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Ärzte in Mailand

„Ich grüße Sie aus der Hölle“

Von Jochen Remmert
Aktualisiert am 10.03.2020
 - 21:47
Zwei Ärzte aus Mailand und Umgebung berichten von einer angespannten Situation.
In Mailand nimmt die Belastung für die Krankenhäuser wegen der zahlreichen Coronafälle zu. Zwei Ärzte berichten von dramatischen Situationen in ihren Kliniken.

Während die italienische Regierung inzwischen das gesamte Land zur Sperrzone erklärt hat, um die Ausbreitung des Coronavirus wenigstens einzudämmen, spitzt sich die Lage in Kliniken in und um Mailand herum zu. Das geht trotz vereinzelt verhängter Nachrichtensperren aus dem Gespräch eines Arztes mit der F.A.Z. sowie dem Brandbrief eines weiteren Arztes hervor, der der F.A.Z. vorliegt.

So berichtet ein Notfallmediziner aus einer Klinik in Mailand davon, dass in seinem Krankenhaus zwar die Zahl der Intensivbetten verdoppelt worden sei, aber die Zahl der Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger gleich bliebe, weil es schlicht nicht mehr Ärzte und Pfleger gebe. Das Pflegepersonal arbeite daher längst oberhalb der Belastungsgrenze. Der Mediziner appelliert an die Bevölkerung: „Ich grüße Sie aus der Hölle. Helfen Sie uns, indem Sie zuhause bleiben. Wir können kaum mehr helfen. Wenn die Regeln nicht endlich strikt befolgt werden, führt das zu einem Massensterben“, warnt der Intensivmediziner und fügt hinzu: „Beten Sie für die Krankenschwestern, die sich hier aufopfern“.

Alle Betten sind mit Corona-Patienten belegt

Ein weiterer Arzt aus einem Krankenhaus im östlichen Umland von Mailand berichtet, dass sich der Krankheitsverlauf auch bei jungen Patienten verschlechtert habe. Bislang seien alte und schwache Menschen in akuter Lebensgefahr gewesen. Nun aber sei auch bei jüngeren, gesunden Patienten der Verlauf immer öfter schwerwiegend. Es gebe auch kaum mehr genug Beatmungsgeräte, die für Coronavirus-Patienten unbedingt benötigt würden.

Inzwischen habe man dort zur Triage übergehen müssen. Das bedeutet, dass man nur mehr diejenigen intensiv behandelt, denen man noch eine Überlebenschance gibt. Alte oder schwache Patienten  werden nicht mehr mit maximalem Umfang versorgt, was ihre Überlebenschance noch einmal stark schmälert. Die Triage ist eigentlich ein Verfahren, dass ausschließlich in Kriegszeiten oder in extremen Katastrophenlagen vorgesehen ist.

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Auch in dem Krankenhaus am Rande von Mailand seien – wie in der Klinik in Mailand selbst  –  alle Betten ausschließlich mit Coronavirus-Patienten belegt, wie der dort stationierte Arzt weiter berichtet. Würde beispielsweise jemand mit einem Herzinfarkt eingeliefert, habe dieser Patient keine Chance auf eine angemessene Behandlung, sagt er. Auch in seiner Klinik würde das Personal jenseits der Belastungsgrenze arbeiten. In ganz Italien wurden bislang mehr als 10.000 Infektionen gemeldet, mehr als 460 Menschen sind gestorben.

Vor allem seien für die Behandlung der schweren Verläufe versierte Intensivmediziner und Intensivpfleger nötig. Von denen gebe es aber in normalen Krankenhäusern nur so viele, wie man in gewöhnlichen Zeiten brauche. Für eine Epidemie seien gewöhnliche Krankenhäuser in Italien intensivmedizinisch nicht ausreichend gerüstet.

Beide Mediziner halten es inzwischen für notwendig, in den nächsten zwei bis drei Wochen tatsächlich eine Art Ausgangssperre zu verhängen. In Bezug auf die Situation in anderen Ländern wie Deutschland äußern sie die Ansicht, man könne eine Zuspitzung wie in Italien noch verhindern, wenn dort konsequenter größere Menschenansammlungen untersagt würden. Größere Veranstaltungen sollten abgesagt werden. Auch die öffentlichen Verkehrsmittel dürften nach Ansicht des Mailänder Arztes für zwei bis drei Wochen gar nicht mehr oder  nur noch unter massiven hygienischen Kontrollen genutzt werden. Auch ihm sei klar, dass das massive wirtschaftliche Folgen hätte, sagt er. Die habe eine voll entfaltete Corona-Epidemie aber auch.

Quelle: FAZ.NET
Jochen Remmert - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Jochen Remmert
Flughafenredakteur und Korrespondent Rhein-Main-Süd.
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