Mutter über infizierte Familie

Der Tag, an dem ich gerne Karl Lauterbach angerufen hätte

Von Julia Witt
03.02.2022
, 06:36
Schule in Zeiten der Pandemie: Wie haltet ihr es mit den Corona-Tests?
Zuerst wird eine Tochter positiv auf das Coronavirus getestet, dann der Rest der Familie – und wie geht es jetzt weiter? Eine Mutter berichtet vom Kampf mit der „milden“ Variante und ihrer Enttäuschung über die Politik.
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Ich sitze auf dem Rand der Badewanne und weine hemmungslos. Ich kann nicht mehr. Im Erdgeschoss schauen meine beiden Töchter, drei und sechs Jahre alt, die ich-weiß-schon-nicht-mehr-wie-vielte Folge des Kinderprogramms. Mein Mann liegt im Keller auf der Schlafcouch, ganz erschöpft, mit Glieder- und Halsschmerzen. Vor zwei Stunden ging es nicht mehr, er musste sich hinlegen. Kurz danach war auch bei mir wieder game over. Noch mit letzter Kraft habe ich kurz mit den Eltern telefoniert und signalisiert: „Macht euch keine Sorgen, wir schaffen das schon“ – und dann den Kindern den Fernseher eingeschaltet. Und mich selbst endlich auch auf die Couch gelegt, um uns herum das Wohnzimmer und die Küche im Chaos.

Vor wenigen Tagen wurde unsere große Tochter positiv auf das Coronavirus getestet, dann die kleine Tochter, dann ich, schließlich mein Mann. Vor Omikron, so unsere Erfahrung, gibt es kein Entrinnen, wenn man sich im selben Haushalt aufhält. Auch in der Schulklasse verbreitete sich das Virus, bis die Klasse komplett in Quarantäne geschickt wurde, um das Lauffeuer zu stoppen. Für wie lange? Keiner weiß es. Erste Erzählungen über wiederholte Infektionen machen nicht viel Hoffnung auf einen normaleren Alltag nach der Infektion.

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Aber die soll mit Omikron ja gar nicht so schlimm sein. Gesundheitsminister Karl Lauterbach saß am vergangenen Freitag wie gewohnt neben Lothar Wieler vom Robert-Koch-Institut vor der versammelten Presse und erklärte, man habe die Welle im Griff. Die viel zitierte „niedrige Hospitalisierungsrate“ wurde wieder erwähnt, die „milden Verläufe“ wurden betont. Wieler sagte, die absoluten Infektionszahlen spielten keine so große Rolle mehr. Beim Zuhören konnte man denken: Stellt euch nicht so an, jeder einmal schnell durch mit Omikron und dann ist gut.

Die Angst um die Dreijährige

Soweit die Theorie. Aber aktuell sind es rund 100.000 Menschen täglich, die positiv getestet werden. Daran hängen Partner, Familien, Freunde, mit denen die Infizierten leben oder die sie getroffen haben. Jeden Tag kommt von der Größenordnung her eine Kleinstadt hinzu, die im Krisenmodus ist. Wenn man es dann selbst hat, erscheint der „milde Verlauf“ gar nicht mehr so „mild“. Von dem Zeitpunkt an steht man ziemlich alleine da. Familie und Freunde helfen, wo sie nur können, mit Einkäufen, Gekochtem, Aufmunterungswünschen – aber alles ist nur auf Abstand möglich. Wenn sich der Gesundheitszustand verschlechtert, ist man auch beim Haus- und Kinderarzt nicht mehr willkommen. Laut Arztpraxis sollen wir das Gesundheitsamt kontaktieren, wenn wir weitere Hilfe benötigen. Aber das gilt eigentlich nur für den Fall, dass man denkt, man müsse ins Krankenhaus.

Obwohl wir als Erwachsene geboostert sind und unsere Sechsjährige durchgeimpft ist: Da ist die Ungewissheit, wie sich die Erkrankung tatsächlich entwickelt. Von welchem Punkt an sollte man weitere Hilfe hinzuziehen? Da ist die Angst um die Dreijährige, die noch gar nicht geimpft ist und seit drei Tagen jede Nacht sehr hoch fiebert und schrecklich trockenen Husten hat. Da ist die eigene Hilflosigkeit, wenn man selbst völlig erschöpft ist, und mit Fieber, Gliederschmerzen und Schüttelfrost eigentlich nur im Bett liegen sollte, gleichzeitig aber zwei kranke Kinder bestmöglich gesund pflegen muss. Und dann gibt es die Experten, die darüber sprechen, dass Long-Covid und das PIMS-Syndrom bei Kindern mit Omikron noch gar nicht erforscht seien. Und die Meldungen, dass die Erkrankung Entzündungen im ganzen Körper auslösen und alle Organe betreffen kann.

