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Leser über Homeschooling

„Es geht nur noch ums Überleben“

12.01.2021
, 16:12
Immerhin die Katze hat hier einen Blick auf die Schularbeiten Bild: Reuters
Am Montag haben Eltern aus der F.A.Z.-Redaktion von ihren Homeschooling-Erfahrungen berichtet. Jetzt sind die Leser dran – mit ganz unterschiedlichen Geschichten.

Alles ganz anders

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Bei uns läuft alles ganz anders, als in Ihrem Artikel beschrieben. Kinder, die sich auf ihre Hausaufgaben stürzen? Pensum um 9.35 Uhr erledigt? Langeweile? Was für eine Parallelwelt ist das? Ich könnte weinen.

Ich bin in Vollzeit beschäftigt und habe zwei Kinder. Distanzunterricht heißt bei uns: kein Unterricht. Warum klappt es mit meinem Job seit zehn Monaten online, und die Schule kriegt es nicht hin, Online-Unterricht abzuhalten? Was ist daran so schwer, den Stoff online zu erklären, anstatt im Klassenraum? Warum soll ich dem Kind etwas erklären, das ich nicht erklären kann?

Pro Fach haben meine Kinder mindestens drei Fragen, macht im Schnitt 18 Fragen. Manche Highlights sind dabei, zum Beispiel in Physik: Es geht um Laserlicht auf der Baustelle –welche Eigenschaften hat das Licht? Ich weiß es nicht, mein Kind. Ich weiß es nicht.

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Um 15.30 Uhr habe ich gekocht, Geschichte und Deutsch geschafft, Mathe und Englisch haben die Kinder zum Glück alleine geschafft. Ich habe mich nicht geschminkt, ich war nicht draußen – ich darf jetzt weiterarbeiten. Um 19 Uhr kommt mein Mann aus dem Büro und macht Scherze. Ich kann nicht lachen. Morgen ist er dran. Ich habe mir selbst versprochen, NUR zu arbeiten. Anonym

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Eine Doppelschicht jeden Tag

Ja, die Schulen haben dazu gelernt. Ja, das Schulportal Hessen funktioniert jetzt besser. Was sich allerdings nicht geändert hat, ist die Überforderung der Eltern, die Homeoffice und Homeschooling unter einen Hut bringen müssen. Mein Fünftklässler schafft es jedenfalls nicht, Aufgaben in acht Fächern, die für eine ganze Woche gestellt werden, so zu strukturieren, dass er nicht die Nacht auf Freitag durcharbeiten muss.

Um das zu verhindern, muss ich mich mit dem kompletten Stoff genauso intensiv auseinandersetzen wie er. Das ist eine Doppelschicht jeden Tag. Abends mit einem Glas Wein vor dem Fernseher abschalten? Vergiss es! Das Homeschooling-Pensum für morgen einteilen und nebenbei EDV-Probleme lösen. Willkommen in 2021! Uta Bigus

„Wir haben Fußball gespielt“

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Ich habe das Glück, systemrelevant zu sein und habe somit Anrecht auf einen Notbetreuungsplatz. Zumindest für meinen kleinen Sohn. Der besucht eine vierte Klasse. Um 7.45 Uhr geht es los in der Schule. Also alles wie immer. Nach dem Mittagessen darf er alleine nach Hause gehen, damit die Schule nicht zu sehr in Anspruch genommen wird. Was er in der Zeit dazwischen macht, ist mir ein Rätsel. Natürlich habe ich am Tag vorher alles ausgedruckt und sortiert. Wenn ich ihn frage, warum er nur ein Arbeitsblatt geschafft hat, sagt er: „Ich hatte keine Zeit, wir haben Fußball gespielt!“.

