Impfstoff-Tests in Südamerika

Das Corona-Labor

Von Tjerk Brühwiller, São Paulo
Aktualisiert am 16.09.2020
 - 20:28
Stark exponiert: Badegäste in Rio de Janeiro
Die Pandemie trifft Lateinamerika hart. Deshalb ist die Region in den Fokus der Impfforscher gerückt. Für klinische Tests ist es von Vorteil, wenn die Probanden möglichst stark exponiert sind.

Jeder dritte Corona-Tote ist Lateinamerikaner. 300.000 Menschen sind in Lateinamerika bisher am Virus gestorben, acht Millionen haben sich infiziert. Fünf der zehn Länder mit der höchsten Sterberate befinden sich hier. Die meisten Länder der Region sind von der Pandemie überrollt worden. Das Virus hat das unterfinanzierte öffentliche Gesundheitswesen entblößt. Vor allem aber sind es die sozialen Unterschiede, die Lateinamerika so anfällig machen für die Pandemie. Große Teile der Bevölkerung können es sich nicht leisten, zu Hause zu bleiben. Und selbst wenn, dann sind dort für viele soziale Distanzierung und die Einhaltung der Hygienevorschriften nicht möglich.

Viele Lateinamerikaner haben die Hoffnung verloren, das Virus aus eigener Kraft in Schach halten zu können. Man lässt es geschehen. Nur die Aussicht auf eine Impfung macht noch Hoffnung. Es ist einfach, in Lateinamerika Freiwillige zu finden, die sich für klinische Tests von möglichen Impfstoffen zur Verfügung stellen. Auch die verhängnisvollen Zusammenhänge an sich machen die Region interessant für die Forscher. Für klinische Tests ist es von Vorteil, wenn die Probanden möglichst stark exponiert sind. Und das sind sie in Ländern wie Peru, Chile oder Brasilien, wo rund 200 Infektionen auf 10.000 Einwohner verzeichnet werden und eine sehr hohe Dunkelziffer anzunehmen ist.

Vor allem Brasilien ist ein interessanter Standort für die Entwicklung des Corona-Impfstoffs: In dem Land gibt es einige Institutionen, die in der Entwicklung und Herstellung von Impfstoffen große Erfahrung und einen guten Ruf haben. Eine davon ist die Stiftung Oswaldo Cruz (Fiocruz) in Rio de Janeiro, eine andere das Institut Butantan in São Paulo. Die beiden öffentlichen Forschungseinrichtungen sind an der Entwicklung von zwei vielversprechenden Impfstoffen beteiligt. Fiocruz hat einen Kooperationsvertrag mit AstraZeneca und der Universität Oxford abgeschlossen, Butantan mit der chinesischen Sinovac.

Beide Impfstoffe sind in Phase drei der klinischen Tests, wobei AstraZeneca vor kurzem einen Rückschlag hinnehmen musste, da eine der Testpersonen mögliche Nebenwirkungen zeigte; die klinischen Tests können seit einigen Tagen jedoch fortgesetzt werden. Sinovac vermeldete kürzlich vielversprechende Testergebnisse. Dimas Covas, der Direktor des Instituts Butantan, das dem Bundesstaat São Paulo gehört, ist optimistisch, dass sein Institut und Sinovac bereits zu Beginn des kommenden Jahres – und damit Brasilien als eines der ersten Länder – einen wirksamen Impfstoff zur Verfügung haben werden.

Mit offenen Armen empfangen

Auch die amerikanischen Pharmaunternehmen Johnson & Johnson und Pfizer führen in Brasilien Tests durch. Denn für Brasilien als Standort für die Entwicklung von Impfstoffen sprechen auch die Produktionskapazitäten. Das Institut Butantan stellt selbst Impfdosen her. Die Produktionskapazitäten sind mit 100 Millionen Impfdosen pro Jahr so groß, dass das Institut heute der wichtigste Hersteller von Grippeimpfungen in der südlichen Hemisphäre ist. Auch das Technische Institut für Immunbiologie Bio-Manguinhos, das Fiocruz angegliedert ist, zählt zu den größten Herstellern von Impfdosen in Lateinamerika.