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Sind Sie es wirklich?

Als der SPD-Politiker Karl Lauterbach das Gesundheitsministerium übernahm, machte sich bei uns ein Gefühl der Erleichterung breit: Jetzt werden wir gut durch den weiteren Verlauf der Pandemie kommen, das ist einer, der passt gut auf die Menschen auf. Dieses Gefühl ist aktuell der Enttäuschung gewichen. Am liebsten möchte ich Herrn Lauterbach anrufen und fragen: Was machen Sie da, sind Sie es wirklich? Halten Sie es wirklich für eine gute Idee, Omikron jetzt durch die Schulen und Kindergärten und am Ende durch die ganze Bevölkerung laufen zu lassen? Wenn man ehrlich ist, ist es genau das, was gerade passiert.

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In Nordrhein-Westfalen wurden die PCR-Einzeltestungen der Schüler vergangene Woche eingestellt. Es gibt weiterhin den gemeinsamen PCR-Pooltest für die Schulklasse. Ist der positiv, wird aber nicht mehr per PCR ermittelt, wer das positive Kind ist. Diese Aufgabe obliegt nun der Klassenlehrerin, sie muss das mit Schnelltests herausfinden. So kommt es vor, dass trotz positivem Pooltest alle Kinder den ganzen Tag am Unterricht teilnehmen – weil über die Selbsttests im Klassenraum niemand als positiv ermittelt werden konnte. Und was sagt die zuständige Ministerin dazu? Wiederholt gebetsmühlenartig das Wort „Präsenzunterricht“.

Die Lehrer haben keine Zeit, auf die Straße zu gehen, sie beugen sich den Vorgaben, hängen mit letzten Kräften weiße Laken aus den Fenstern und versuchen das System irgendwie am Laufen zu halten. Wenn die unbedingte Aufrechterhaltung des Präsenzunterrichts auch Leid in den Familien vermeidet – die Durchseuchung bringt einiges an Leid mit sich. Durch die Erkrankung an sich. Aber auch durch überforderte Eltern, die krank sind, gleichzeitig ihre Kinder gesund pflegen müssen und keine richtige Hilfe von außen bekommen können.

Frage an die Medien

Eine Frage an die Medien habe ich auch: Warum berichten Sie ständig über 900 oder auch 9000 Impfgegner, die auf die Straße gehen? 9000 von 80.000.000: Das sind 0,01 Prozent der Bevölkerung. Dass man über das Thema berichtet, klar. Aber warum verschafft man einer so kleinen Minderheit andauernd ein so großes Gehör? Das ist nicht verhältnismäßig. Verhältnismäßig wäre es, häufiger über die Einzelpersonen, Familien und Lehrer zu berichten, die unter größtem Stress versuchen, irgendwie ihre Omikron-Infektion zu überstehen. Das wären zahlenmäßig wesentlich mehr Menschen – nur dass sie sich nicht auf der Straße zeigen, weil sie in Quarantäne sitzen und meist auch danach nicht die Kraft und Zeit haben, ständig auf die Straße zu gehen.

Wenn ich mit der jetzt gemachten Erfahrung die Wahl hätte zwischen der Omikron-Infektion oder nochmal strengeren Coronamaßnahmen? Ich würde mich für die Maßnahmen entscheiden. Ja, es wäre wieder sehr anstrengend geworden, es ist ein enormer Kraftakt, Arbeit und Kinderbetreuung unter einen Hut zu bekommen. Aber wir hätten zumindest eine realistische Chance gehabt, ohne Infektion in den Frühling oder bis zur nächsten Impfung zu kommen. Vor allem die Kinder hätten wir besser vor diesem Virus schützen können, von dem kein Experte mit Sicherheit sagen kann, welche Folgen die Erkrankung noch mit sich bringen wird – auch wenn sie „milde“ verläuft.

Julia Witt lebt mit ihrer Familie in Nordrhein-Westfalen und hat uns diesen Erfahrungsbericht zugeschickt.

Quelle: FAZ.NET
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