„Impfstoff politisch zerredet“

Hausärzte wollen kein AstraZeneca mehr

06.07.2021
, 02:57
Impfung mit dem Vakzin von Astra-Zeneca
Die Hausarztpraxen im Rheinland stellen die Impfungen mit dem Vakzin von AstraZeneca ein. Es handele sich zwar um einen guten Impfstoff. Dieser sei jedoch zum Ladenhüter geworden.
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In der laufenden Corona-Impfkampagne wollen die Praxen im Rheinland nach Angaben des Hausärzteverbandes künftig auf den Impfstoff von AstraZeneca verzichten. Das sagte der Chef des Hausärzteverbandes Nordrhein, Oliver Funken, der Zeitung Rheinische Post vom Dienstag.

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„AstraZeneca wird zunehmend der Ladenhüter unter den Impfstoffen. Er ist politisch einfach zerredet worden. Die aktuelle STIKO-Empfehlung unterstützt dies noch. Viele Patienten wollen den Wechsel auf BioNTech“, so Funken. Daher sei man nun gezwungen, auf AstraZeneca zu verzichten, obwohl es sich um einen guten Impfstoff handele, der auch vor der Delta-Variante schütze. „Wir werden den Impfstoff jetzt aber verwerfen und BioNTech einsetzen“, sagte Funken.

„Für die Hausärzte bedeutet das organisatorischen Stress“

Viele Patienten wünschten die Möglichkeit, zu BioNTech zu wechseln, häufig auch, weil sie so schneller zur Zweitimpfung kommen können. Das sei verständlich, so Funken. „Für die Hausärzte bedeutet das andererseits organisatorischen Stress. Termine müsse neu vergeben, Impfstoffe anders verplant werden“, sagte der Vorsitzende des Hausärzteverbandes Nordrhein.

Die Ständige Impfkommission (STIKO) hatte am vergangenen Donnerstag überraschend mitgeteilt, dass Menschen, die eine erste Dosis des Corona-Impfstoffs von AstraZeneca erhalten haben, künftig unabhängig vom Alter als zweite Spritze einen mRNA-Impfstoff wie den von BioNTech oder Moderna erhalten sollen.

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Die Deutsche Gesellschaft für Immunologie geht unterdessen davon aus, dass eine Herdenimmunität gegen das Coronavirus ohne die Impfung von Kindern und Jugendlichen nicht erreichbar ist. „Klassischerweise geht man von einer Herdenimmunität aus, wenn 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung gegen den Erreger geschützt sind. Das setzt aber voraus, dass sich der Erreger in diesen Personen nicht vermehren kann“, sagte Vizepräsident Reinhold Förster den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

Bei Sars-Cov-2 sei dies aber anders: Menschen könnten das Virus übertragen, obwohl sie selbst nicht erkrankt seien, obwohl sie geimpft und vollkommen symptomfrei seien. Mit der Delta-Variante habe sich die Situation verschärft: „Sie ist deutlich ansteckender. Sie betrifft sehr stark Jugendliche und Kinder“, sagte Förster. „Solange diese Gruppe gar nicht oder wenig geimpft ist, werden wir keine Herdenimmunität bekommen.“

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Aus Sicht des Robert Koch-Instituts sollten im Kampf gegen die Delta-Variante mindestens 85 Prozent der 12- bis 59-Jährigen und 90 Prozent der Menschen ab 60 Jahren vollständig geimpft sein. „Bei rechtzeitigem Erreichen dieser Impfquote scheint eine ausgeprägte 4. Welle im kommenden Herbst/Winter unwahrscheinlich“, heißt es in einem Papier des RKI, das am Montag veröffentlicht wurde.

Nach Ansicht von Weltärztebund-Präsident Frank Ulrich Montgomery ist die Herdenimmunität „kurzfristig nicht erreichbar“. „Die zehn Prozent, die sich ums Verrecken nicht impfen lassen wollen, werden ihre Immunität erreichen, indem sie eine Erkrankung durchmachen“, erklärte der Weltärztebund-Chef. Das werde dann geschehen, „wenn wir alle Vorsichtsmaßnahmen fallen lassen“.

Quelle: dpa
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