondere an diesem Video: Eine vermeintliche Chinesin beißt in den Flügel eines Flughundes. Sie hält das tote Tier im Ganzen mit ihren Essstäbchen am Mund und posiert damit für die Kamera. Das Video mit dem „Fledermaus-Suppen-Mädchen“ erhält massive Aufmerksamkeit – spätestens als die ersten Fälle des Coronavirus in China bekannt werden. Schnell ist das Narrativ geschaffen: Die unzivilisierten Chinesen mit ihren unerhörten Essgewohnheiten sind schuld am Coronavirus. Wer Suppe aus Flughunden isst, müsse sich schließlich nicht wundern, wenn die Tiere ein Virus auf den Menschen übertrügen.

Ja, der Ursprung des Coronavirus liegt wohl auf einem Tiermarkt in Wuhan. Und ja, Flughunde und Fledermäuse sind mögliche Überträger. Hier hört die Wahrheit aber auch schon auf: Denn das besagte Video entstand gar nicht in Wuhan, nicht einmal in China. Mengyun Wang, so heißt die Influencerin mit dem Flughund, hat das Video eigenen Angaben zufolge vor drei Jahren in Palau gedreht, als Reisereportage für ihren Videoblog. Doch seitdem die Zeitung „Daily Mail“ und der TV-Sender „Russia Today“ ihr Video mit dem Coronavirus in Verbindung brachten, erhält sie Hassnachrichten bis hin zu Todesdrohungen.

Es ist wahr: In China gibt es andere Essgewohnheiten als in Deutschland. Doch selbst hierzulande verstehen Süddeutsche nicht unbedingt die norddeutsche Vorliebe für Lakritze, und Norddeutsche wundern sich über „Pfälzer Saumagen“. Ähnlich sieht es in China aus: Buddhistische Mönche leben vegetarisch und Pekinger halten sich einen Husky in ihrem Apartment, während woanders Hund gegessen wird. Und das ganze Land behauptet von Kantonesen, sie würden alles mit vier Beinen essen – bis auf Tische – und alles, was fliegen könne. Außer Flugzeuge.

Doch es ist nicht bei dem einem Video und bei den Vorurteilen geblieben. Sinophobie und Rassismus haben sich schnell hinzu gesellt. Auf der Titelseite der „Herald Sun“ stand zuletzt „Chinese Virus Panda-monium“, also „Chinesische Virus-Hölle“ – mit dem beabsichtigten Schreibfehler, der Pandemonium zu Panda-monium macht. Und der „Daily Telegraph“ druckte über die halbe Titelseite „China kids stay home“, also: „China-Kinder bleibt zuhause“. Über 63.000 Unterschriften hat mittlerweile eine Petition, die eine Entschuldigung von den beiden australischen Zeitungen fordert. Darunter kommentiert ein Unterzeichner, dass niemand auf die Idee gekommen wäre, Ebola als „Kongo-Virus“ zu bezeichnen. Oder BSE als „Europäisches Virus“. Auch die französische „Courrier Picard“ titelte mit „Chinesisches Coronavirus – gelber Alarm“ – und hat mittlerweile um Entschuldigung gebeten.

Auch in Deutschland druckt „Der Spiegel“ die Schlagzeile „Corona-Virus: Made in China“ auf seine Titelseite, dazu ein Bild eines asiatisch-aussehenden Mannes mit Atemmaske und rotem Umhang. Dasselbe Foto verwendet übrigens auch das Magazin Focus, verzichtet auf dem Cover allerdings auf einen China-Bezug.

In Sozialen Netzwerken erzählen viele Menschen mit asiatischen Wurzeln, dass sie plötzlich pauschal als chinesisch, ergo als krank oder zumindest als Ansteckungsgefahr wahrgenommen würden. Sie berichten von Begegnungen im Supermarkt, in dem eine Frau „Asiaten, bleibt zuhause, hört auf das Virus zu verbreiten“ murmelt. Von einer Ärztin, deren Patient darüber „scherzte“, ihr nicht die Hand zu schütteln aus Angst vor dem Coronavirus. Von einer Mutter, deren Kind Angst hat, weil Mitschüler ihn auf das Virus „testen“ wollen würden, weil er ein chinesisches Elternteil hat.

Um Entschuldigung gebeten hat mittlerweile Henning Bornemann. Der WDR-5-Moderator und Satiriker hatte auf Twitter ein „freches Kinderlied“ mit dem Titel „Drei Chinesen im #Corona-Fass“ angekündigt – samt Illustration von drei Menschen mit Spitzhut und langen, dünnen Schnurrbärten, freundlich grinsend. Eine perfekte rassistische Karikatur „des Chinesen“. Journalistin und Ko-Host des Podcast „Rice and Shine“ Minh Thu Tran erinnerte an das „Umweltsau“-Lied des WDR und Tom Buhrow, der damals hinterfragte, ob das Lied in der Redaktion auch durchgegangen wäre, wenn statt von einer Oma von „Ali“ die Rede gewesen wäre. Sie schreibt: „Ein paar Wochen später @wdr5 so: ,Drei Chinesen im Corona-Fass plus echt verletzend rassistischer Karikatur.“ Bornemann löschte den Tweet und gab zu, den „Fehler zu spät erkannt“ zu haben, „Satire war das nicht“. Das Lied habe es nie gegeben.

