Die Pandemie und Indien

Beten zur Corona-Göttin

Von Till Fähnders, Singapur
Aktualisiert am 13.08.2020
 - 12:46
Passiert in Indien viel zu selten: Eine Frau wird in Delhi auf das Coronavirus getestet.
Manche Inder hoffen auf übernatürliche Hilfe gegen die Pandemie. Nötig wäre eine Reform des Gesundheitssystems. Der Subkontinent entwickelt sich immer mehr zu einem Brennpunkt der Pandemie.

Im Süden Indiens hat ein Mann dem Virus einen Schrein gebaut. Geziert wird das Heiligtum von einer Nachbildung des Coronavirus aus Styropor, etwa in Größe eines Fußballs: der „Corona Göttin“, wie der Mann mit dem Namen Anilan aus dem Bundesstaat Kerala sie nennt. „In Kerala gibt es in einigen Tempeln eine Gottheit für die Pocken, ebenfalls eine ansteckende Krankheit“, sagte der Mann kürzlich der indischen Presse. Warum sollte es so etwas nicht auch für das Coronavirus geben? „Einem Virus als Gottheit zu huldigen, ist kein ungewöhnlicher Brauch“, sagte Anilan. Tatsächlich ist er in seiner Heimat nicht der einzige, der das Virus durch Gebete besänftigen will. Ein indischer Fernsehbericht zeigte mehrere in bunte Saris gekleidete Frauen, die im Norden des Landes am Ufer eines Flusses Blumen verteilten und Kerzen anzündeten. Das Ziel ihrer Gebete sei die „Corona Ma“, die „Mutter Corona“. Nach dem Ritual werde der Wind kommen und das Virus zerstören, sagte eine der Frauen.

Es ist nicht überraschend, dass die Angst vor dem Virus in Indien so groß ist, dass ihm bisweilen die Kraft einer Gottheit zugeschrieben wird. Der Subkontinent entwickelt sich immer mehr zu einem Brennpunkt der Pandemie. Derzeit kommen täglich etwa 60.000 Neuinfektionen hinzu. Das sind mehr als in den Vereinigten Staaten und Brasilien, den zwei Ländern mit den meisten Fällen auf der Welt. Seit Beginn der Pandemie ist laut Johns-Hopkins-Universität bei fast 2,4 Millionen Indern Sars-CoV-2 nachgewiesen worden. Am vergangenen Sonntag verzeichnete Indien zum ersten Mal mehr als 1000 Tote an einem Tag. Mittlerweile sind auch einige Bollywood-Stars, Hockeyspieler und Politiker erkrankt, etwa der frühere Präsident Pranab Mukherjee und Innenminister Amit Shah.

Da mag es gut sein, dass es im Hinduismus auch Göttinnen gibt, deren Spezialität Krankheiten und Seuchen sind. Mitunter nehmen Glaube und Aberglaube aber kuriose Züge an, etwa wenn es um Methoden zum Schutz gegen das Virus geht. So haben auch Politiker der Regierungspartei von Ministerpräsident Narendra Modi zweifelhafte Empfehlungen gegeben, wie etwa das Virus mit Kuh-Urin zu bekämpfen sei oder mit dem täglich fünfmaligen Absingen einer religiöse Hymne. Nicht verborgen blieb dabei, dass der erkrankte Innenminister lieber in ein modernes Privatkrankenhaus gegangen war, anstatt sich einer auch von Teilen der Regierung empfohlenen Ayurveda-Kur zu unterziehen.

57 Prozent der Slum-Bewohner infiziert?

Viele Inder sahen dies als Ausdruck der Ungerechtigkeit ihres unterfinanzierten Gesundheitssystems. Das Land investiert nur etwa zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts in diesen Bereich. Damit liegt es am unteren Ende der globalen Rangliste. „Dekaden der Vernachlässigung lassen sich nicht durch ein paar Monate Lockdown überwinden“, schrieben zwei Virologen kürzlich in einem Kommentar in der „Times of India“. Auf 10.000 Einwohner kämen in Indien nur etwa sieben Ärzte und 17 Pflegekräfte, im Vergleich zu 13,9 und 28,6 weltweit. Das medizinische Personal, das im Einsatz ist, klagt über fehlenden Schutz. So haben sich laut indischem Ärzteverband schon 17.000 Ärzte und Pflegekräfte mit dem Virus angesteckt, mehr als 200 seien an den Folgen gestorben.

In den stark betroffenen Megastädten Bombay und Delhi war das Gesundheitssystem mit Beginn der Pandemie schnell an seine Grenze gestoßen. Während sich die Lage dort langsam bessert, breitet sich das Virus immer mehr in kleineren Städten und Landregionen aus. Die Dunkelziffer dürfte hoch sein. Eine Studie mit Antikörpertests kam vor kurzem zu dem Ergebnis, dass sich in den Slums in Bombay 57 Prozent der Bewohner infiziert haben könnten. Eine ähnliche Studie in Delhi ergab, dass einer von vier Einwohnern bereits infiziert gewesen sein könnte. Fachleute kritisieren, dass immer noch zu wenig getestet werde. Sie gehen zudem davon aus, dass der Höhepunkt der Pandemie in Indien längst nicht erreicht ist.

Gefährlich ist in Indien gerade selbst das Beten. In einem bekannten Hindu-Tempel haben sich in zwei Monaten Hunderte Menschen mit dem Virus angesteckt. Die Betreiberstiftung des Venkateswara-Tempels in Tirumala, eines der größten und reichsten Hindu-Schreine der Welt, verzeichnete 743 Infektionen allein unter den Mitarbeitern. Zwei Mitarbeiter und ein früherer Angestellter seien an den Folgen gestorben. Unklar ist, wie Besucher sich angesteckt haben. Der Tempel hatte vor etwa zwei Monaten wieder den Betrieb aufgenommen. Der Geschäftsführer der Stiftung wies Vorwürfe zurück, man habe aus Geldgier übereilt wieder geöffnet und nicht ausreichend auf Abstands- und Hygieneregeln geachtet. Die Corona-Regeln seien strikt eingehalten worden.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Fähnders, Till (fäh.) (Bild)
Till Fähnders
Politischer Korrespondent für Südostasien.
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