Brasilien ist in der Lage, nicht nur sich selbst mit Impfdosen zu versorgen, sondern auch andere Länder der Region – und dazu kommen noch die privaten Pharmaunternehmen, die im Land ebenfalls starke Produktionsstandorte haben. Sowohl der Vertrag zwischen der brasilianischen Zentralregierung (Fiocruz) und Oxford-AstraZeneca wie auch jener zwischen der Regionalregierung in São Paulo (Butantan) mit Sinovac sehen einen Wissenstransfer vor, damit ein Impfstoff von der ersten Stunde an in Brasilien produziert werden kann.

Auch andere Länder in Lateinamerika stellen sich für Tests zur Verfügung. Neben Brasilien arbeiten auch Argentinien und Mexiko eng mit den Forschern von Oxford und AstraZeneca zusammen. Die beiden Länder haben sich dazu verpflichtet, die Produktion und Distribution eines Impfstoffs in Lateinamerika (außer Brasilien) zu übernehmen. Weitere Entwickler haben in Lateinamerika klinische Tests aufgenommen, so zum Beispiel die chinesische China National Biotec Group, die in Peru testet.

Auch die Russen werden mit ihrem umstrittenen Impfstoff Sputnik-V in Lateinamerika mit offenen Armen empfangen. Jedes Land will zu den Produzenten des Sputnik-Impfstoffs gehören. Laut dem russischen Staatsfonds, der die Entwicklung des Impfstoffs vorantreibt, ist mindestens ein Produktionsstandort in Lateinamerika vorgesehen. Neben Brasilien und Argentinien zählt auch Kuba zu den Kandidaten. Mit der Regionalregierung des südbrasilianischen Bundesstaats Paraná besteht bereits eine Vereinbarung über eine mögliche Produktion des russischen Impfstoffs. Laut den Behörden könnten die klinischen Tests der Phase drei dort im Oktober beginnen.

Die Verteilung ist eine ganz andere Sache

Die Ambitionen Lateinamerikas auf die Entwicklung eines eigenen Impfstoffs sind vergleichsweise klein. Dennoch forschen sechs Institutionen von Argentinien bis Mexiko daran: In Mexiko die Nationale Autonome Universität (UNAM), in Argentinien die Universität San Martín sowie der „Nationale Rat für wissenschaftliche und technologische Forschung“ (Conicet), in Brasilien Fiocruz und Butantan sowie die Universität São Paulo und in Peru die Universität Cayetano Herida. Das am weitesten fortgeschrittene Projekt läuft allerdings in Kuba. Die Forscher dort haben laut Angaben der Regierung bereits einen Impfstoff namens „Soberana 01“, der sich in der Phase der klinischen Tests befindet. Entwickelt wurde der Impfstoff vom Finlay-Institut, in Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Molekulare Immunologie und dem Zentrum für Gentechnik und Biotechnologie. In der Biotechnologie zählt Kuba in Lateinamerika zu den führenden Ländern.

Die Bereitschaft, Verträge über Impfstoffe abzuschließen, die möglicherweise nie zum Einsatz kommen, zeigt, wie wegweisend die Impfung für die Region ist. Länder, die ihre Bevölkerung rasch und weitreichend impfen können, werden die Krise schneller überwinden können und wirtschaftliche Vorteile davontragen – und ihre Regierungen politische.

Doch unabhängig davon, welcher der erste Impfstoff ist, der freigegeben wird, dürfte es seine Zeit dauern, bis alle 650 Millionen Lateinamerikaner davon profitieren. Die Erforschung des Impfstoffs ist eine Sache, ihn massenweise herzustellen, eine andere – und ihn zu verteilen, noch eine ganz andere. Das gilt gerade in einer Region wie Lateinamerika, die von enormen sozialen Unterschieden geprägt ist und in der Politiker selbst die Corona-Krise zum Anlass nehmen, um in die eigene Tasche zu wirtschaften. Analysten befürchten daher, dass in einem Jahr bestenfalls die Hälfte aller Lateinamerikaner gegen das Coronavirus geimpft sein wird.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Brühwiller, Tjerk
Tjerk Brühwiller
Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in São Paulo.
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