Tatsächlich gesagt hat der Mediziner Johannes Wimmer in der Talkshow von Maybritt Illner am 30. Januar im Hinblick auf die vielen Menschen mit Fieber und Erkältung derzeit: Es sei eine „ganz berechtigte Angst“, wenn man nachts wachliege vor Sorgen, man habe das Coronavirus, „weil ich ja gestern beim Chinesen essen war.“ Ein leichthin gesagter Nebensatz, dem man nicht zu viel Bedeutung zumessen sollte? Das sieht Taz-Redakteurin Lin Hierse anders: „Er ist ein weißer Arzt. Menschen werden ihm glauben.“

Nun wehren sich Asiaten. Unter dem Hashtag #JeNeSuisPasUnVirus (我不是病毒, „Ich bin kein Virus“) sammeln sich Mahnungen gegen Rassismus und Vorurteile, denn das einzige, das schlimmer ist als das Virus, seien „blinde Diskriminierung und Hass gegenüber den Menschen“. „Hört auf, das Virus als Entschuldigung für rassistischen Mist zu missbrauchen.“ Das Coronavirus sei keine Entschuldigung, rassistisch und xenophob gegen Asiaten zu sein, und: „Isoliert das Virus, nicht Chinesen“, also bekämpft das Virus wissenschaftlich, anstatt Chinesen für den Ausbruch verantwortlich zu machen und willkürlich auszugrenzen. Es sei kein Kampf „China gegen die Welt“, sondern der Menschheit gegen das Coronavirus.

Der in Wuhan geborene Zeyi Yang schreibt auf Twitter von einem „merkwürdigen Moment“, als er in New Yorks einzigem Wuhan-Restaurant die neuesten Entwicklungen über das Coronavirus im Nachrichtenpodcast der „New York Times“ hörte, dabei die Nachrichten seiner Freunde las – und versuchte, die Tränen zurückzuhalten. Warum er weinte? „Weil Menschen denken, sie könnten rassistisch sein.“ Jin Ding antwortete: „Ich habe heute auch in der Bahn auf dem Heimweg geweint.“

Vietnamesen in Paris erzählen unterdessen der Zeitung „Vietnam Express“ von Menschen, die sich in der Bahn wegsetzen oder den Mund bedecken, wenn sie an ihnen vorbeilaufen. In Australien bleiben sonst beliebte vietnamesische und chinesische Restaurants leer. Und Londoner berichten von Londonern, die Londoner, die asiatisch aussehen, im Supermarkt anstarren und zu ihnen Abstand halten.

Kimmy Yam ist Journalistin in New York und nimmt die Sache zunächst mit Humor. „ASIATEN! Hustet überall, wo immer ihr seid, um die Rassisten aus der Deckung zu locken!“ Dann wird sie aber ernst: „Leute, wisst ihr wie unheimlich traurig es ist, dass nach dem Coronavirus-Ausbruch jetzt Asiaten angeschaut werden, als wäre das Virus an uns alle vererbt worden? Als wäre es Teil unserer Kultur wie der Konfuzianismus oder die kindliche Pietät oder sonst was. Ist euch klar, wie einfach gestrickt ihr sein müsst, solch eine verrückte Schlussfolgerung zu ziehen?“ Das Coronavirus sei kein Grund, alle Asiaten zu meiden. „Nur mich“, ergänzt Kimmy Yam. „Weil ich Menschen hasse.“

Die UFC-Kämpferin Joanna Jedrzejczyk aus Polen, die demnächst in einem Mixed-Martial-Arts-Kampf gegen die Chinesin Zhang Weili antritt, teilte eine Fotomontage, auf der beide Kämpferinnen zu sehen sind, Jedrzejczyk trägt Gasmaske. „Safety first“ steht darüber, sie könne sich ja sonst mit dem Coronavirus anstecken – immerhin sei ihre Gegnerin eine von eineinhalb Milliarden Menschen in China. Weili Zhang reagiert auf diese rassistische Provokation besonnen: „Sich über eine Tragödie lustig zu machen zeigt den wahren Charakter. Sag über mich, was immer du willst, um dich stärker zu fühlen, aber mach keine Witze über das, was hier gerade passiert.“

Frankie Huang ist derzeit in Schanghai, ihre Eltern in Peking, sie blieben alle einfach viel zuhause. Huang ist besorgter, in den Vereinigten Staaten von Rassisten „mit Steinen beworfen zu werden“, als in China zu sein.

Irving Ruan twittert, wie er im Fitnessstudio gefragt wurde, ob er Japaner oder Chinese sei. Warum die Frage? „Wegen des Coronavirus.“ Und in Sydney treibt ein Café den Trend mit „witzigen" Sprüchen weiter: „Das Coronavirus hält nicht lange, es ist schließlich aus China.“ Etliche Asiaten reagieren und twittern, sie seien keine Chinesen und hätten einen anderen familiären Hintergrund. Was wiederum Rapper Dummie kritisiert. Er appelliert stattdessen an alle, zusammenzuhalten statt sich abzugrenzen.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Priebe, Manon
Manon Priebe
Redakteurin für Social Media.
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