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FAZ plus Artikel„Patient eins“ aus Italien

Kampf gegen einen unbekannten Feind

Von Matthias Rüb, Rom
Aktualisiert am 04.03.2020
 - 11:18
Klinik in Pavia: Hier wird „Patient eins“ behandelt.
In der Klinik in Pavia ringt Italiens „Patient eins“ noch immer um sein Leben – und ganz Italien fiebert mit ihm. Warum erkrankte der junge und gesunde Mann so schwer an dem Virus, obwohl er zu keiner Risikogruppe zählt?

Die Suche nach „Patient null“ in Italien haben die Wissenschaftler faktisch aufgegeben. Es wird sich kaum mehr ermitteln lassen, wer wann wo das neuartige Coronavirus aus China nach Italien eingeschleppt hat. Viel spricht dafür, dass das Virus schon seit spätestens Ende Januar in der norditalienischen Region Lombardei präsent war, ehe am 20. Februar in der Klinik in Codogno erstmals ein Erkrankter positiv auf das Virus getestet wurde. Virologen haben ermittelt, dass der in Italien grassierende Erreger nur minimale Mutationen gegenüber dem chinesischen „Originalvirus“ aufweist, sich also von diesem fortentwickelt haben muss.

Kein Zweifel besteht indes über die Identität von „Patient eins“: Es handelt sich um einen 38 Jahre alten Mann namens Mattia, der aus Castiglione d’Adda stammt, einer Gemeinde von knapp 5000 Einwohnern in der Provinz Lodi, etwa 60 Kilometer südöstlich von Mailand gelegen. Der zuvor gesunde, überaus sportliche Mann liegt inzwischen auf der Isolierstation der Klinik San Matteo in Pavia südlich von Mailand. Er wird weiterhin künstlich beatmet. Sein Zustand bleibt kritisch. Das Ärzteteam wagt keine Prognose. Am zähen Kampf der Ärzte und Pfleger um das Leben von Mattia nimmt inzwischen die ganze Nation teil.

Zunächst wurde die Theorie verfolgt, der Mann habe sich bei einem befreundeten 42 Jahre alten Manager eines mittelständischen Maschinenbauunternehmens aus Piacenza angesteckt, der am 21. Januar mit einem Direktflug der China Airlines aus Schanghai nach Mailand gekommen war und sich bis Mitte Februar sechs bis sieben Mal mit Mattia getroffen hatte. Doch diese Theorie bestätigte sich nicht: Der mutmaßliche „Patient null“ wurde negativ auf das Virus getestet, er war nach seiner Rückkehr aus China einfach nur erkältet.

Ohne Test nach Hause geschickt

Es waren aber diese Treffen, die das Klinikpersonal in Codogno schließlich zu dem Coronavirus-Test bei Mattia veranlassten. Erstmals war er am 16. Februar in die Notaufnahme der Klinik gegangen, mit hohem Fieber und Grippesymptomen. Ein Test auf das neue Coronavirus wurde seinerzeit in der Klinik nicht vorgenommen, der „grippekranke“ Mann wurde wieder nach Hause geschickt. Man hielt sich dabei an die neue Richtlinie des Gesundheitsministeriums in Rom vom 27. Januar, wonach auf das Coronavirus nur getestet werden sollte, wer kurz zuvor aus China zurückgekommen war. In der Richtlinie vom 22. Januar hatte es noch geheißen, auch „Personen mit einem ungewöhnlichen und unerwarteten Krankheitsverlauf“ sollten auf das neue Virus getestet werden.

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Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft, wer verantwortlich ist für den fahrlässig falschen Umgang mit „Patient eins“. Ministerpräsident Giuseppe Conte hat indirekt das Klinikpersonal in Codogno und die lombardischen Behörden für den Ausbruch der Epidemie verantwortlich gemacht. Die Regionalregierung in Mailand unter Regionalpräsident Attilio Fontana hat die Vorwürfe energisch zurückgewiesen und sich hinter das Pflegepersonal in Codogno gestellt.

Am 19. Februar um kurz nach drei Uhr morgens wurde Mattia von seiner hochschwangeren Ehefrau abermals ins Krankenhaus gebracht – mit noch höherem Fieber und in akuter Atemnot. Weil die Ehefrau von den Treffen ihres Manns mit dem China-Rückkehrer erzählte, wurde dann doch der Test auf das Coronavirus vorgenommen. Am 20. Februar gegen 20 Uhr kam das positive Testergebnis. Und es brach, zunächst in der Klinik von Codogno und später im ganzen Land, das Chaos aus.

Hoffnung auf glückliche Zufälle

Mattia wurde wenige Tage nach der verspäteten Coronavirus-Diagnose von der Klinik in Codogno in das Krankenhaus von Pavia verlegt. Seine Ehefrau, die er längst unwissentlich angesteckt hatte, brachte man in die Klinik Sacco di Milano. Dort wird sie bis heute auf der Isolierstation behandelt. Sie hat nur milde Symptome entwickelt und ist fast beschwerdefrei. Eine Entbindung durch Kaiserschnitt, wie sie von den Ärzten zunächst in Erwägung gezogen wurde, scheint nicht nötig. Eine Übertragung des Coronavirus bei einer natürlichen Spontangeburt auf das Kind gilt nach Angaben der Ärzte als unwahrscheinlich. Auch die infizierten Eltern Mattias sind in der Mailänder Klinik, es geht ihnen verhältnismäßig gut.

Raffaele Bruno leitet das Team von Ärzten und Pflegekräften, das sich in Pavia um den „Patienten eins“ kümmert. Der Tageszeitung „La Repubblica“ gegenüber konzedierte Bruno, dass man beim „Kampf gegen einen unbekannten Feind“ auch auf glückliche Zufälle hoffen müsse: „Wünscht uns Ärzten und Wissenschaftlern einfach viel Glück.“ Behandelt wird Mattia mit einem Cocktail von Medikamenten, die auch gegen HIV, Hepatitis C und Ebola eingesetzt werden. In China und Südkorea seien mit diesem Mix erfolgreich schwerkranke Patienten geheilt worden, berichtete Bruno. Mattia bleibe „sediert, bewusstlos und intubiert, weil er nicht aus eigener Kraft atmen kann“.

Bei den allermeisten Todesfällen erlagen ältere Menschen und Personen mit Vorerkrankungen dem Coronavirus. Dass der junge, davor gesunde „Patient eins“ seit nun fast zwei Wochen um sein Leben ringt, erklärt Attilio Parisi, der Rektor der Sporthochschule Foro Italico in Rom, mit dem „Open-Window“-Phänomen: Nach extremer körperlicher Anstrengung kommt es zu einer kurzfristigen Schwächung des Immunsystems, womit Erregern im Organismus ein „Fenster geöffnet“ wird zur raschen Vermehrung. Der passionierte Langstreckenläufer Mattia hatte am 2.und 9. Februar jeweils einen Halbmarathon absolviert und in der Woche darauf trotz Fieber noch Fußball gespielt. Seine Rettung, sagt das Ärzteteam in der Klinik von Pavia, sei nun ein „moralischer Imperativ“.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Rüb, Matthias (rüb)
Matthias Rüb
Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.
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