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Lungenentzündungen in Italien

Covid-19 trifft auch die Jungen

Von Matthias Rüb, Rom
Aktualisiert am 25.03.2020
 - 15:30
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Das Coronavirus gefährdet nicht nur Alte. Nach einer Schätzung italienischer Ärzte sind allein in Bergamo rund 1800 Leute zwischen 30 und 40 Jahren an Lungenentzündung erkrankt. Viele brauchen zusätzliche Sauerstoffzufuhr.

Aus der norditalienischen Region Lombardei, namentlich aus den Provinzen Bergamo und Brescia, kommen seit Wochen die erschütterndsten Nachrichten über die Ausbreitung und den Verlauf der Coronavirus-Pandemie. Zwar ist die Zahl der gemeldeten Neuinfektionen seit drei Tagen in der norditalienischen Region wie auch in ganz Italien leicht rückläufig. Doch am Dienstagabend meldeten sowohl der Zivilschutz in Rom als auch das Gesundheitsministerium in Mailand nach drei Tagen Rückgang wieder einen Anstieg bei den Todesfällen in ganz Italien und auch in der Lombardei. Landesweit starben 743 Menschen binnen 24 Stunden, davon allein in der Lombardei 402; das war national wie regional der jeweils zweithöchste Wert an einem Tag. Die Gesamtzahl der Todesopfer in Italien erhöhte sich auf 6.820, auf die Lombardei entfallen davon 4.178 Verstorbene.

Es war jedoch eine andere Zahl aus der Lombardei, konkret aus der Provinz Bergamo, die am Dienstag eine weithin geteilte Annahme erschütterte: dass die vom Coronavirus verursachte Lungenkrankheit Covid-19 für jüngere Menschen beinah ungefährlich sei. Die Sekretärin der Lombardei-Sektion des Verbandes der italienischen Hausärzte, Paola Pedrini, teilte mit, dass allein in der Provinz Bergamo mindestens 1800 Personen zwischen 30 und 40 Jahren an schweren Symptomen der Covid-19-Erkrankung litten.

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„Die vom Coronavirus ausgelöste Lungenentzündung trifft nicht nur Personen höheren Alters“, sagte Pedrini: „Wir sind rund 600 Hausärzte in Bergamo, und jeder berichtet von mindestens drei Patienten zwischen 30 und 40, die an der Covid-19-Pneumonie erkrankt sind.“ Für die Provinz Bergamo gab das Gesundheitsministerium in Mailand am Dienstagabend die Gesamtzahl von 6728 erkrankten Personen an. Nach der Schätzung Paola Pedrinis würde das bedeuten, dass in der Provinz im Nordosten der Lombardei mehr als ein Viertel der registrierten Erkrankten jünger als 40 Jahre waren und an erheblichen Symptomen litten.

Zwar müssen diese Patienten meist nicht ins Krankenhaus eingeliefert werden, sondern können die Krankheit daheim auskurieren. Aber viele benötigen wegen Atembeschwerden zusätzliche Sauerstoffzufuhr. „Weil wir insgesamt so viele Infizierte haben, die unter einer beidseitigen Lungenentzündung leiden und in der häuslichen Quarantäne Sauerstoff brauchen, sind zuletzt die Flaschen knapp geworden“, sagte Pedrini. Inzwischen sei es aber gelungen, den Nachschub an Sauerstoffflaschen so zu verbessern, dass Lieferungen schon nach 24 Stunden statt erst nach 72 Stunden einträfen.

Soweit bekannt verfügen weder der nationale Zivilschutz in Rom noch die Behörden der Regionen über Zahlen zur Altersstruktur der nachweislich mit dem Coronavirus Infizierten. Hinzu kommt, dass es eine große Dunkelziffer der tatsächlichen, aber nicht bei Tests erfassten Infektionen gibt. Sie dürfte noch höher sein als etwa in Deutschland, wo deutlich mehr Tests vorgenommen wurden. In einem Gespräch mit der Tageszeitung „Corriere della Sera“ vom Mittwoch äußerte der Virologe Andrea Crisanti aus Padua die Ansicht, dass es in Italien mindestens 450.000 Infizierte geben müsse.

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Das wären rund sechseinhalb Mal so viele wie die rund 70.000 Infizierten, die bis Dienstag in der offiziellen Statistik des Zivilschutzes genannt wurden. Sollte die Beobachtung der Hausärzte aus der Provinz Bergamo zutreffen, dann wäre der Anteil der Personen ab 30 Jahren unter den Infizierten, die erhebliche, aber keine lebensbedrohlichen Symptome zeigen, deutlich höher als bisher angenommen.

Kaum eine Unschärfe dürfte es bei der Statistik der Todesfälle nach Altersgruppen geben, weil die italienischen Behörden routinemäßig Post-mortem-Tests auch beim bloßen Verdacht einer Infektion veranlassen, etwa bei Sterbefällen zu Hause. Danach gab es in der Provinz Bergamo, die in dieser Hinsicht repräsentativ für die Lombardei und auch für ganz Italien sein dürfte, keine Todesfälle in der Altersgruppe bis 29 Jahre und nur einen Toten in der Kohorte von 30 bis 39 Jahren. Ein Prozent der Verstorbenen war zwischen 40 und 49 Jahre alt, 3,3 Prozent 50 bis 59 Jahre. Zwischen 60 und 69 Jahre alt waren 13 Prozent der Verstorbenen. Gut 39 Prozent der Verstorbenen war 70 bis 79 Jahre alt, 38 Prozent zwischen 80 und 89 Jahren und fünf Prozent über 90 Jahre.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Rüb, Matthias (rüb)
Matthias Rüb
Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.
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