Wenn ich um 16.30 Uhr von meiner Schicht komme, habe ich keine Energie mehr. Ich bin enttäuscht von den Lehrern, die es nicht schaffen, die Kinder zu motivieren, ihre Aufgaben zu erledigen. Natürlich werde ich mich an meinem freien Tag mit meinem Sohn hinsetzen und alles nacharbeiten. Auch gut, dass ich dafür am Wochenende arbeiten darf. Als ich meinem Sohn letztens sagen musste, dass die Notbetreuung noch mindestens bis Ende Januar geht, ist er weinend zusammengebrochen. Er möchte wieder die normale Schule und seine Freunde sehen! Katharina Jüttner

Fast jeden Morgen ist das System überlastet

Ich gehe derzeit in die elfte Klasse eines Gymnasiums und erlebe nun meinen zweiten Homeschooling-Abschnitt. Bereits im ersten Lockdown kam es oft zu Überlastungen des Systems, das die Schule für alle Online-Lernaktivitäten nutzt, die Lehrer waren oft mit der Technik überfordert. Und auf Rückmeldungen für erledigte Aufgaben wartete man oft vergebens. Aber man hatte viel Verständnis für diese Probleme. Es war für alle Beteiligten eine völlig neue Situation mit vielen Problemen, die man auch erst im Laufe der Wochen bemerkt hatte.

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Nun haben wir alle wieder Onlineunterricht und es ist etwas traurig, feststellen zu müssen, dass sich nicht viel geändert hat und manches sogar noch schlimmer geworden ist. Fast jeden Morgen passiert es, dass das System überlastet ist und der Unterricht nicht stattfinden kann. Für dieses Problem kann die Schule selbstverständlich nichts, aber dennoch hätte sie sich darum kümmern müssen, dass im Falle eines zweiten Lockdowns, in dem wir uns ja nun befinden, solche Problemen zur Seltenheit werden. Die Schule hat es ja auch geschafft, die Lehrer in der Nutzung von digitalen Medien zu schulen.

Ich gehöre zu den Schülern, die vorhaben, ihre Abiturprüfungen im Frühjahr 2022 zu absolvieren. Man macht sich immer mehr Sorgen darüber, ob man mit dem Stoff durchkommt und genügend vorbereitet werden kann. Optimales Distanzlernen ist aktuell an meiner Schule noch lange nicht gegeben. Das ist sehr schade, denn viele Schüler sind auch in Lockdown-Zeiten sehr motiviert. Sie wollen sich in der Schule anstrengen, doch das ist aktuell nicht möglich und führt zu Frustration. Hoffentlich zeigen die Maßnahmen der Regierung ihre Wirkung und der Schulbetrieb kann sich endlich wieder normalisieren. Johanna Ratzmann

Ein Leben gibt es nicht mehr

Ich bin eine alleinerziehende Grundschullehrerin mit zwei schulpflichtigen Kindern. Meine Tage zu Hause laufen stets gleich ab: 8 bis 13 Uhr Beschulung meiner Kinder. Dabei wechsele ich zwischen Klasse zwei und drei und zwischen Wohnzimmer und Küche. Langsam gibt es immer öfter Videokonferenzen. Wenn die Kinder „Hofpause“ machen – ich wohne zum Glück auf dem Dorf, da können sie alleine raus –, checke und beantworte ich Mails oder der Drucker läuft auf Hochtouren.

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Zwischen 14 und 15 Uhr bin ich Mama, danach arbeite ich bis 17 Uhr im Homeoffice. Ab 20 Uhr wieder Vorbereitung der Präsentationen und Materialien. Wenn ich zur Notbetreuung in die Schule muss, organisiere ich zuerst, wohin die Kinder gehen, und welche Aufgaben sie machen. Von 7 bis 12 Uhr bin ich in der Schule, bis 15 Uhr muss ich die Kinder abholen, die Aufgaben kontrollieren, dann geht der Homeoffice-Tag weiter. Ein Leben gibt es nicht mehr – es geht nur noch ums Überleben. Kristin Wippel

Es macht mich mit jedem Satz wütender!

