Covid-19-Arzt im Interview

„In den nächsten Wochen müssen wir wohl wieder mehr arbeiten“

Von Sebastian Eder
01.05.2020
, 11:31
Behandelt Covid-19-Kranke: Dr. med. Cihan Çelik im Klinikum Darmstadt
Cihan Çelik betreut als Arzt eine Covid-19-Isolierstation – und gibt uns ab sofort alle zwei Wochen ein Interview. Im ersten spricht er über die steile Lernkurve der Mediziner, junge Patienten, und seine Gedanken, wenn er volle Parks sieht.

Herr Doktor Çelik, ab sofort wollen wir alle zwei Wochen mit Ihnen über Ihre Arbeit als Funktionsoberarzt auf der Isolierstation für Covid-19-Kranke im Klinikum Darmstadt sprechen. Wie ist dort aktuell die Lage?

In den vergangenen zwei Wochen hatten wir sehr schwankende Patientenzahlen. Die Anzahl der Verdachtsfälle ist an manchen Tagen hoch, dann bekommen wir 16 bis 20 Patienten für unsere Isolierstation, die hier zum Teil wiederholt getestet werden müssen. Und dann geht es am nächsten Tag manchmal runter auf eine einstellige Zahl an neuen Verdachtsfällen. Jeder Tag ist anders, wir können uns gerade noch keinen Reim darauf machen, ob die Zahlen insgesamt abnehmen, oder ob jetzt wegen der Lockerung der Maßnahmen wieder ein Anstieg kommt. Deswegen planen wir immer nur für ein oder zwei Wochen.

Wie gehen Sie mit den Verdachtsfällen um?

Wenn die Patienten über die Notaufnahme kommen und es einen Covid-Verdacht gibt, kommen sie auf unsere Isolierstation. Das ist eine Normalstation, die Patienten hier brauchen keine intensivmedizinische Betreuung. Aber sie sind auch nicht in einem Zustand, in dem sie zu Hause auf ihr Testergebnis warten könnten, sie haben deutliche Krankheitssymptome. Wir warten dann auf erste Testergebnisse aus dem Nasen- und Rachenabstrich und schauen uns die Situation in der Lunge mit einem Röntgenbild an. Eventuell überprüfen wir mit einem zweiten Test, ob der Infekt schon in die Lunge abgestiegen ist. Dann kann es nämlich sein, dass der Rachenabstrich schon wieder negativ ist, obwohl der Patient eine Infektion hat. In diesem Fall muss Sekret aus der Lunge untersucht werden. Das alles müssen wir sehr schnell machen, weil die Patienten zum Teil nicht nur diese Symptome haben, sondern noch ganz andere Probleme, zum Beispiel den Verdacht auf einen Herzinfarkt. Da fällt manchmal nur nebenbei auf, dass sie Symptome haben, die zu einer Covid-19-Erkrankung passen. Und solange Covid-19 nicht ausgeschlossen werden kann, muss der Patient isoliert werden.

Wie ist die Covid-19-Isolierstation organisiert?

Sie ist zweigeteilt. Es gibt einen hermetisch abgeriegelten Bereich, in dem die bestätigten Fälle liegen. Da muss man durch eine abgeschlossene Glastür in einen Gang, in dem man immer die komplette Schutzkleidung mit FFP2-Maske, Kittel und Schutzbrille trägt. Und dann gibt es einen Gang auf derselben Station, in dem ein Verdachtspatient in jedem Zimmer liegt. Wir sind ein koordinierendes Krankenhaus für das Rhein-Main-Gebiet, unser Ziel ist es, dass wir jederzeit positive Fälle und Verdachtsfälle aufnehmen können. Sobald wir stabile Patienten mit Covid-19 auf unserer Station haben, sorgen wir deswegen dafür, dass sie so schnell wie möglich in ein peripheres Haus verlegt und dort weiter versorgt werden, damit wir immer Platz für neue und schwere Fälle haben. Wir sind auf diese wirklich gut funktionierende Zusammenarbeit mit anderen Häusern angewiesen, damit wir unseren Versorgungsauftrag erfüllen können. Wir haben gerade wieder zwei Patienten verlegt, jetzt gibt es drei positive Fälle auf unserer Normalstation. Dazu kommen 15 Patienten, die auf der Intensivstation liegen.

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Wie eng werden die Patienten betreut?

Wir haben uns in einem Drei-Schicht-System organisiert, das heißt, es sind rund um die Uhr ein oder zwei diensthabende Ärzte nur für die Covid-19-Station zuständig. Wir haben außerdem einen Eskalationsplan, in dem festgelegt wird, wie viele Kollegen je nach Patientenaufkommen da sein müssen. Da sind wir gerade in einem mittleren Bereich. Die Patienten werden sehr engmaschig von der Pflege kontrolliert, besonderen Wert legen wir dabei auf die Blutgasanalyse, weil man an dem Sauerstoffgehalt im Blut recht früh erkennen kann, bei welchem Patienten sich die Lage verschlechtert. So können wir frühzeitig reagieren und eventuell schon eine Verlegung auf die Intensivstation vorbereiten.

Wie haben Sie den Beginn der Krise erlebt?

Im Dezember war das noch eine Erkrankung in der Ferne, von denen es ja viele gibt. Wir haben gehofft, dass das auch diesmal an uns vorbeizieht, wie bei Sars und Mers. Aber schon Ende Januar hatten wir einen ersten Verdachtsfall, da gab es in ganz Deutschland noch keinen einzigen bestätigten Covid-19-Fall. Das war jemand, der nach China gereist war und entsprechende Symptome aufwies, deswegen mussten wir auf Sars-CoV-2 testen. Damals war das noch enorm schwierig, es gab keine organisierte Test-Infrastruktur. Das medizinische Wissen war nicht wirklich da und das Testen hat mehrere Tage gedauert. Jetzt sind wir viel effizienter und wissen viel mehr. Im Verlauf des Februars wurde es immer bedrohlicher. Relativ schnell hatten wird das Gefühl: Es wird sich nicht vermeiden lassen, dass es uns trifft. Wir haben die Zeit genutzt und sehr früh angefangen, unsere Konzepte auszuarbeiten und Schutzausrüstung zu besorgen. Als es soweit war, waren wir gut vorbereitet. So ist es glaube ich in den meisten Städten in Deutschland gewesen.

