Schmutziges Bargeld

Koks, Corona und Kolibakterien

Von Franz Nestler, Frankfurt
12.03.2020
, 10:26
Bargeld als Biotop: Chinesische Bankangestellte desinfizieren Banknoten, auf denen der Diktator Mao abgebildet ist.
Auf Bargeld tummeln sich zahllose Viren und Bakterien. Doch wie gefährlich sind diese wirklich für uns - und ist Kartenzahlung immer die bessere Lösung?

Der Kampf gegen das neuartige Coronavirus hat an vielen Stellen höchste Priorität. Neuerdings rückt dabei das Bargeld in den Fokus. Für Geldscheine aus Asien hat die amerikanische Zentralbank Fed eine Art Quarantäne verhängt, wie diese Zeitung bereits am 9. März berichtete. Chinas Notenbank soll alle Finanzinstitute dazu aufgefordert haben, alle Geldscheine mittels Ultraviolettstrahlung zu desinfizieren und danach ebenfalls in eine zweiwöchige Quarantäne zu stecken. Manche Regionen werden nicht mehr mit Bargeld versorgt, und es gibt sogar Gerüchte, dass Bargeld vernichtet werde, um auf Nummer sicher zu gehen. Doch wie gefährlich ist das Bargeld wirklich und wie viel ist pure Hysterie?

Ganz grundsätzlich verbreitet sich das Virus über Tröpfcheninfektionen – also über die Luft. Die Tröpfchen landen dann zum Beispiel auf der Hand oder an Oberflächen, die häufig angefasst werden. Dazu gehört selbstverständlich auch Bargeld. Vergleichbare Erreger konnten sich auf Metall- und Plastikoberflächen neun Tage halten, auf Papier bis zu fünf Tage. Genaueres ist zum Beispiel auch von der Temperatur abhängig. Die spezielle Oberflächenbeschaffenheit von Bargeld führt dazu, dass einzelne Studien zu dem Schluss kamen, Influenzaviren könnten sogar 17 Tage auf Bargeld überleben. Das ist wohl sehr theoretisch.

Doch Bargeld gehört glücklicherweise zu einem beliebten Forschungsobjekt von Wissenschaftlern. Breit bekannt wurde zum Beispiel eine Studie des biomedizinischen und pharmazeutischen Instituts aus Nürnberg. Demnach fanden Wissenschaftler auf 90 Prozent der untersuchten Geldscheine Spuren von Kokain. Nur mit einigen werde die Droge konsumiert, doch die Mehrzahl der Scheine wurde untereinander kontaminiert, hieß es von der University of Surrey.

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Auch Bakterien und Viren finden sich auf Banknoten – darunter ein bunter Mix aus Fäkal- und antibiotikaresistenten Keimen in Gesellschaft harmloser Pilze und schwacher Krankheiterreger. Bis zu 3.000 Arten finden sich auf Scheinen. Das „Dirty-Money-Projekt“ der New York University wollte es genauer wissen und hat in den Vereinigten Staaten 80 Ein-Dollar-Noten angeschaut und auf das genetische Material untersucht. Sie fanden 1,2 Milliarden DNA-Segmente: Von Hunden, Katzen, Pferden – und sogar einem Breitmaulnashorn. Dabei gilt die Hosentasche mit der warmen Geldbörse als ein wahres Paradies für Bakterien und Viren. Anders sieht es bei kleinen Münzen aus: Die Kupferummantelung der Ein-, Zwei- und Fünf-Cent-Münzen gilt als Bakterienkiller, da sie Ionen abweist und so antibakteriell und antimikrobiell wirkt.

Kleiner Schein, große Keimzahl

Doch zurück zu den Scheinen. Grundsätzlich gilt: Je kleiner der Schein, desto höher die Umlaufgeschwindigkeit und umso höher die Kontamination. Besonders Fünfer und Zehner sind also betroffen. Zur Wahrheit gehört aber auch: Bargeld ist nicht schmutziger oder sauberer als Türgriffe in öffentlichen Toiletten oder Haltestangen in Bahnen und Bussen.

Aber nur weil Bakterien und Viren auf den Scheinen sind, heißt das nicht, dass sich diese auch auf die Hände ausbreiten – nur ein Bruchteil verlässt das Bargeld durch Berührung. Fachleute schätzten in einem sogenannten Abklatsch-Test, dass nur 10 Prozent an den Fingern kleben bleiben. Und selbst dann müssten diese noch in den Körper gelangen, etwa indem man sich ins Gesicht greift. Durch regelmäßiges Händewaschen minimiert man dann das Risiko.

Selbst die Fachleute der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind sich in der Bewertung da nicht so einig. Zum einen hat sie dazu geraten, die Verwendung von Bargeld zu minimieren, weil es an der Verbreitung beteiligt sein kann. Gleichzeitig betont aber eine Sprecherin, dass es keinen Beweis gibt, dass Corona durch Bargeld übertragen werden kann. Hierzulande wird das ähnlich bewertet und noch kein Handlungsbedarf gesehen. Sowohl die Europäische Zentralbank (EZB) als auch die Bundesbank teilten mit, dass es keinerlei Belege dafür gibt, dass das Coronavirus durch Banknoten übertragen wird. Die Hände waschen sollte man sich trotzdem.

Und wie schaut es mit Alternativen zum Bargeld aus? Deutlich sicherer ist das kontaktlose Zahlen. Hierbei wird die Karte nur an das Terminal gehalten, es gibt also keine Berührung mit einer möglicherweise kontaminierten Oberfläche. Doch das gilt nur, wenn ohne die Geheimzahl Pin bezahlt wird. Denn sobald das Terminal berührt werden muss, ist die Kartenzahlung genauso sicher oder unsicher wie das Bezahlen mit Scheinen und Münzen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Nestler, Franz
Franz Nestler
Redakteur in der Wirtschaft.
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