Portugiesischer Virologe

„Es ist klar, dass Delta überall zur dominanten Variante wird“

Von Hans-Christian Rössler, Madrid
22.06.2021
, 09:25
Zwei Frauen spazieren mit Mund-Nasen-Schutz in der Innenstadt von Lissabon.
Die Verbreitung der Delta-Virusvariante lässt sich in Portugal offenbar nicht mehr stoppen. Die portugiesische Regierung verzichtet auf zusätzliche Beschränkungen – Lissabon ist seit Montagmorgen wieder offen.
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Die ersten Maßnahmen waren drastisch. Am Wochenende war der Großraum von Lissabon abgeriegelt. Doch die Verbreitung der Delta-Virusvariante lässt sich in Portugal offenbar nicht mehr stoppen. Nach Angaben des nationalen Gesundheitsdienstes INSA vom Sonntag machte sie schon gut 60 Prozent aller Neuinfektionen im Großraum von Lissabon aus – Tendenz steigend. In Deutschland hatte sich der Anteil der Mutante unter den Varianten nach Angaben des Robert Koch-Instituts zuletzt auf gut sechs Prozent verdoppelt, könnte aber inzwischen um ein Mehrfaches höher sein.

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„Ich bin mir sicher, dass es sehr bald 90 oder knapp 100 Prozent sein werden. Und das nicht nur in Portugal“, sagt der portugiesische Virologe Pedro Simas am Montag der F.A.Z. Die Beispiele Indien und Großbritannien hätten gezeigt, dass sich die Delta-Variante sehr viel schneller verbreitet als die Alpha-Mutante, die auf den Britischen Inseln zuerst aufgetreten war, um dann via Portugal ganz Europa zu dominieren. „Es ist klar, dass Delta überall in Europa und auf der Welt zur dominanten Variante wird“, erwartet Simas. Die bisherigen Daten wiesen darauf hin, dass sich die indische Mutante noch schneller ausbreite als die britische.

Von Einschränkungen der Bewegungsfreiheit wie am Wochenende in Lissabon und Umgebung oder der Schließung von Grenzen hält der Virologe von der Universität Lissabon wenig. „Das wird die Variante nicht aufhalten, die auch vorherrschend wird, wenn wir 70 Prozent geimpft haben“, sagt er. Viel wichtiger sei es deshalb, die Vorsichtsmaßnahmen nicht zu früh aufzugeben: Impfungen, Abstand und Masken seien jetzt der richtige Weg. Die Erfahrungen in Portugal zeigen nach Simas Ansicht, dass die Impfungen einen guten Schutz bieten. Die Delta-Infektionen konzentrierten sich auf der Altersgruppe zwischen 20 und 40 Jahren, die bisher noch nicht an der Reihe war. Gut ein Viertel der portugiesischen Bevölkerung hat bisher zwei Impfdosen erhalten, knapp 50 Prozent sind einmal geimpft. Seit Montag können sich Portugiesen, die älter als 35 Jahre sind, für eine Impfung melden. Von Mitte Juli an sollen dann die Zwanzigjährigen folgen.

Herdenimmunität schützt Ungeimpfte nicht

Mit Blick auf die beginnende Urlaubssaison stimmt Simas zuversichtlich, dass in wenigen Wochen in vielen europäischen Ländern 70 Prozent der jeweiligen Bevölkerung geimpft sein werden. Aber die Herdenimmunität schütze Ungeimpfte nicht, die sich nicht in falscher Sicherheit wiegen sollten. „Das Delta-Virus wird weiter zirkulieren. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich damit infizieren, und das Risiko, schwer zu erkranken, nimmt für sie sogar zu“, sagt Virologe Simas.

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Portugal verzeichnete zuletzt innerhalb von 24 Stunden 756 Neuinfektionen – die Hälfte im Großraum Lissabon – und drei Todesfälle. Bei den Krankenhausbehandlungen hat es eine leichte Zunahme gegeben. Zuvor war die Zahl der Intensivpatienten sogar leicht zurückgegangen, nach einem Höchststand am vergangenen Mittwoch. Sie ist aber nicht mit der dramatischen Lage zu Jahresbeginn zu vergleichen, als die Bundeswehr zu Hilfe kam. Dennoch weist das Land mit gut zehn Millionen Einwohnern mittlerweile eine der höchsten Sieben-Tages-Inzidenzen in Europa auf. Sie liegt national bei 77 pro 100.000 Einwohnern. In Lissabon ist sie mehr als doppelt so hoch, an der Algarve-Küste, die bei Touristen besonders beliebt ist, stieg sie ebenfalls schon auf mehr als 100. Die portugiesische Regierung verzichtet jedoch auf zusätzliche Beschränkungen – Lissabon ist seit Montagmorgen wieder offen.

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Auch im benachbarten Spanien breitet sich die Delta-Variante aus. Dort kritisieren Fachleute, dass die Sequenzierung der Tests nur langsam vorankommt und deshalb verlässlichere aktuelle Zahlen fehlten, wie es sie in Portugal gibt. Auf Mallorca macht Delta laut den örtlichen Behörden ein Zehntel der Neuinfektionen aus. In Katalonien waren es schon in der vergangenen Woche rund 20 Prozent, wie der regionale Gesundheitsminister Josep Maria Argimon mitteilte: Die Mutante könnte schon in zwei bis vier Wochen dominieren.

Der Datenexperte Álex Arenas befürchtet, dass das in einem Monat auch in ganz Spanien der Fall sein könnte. „In Spanien sind die Daten nicht so eindeutig, aber basierend auf der Ausbreitung in Katalonien kann man ableiten, dass sie bis Mitte Juli dominant sein wird“, sagt Arenas der spanischen Zeitung El País.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Rößler, Hans-Christian
Hans-Christian Rößler
Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.
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