Coronavirus in Deutschland

Nur 600.000 Erstimpfungen innerhalb einer Woche

07.08.2021
, 11:49
Ein Man lässt sich in Sachsen gegen das Coronavirus impfen.
Nach Angaben des Robert Koch-Instituts hat die Impfkampagne in Deutschland bislang fast 40.000 Todesfälle verhindert. STIKO-Chef Mertens wirft der Politik Aktionismus vor. Unterdessen steigt die Sieben-Tage-Inzidenz weiter an.
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Mehr als 45 Millionen Menschen in Deutschland sind mittlerweile vollständig gegen das Coronavirus geimpft. Das entspricht einer Quote von 54,5 Prozent, wie Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am Samstag auf Twitter schrieb. Insgesamt 51,8 Millionen Menschen oder 62,3 Prozent haben mindestens eine erste Impfung bekommen. Bei den meisten verwendeten Impfstoffen mit Ausnahme von Johnson & Johnson sind derzeit zwei Dosen für den vollen Schutz gegen Covid-19 nötig.

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Das Impftempo stagniert weiterhin. Seit dem Samstag der Vorwoche wuchs die gemeldete Zahl der Erstgeimpften nur um rund 600.000 weitere Menschen. „Impfen ist eine persönliche Entscheidung - aber auch eine, die uns alle als Gemeinschaft betrifft“, twitterte Spahn. Jeder und jede Einzelne entscheide darüber, wie gut wir alle durch Herbst und Winter kämen.

Impfkampagne verhinderte laut RKI Zehntausende Todesfälle

Unterdessen hat der Chef der Ständigen Impfkommission (STIKO), Thomas Mertens, der Politik Aktionismus in der Impfdebatte vorgeworfen. „Der Aktionismus in der Politik trägt sicher nicht zur Beruhigung der Menschen bei“, sagte Mertens der „Augsburger Allgemeinen“. „Ich weiß gar nicht genau, warum das so gemacht wird. Für die Wahrnehmung in der Bevölkerung wäre es besser, wenn die Dinge etwas ruhiger und überlegter angegangen würden“, sagte Mertens zu der Diskussion um die Impfung von Kindern und Jugendlichen im Alter zwischen 12 und 18 Jahren. Er fühle sich durch die politische Debatte aber nicht unter Druck.

Um den Schulunterricht nach den Sommerferien mache er sich nicht die allergrößten Sorgen, sagte der Ulmer Virologe. „Viele Berechnungen zeigen ja, dass der Unterricht an den Schulen gut zu händeln wäre, wenn man die bekannten Maßnahmen - dazu gehören unter anderem das Maskentragen, das Lüften und der Einbau von Luftfiltern - umsetzen würde“, betonte der STIKO-Chef. „Wir dürfen auch nicht vergessen, dass 9,1 Millionen Kinder vor dem zwölften Lebensjahr gar nicht impfbar sind - das betrifft alle Kita- und Kindergartenkinder, alle Kinder in den Grundschulen, alle Kinder der ersten Klassen der weiterführenden Schulen.“ Es brauche vielfältige Maßnahmen, um den Schulalltag sicherzustellen. „Die Aussage, dass das nur durch Impfungen möglich ist, ist so nicht korrekt.“

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Viel wichtiger sei es, die Impfbereitschaft in der Gruppe der 18- bis 59-Jährigen zu erhöhen. Die Impfquote in dieser Gruppe werde entscheiden, wie die nächste Pandemiewelle ablaufen werde. „Es wäre wirklich sehr wichtig, den 18- bis 59-Jährigen deutlich zu machen, dass es hier nicht nur um ihren Individualschutz geht, sondern um unsere Gemeinschaft bis hin zur wirtschaftlichen Entwicklung“, sagte Mertens.

Derweil ist die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz bei den Corona-Neuinfektionen abermals gestiegen und liegt nun bei 21,2. Wie das Robert Koch-Institut am Samstagmorgen unter Berufung auf Angaben der Gesundheitsämter mitteilte, wurden binnen 24 Stunden 3206 Neuinfektionen sowie 24 weitere Todesfälle im Zusammenhang mit dem Coronavirus verzeichnet. Vor einer Woche hatte die Inzidenz noch bei 16,9 gelegen.

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Die Sieben-Tage-Inzidenz gibt die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner innerhalb einer Woche an. Der Wert steigt seit Wochen in Deutschland wieder kontinuierlich an und überschritt an diesem Freitag erstmals seit dem Frühjahr wieder die Marke von 20. Am höchsten ist die Inzidenz derzeit in Schleswig-Holstein mit einem Wert von 38,4, in Berlin mit 36,6 und im Saarland mit 32,5. Die niedrigsten Inzidenzen verzeichnen derzeit Sachsen (6,7), Thüringen (7,0) und Sachsen-Anhalt (7,5).

Am kommenden Dienstag will Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit den Regierungschefs der Bundesländer über die Corona-Lage beraten. Dabei soll es unter anderem um die künftige Bedeutung der Sieben-Tage-Inzidenz sowie mögliche Einschränkungen für Ungeimpfte gehen. Auch über das Ende kostenloser Corona-Tests soll debattiert werden.

Die Gesamtzahl der verzeichneten Corona-Ansteckungen in Deutschland seit Beginn der Pandemie wuchs nach den jüngsten Angaben des RKI auf 3.787.639. Die Gesamtzahl der Todesfälle im Zusammenhang mit dem Coronavirus stieg auf 91.778. Die Zahl der von einer Corona-Infektion Genesenen gab das RKI mit rund 3.664.100 an.

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Laut einer Modellrechnung des RKI konnte die Impfkampagne in Deutschland Tausende Todesfälle verhindern. „Unsere hier präsentierten Daten belegen den überragenden Nutzen der Covid-19-Impfung bereits in den ersten 6,5 Monaten der Impfkampagne in Deutschland 2021“, schreiben die Autoren der am Freitag veröffentlichten Analyse. Daraus ergebe sich, dass im Verlauf der dritten Corona-Welle geschätzt 38.300 Todesfälle verhindert wurden. Die Zahl der verhinderten Meldefälle wird auf über 706.000 beziffert, die der stationären Patienten auf mehr als 76.600, die der Patienten auf Intensivstation auf knapp 20.000.

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„Diese hohe Effektivität der Covid-19-Impfkampagne verdeutlicht eindrucksvoll, dass Impfungen den Weg aus der Pandemie ebnen“, schreibt das RKI. Derzeit stehe Deutschland am Anfang einer vierten Welle. Um deren Ausmaß so gering wie möglich zu halten, sei es nötig, den Anteil der geimpften Bevölkerung schnellstmöglich zu erhöhen.

Für die Analyse modellierten Fachleute ein Szenario mit Impfkampagne und eines ohne. Die tatsächlichen Meldefälle wichen daher von den durch das Modell berechneten Fällen ab, hieß es. Das RKI weist zudem darauf hin, dass verschiedene Parameter und Annahmen mit gewissen Unsicherheiten eingeflossen seien. Es geht zum Beispiel um Effekte der Priorisierung. Angenommen wurde auch, dass alle verfügbaren Impfstoffe ohne Zeitverzug eingesetzt werden. „Zudem wurde angenommen, dass ohne die Impfkampagne außer den bestehenden nicht-pharmakologischen Maßnahmen keine weiteren Maßnahmen getroffen worden wären“, schränkt das RKI ein.

Quelle: AFP, dpa
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