Sie haben jetzt schon viele Covid-19-Patienten behandelt. Was ist an dieser Krankheit für Sie als Lungenarzt besonders bemerkenswert?

Wir lernen noch sehr viel Neues, auch erfahrenere Ärzte sind immer wieder überrascht. Es gibt erste wissenschaftliche Veröffentlichungen, die das Lungenversagen im Falle einer Covid-19-Erkrankung als ganz neue Kategorie klassifizieren möchten, weil der Ablauf anders und zum Teil viel schwerer ist. Es ist eine spezifische Therapie nötig. Wir können unter den Covid-19-Erkrankten mittlerweile Subtypen klassifizieren. Es gibt den L-Typ, das ist ein Patient, der kaum Luftnot verspürt, aber schlechte Sauerstoffwerte hat. Die Lunge wird gut belüftet, ihre Durchblutung ist aber schon so gestört, dass das Blut nicht mehr so gut mit Sauerstoff angereichert wird. Das ist für eine Lungenentzündung fast schon Covid-spezifisch und war für uns am Anfang völlig überraschend. Im späteren Verlauf kann die Krankheit zum sogenannten H-Typ voranschreiten, dann hat der Patient ein wirklich schweres Krankheitsgefühl, die Zellschäden in der Lunge werden immer schlimmer und Wasser sammelt sich in ihr an. Da kann eine intensivmedizinische Behandlung mit Beatmung notwendig werden. Dieses ganze Wissen haben wir erst in den letzten Wochen gewonnen, im Januar war von so was noch gar keine Rede. Da war das eine virale Lungenentzündung von vielen.

Wird die Behandlung dadurch leichter oder komplizierter?

Komplizierter. Aber für die Patienten ist das besser, wir lernen sehr viel. Die diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten sind ganz anders als noch vor einigen Wochen. Die zeitliche Spanne zwischen wissenschaftlicher Forschung, Veröffentlichung und angewandtem Wissen in der Klinik ist extrem kurz geworden.

Wie ist die Altersstruktur Ihrer Patienten?

Wir sehen hier im Krankenhaus die schwer betroffenen Patienten, die sind schon meistens älter. Aber wir haben auch Zwanzigjährige, wir haben Dreißigjährige, wir haben Fünfzigjährige. Am Anfang waren es mehr jüngere Patienten, die Urlauber und Skifahrer – eben Menschen, die besonders viel unterwegs gewesen sind. Jetzt kommen mehr Pflegeheimbewohner und ältere Menschen mit Vorerkrankungen zu uns. Aber man kann auf keinen Fall sagen, es betrifft nur die älteren Menschen. Wir haben immer auch jemanden auf der Station, der 20 oder 30 Jahre alt ist.

Sie sind 33 Jahre alt. Haben Sie Angst vor der Krankheit?

Bedrohlich ist immer das Unbekannte. Wenn man hier arbeitet, schwindet die Angst ganz schnell. Die Ausrüstung schützt uns sehr gut. Ich gehe nicht mit dem Gefühl zur Arbeit, dass ich mich täglich in Lebensgefahr begebe. Und auch mein – im Moment sehr kleines – Umfeld gibt mir nicht das Gefühl, dass ich gemieden werde, weil in mir eine Infektionsgefahr gesehen wird. Aus anderen Ländern wird ja berichtet, dass in Wohnhäusern Zettel aufgehängt werden, dass das medizinische Personal doch bitte ausziehen soll. So was gibt es hier zum Glück nicht.

Ärgert es Sie, wenn Sie draußen viele Leute sehen, die sich nicht an die Kontaktbeschränkungen halten?

Nein. Das ist menschlich, dafür habe ich Verständnis. Seit den ersten Entspannungszeichen denken wir auch hier im Krankenhaus darüber nach, wie man den Normalbetrieb wieder hochfahren kann. Diese Unruhe gibt es also auch im Krankenhaus. Aber wir müssen behutsam vorgehen und das macht unser Krankenhaus auch. Wir überstürzen nichts, wir beobachten die Zahlen täglich und überlegen uns dann, wie es weitergeht. Wenn ich aus dem Krankenhaus bei schönem Wetter nach Hause fahre und die Leute im Park eng beieinander sitzen sehe, denke ich mir aber schon: Okay, in den nächsten Wochen muss ich wohl wieder mehr arbeiten. Aber unvernünftiges Verhalten von Patienten oder Menschen ist jetzt nichts, was ich besonders selten sehe.

Machen sich Ihre Eltern Sorgen um Sie?

Ach, auch die wissen, dass wir uns hier gut schützen können. Ich habe meinen Eltern mal ein Bild geschickt, wie das so aussieht, wenn ich in die Station gehe. Da gab es schon ein bisschen Kritik daran, dass ich keinen Ganzkörperanzug trage. Für Eltern kann es nie sicher genug sein, aber irgendwo muss es ja auch realisierbar sein. Und ich konnte sie dann beruhigen.

Vielen Dank, und bis in zwei Wochen!

Haben Sie Fragen an Cihan Çelik? Schreiben Sie uns, vielleicht greifen wir Ihre Frage im nächsten Gespräch auf.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Eder, Sebastian
Sebastian Eder
Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.
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