Ich bin einfach nur unendlich frustriert, gestresst und besorgt! Bei uns funktioniert es nicht. Mein Sohn besucht die neunte Klasse eines Gymnasiums in Bayern. Er liegt im Vergleich zur Parallelklasse 25 Kapitel in Latein zurück, das entspricht etwa einem halben Jahr. Im Fach Englisch wurde viel zu viel Stoff durchgenommen und nicht kontrolliert. Mathe hat bis jetzt zwei Mal mal online stattgefunden und das war es. Und so geht es weiter und weiter... Der gesamte Stoff vom vergangenen Jahr aus dem ersten Lockdown wurde nicht wiederholt. Es wurde einfach weitergemacht. Am Samstag kam ein Elternbrief, in dem gesagt wurde, wie alles ab Montag funktionieren sollte. Ab 8 Uhr sollten alle Aufgaben im Netz stehen, und tja... Es ging NICHTS. Wir kamen nirgends rein und mein Sohn ist umsonst um 7.30 Uhr aufgestanden.

Ich könnte hier so viel schreiben, aber es macht mich mit jedem Satz wütender! Wie soll ein einheitliches Level jemals wieder erreicht werden? Wie kann ich mein Kind motivieren? Warum mache ich immer Druck und wir streiten, und letztendlich versagt hier die Schule, der Staat und unser ach so tolles Bildungssystem? Und mich stört es, dass immer nur von den Abiturienten gesprochen wird und keiner an die Real- und Mittelschüler denkt. Meine Tochter war im vergangenen Jahr im Abschlussjahrgang der Mittelschule und hat mich weinend gefragt, ob sie weniger wert ist als ein Abiturient. Anonym

Weitermachen, so gut es geht

Ich bin Mutter einer Tochter in der siebten Klasse. Wir sind vielleicht eine Ausnahme – bei uns läuft das Homeschooling nämlich! Bei uns lief es schon am 14. März 2020. Natürlich nicht alles und nicht immer, aber dahinter steckte ausschließlich das, was fast immer dahinter steckt, wenn es in der Schule nicht läuft: der innere Schweinehund. Der fühlt sich nicht nur bei Schülern wohl, sondern gleichermaßen bei Eltern und Lehrern, und das darf er auch!

Aber was genau lief und läuft bei uns so gut? Niemand hatte am 13. März einen Plan. Der wurde aber schnell gemacht: Die Schule hat sich um die Technik gekümmert, die Schulfamilie um Leihgeräte und die Lehrer um die „Übersetzung“ des Lernstoffes in die Kanäle, die ankommen. Unabhängig von der Technik bedeutete das, dass es einfach klare Anweisungen gab, die umgesetzt werden konnten und mussten. Struktur ergibt sich dadurch fast automatisch.

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Ein durchdachter Unterricht stützt sich dabei ohnehin nicht auf seitenweise illustrierte Arbeitsblätter, sondern nutzt vorhandene Ressourcen wie Schulbücher, frei zugängliche Lehrfilme oder Hefte. Nachdem im Großen die Schockstarre lange anhielt und zum Teil immer noch anhält, tat unsere Schule das einzig Richtige: weitermachen, so gut es geht, und die Kinder einfach nicht alleine lassen. Plötzlich entstand ein Miteinander, das man sich im Normalbetrieb kaum vorstellen kann. Diana Herrmann

Ist das fair?

Um 7.35 Uhr klingelt der Wecker und um 7.50 Uhr steht mein 16 Jahre alter Sohn geduscht und in Jogginghose in der Küche, schnappt sich sein Frühstück und nuschelt: „Hab jetzt Video. Klappt eh wieder nicht.“ Um 7.55 Uhr startet der Online-Unterricht. 40 Minuten später steht er wieder bei mir: „Das ist so eine Zeitverschwendung. Der Server ist ständig abgestürzt, der Lehrer hat aufgegeben. Jetzt kann ich mir Bio wieder selbst beibringen. Und dann noch die ganzen Arbeitsaufträge. Wann soll ich das alles erledigen? Nachts?“

Fazit: Mein Sohn wird mit Aufgaben „zugeballert“, die Technik versagt sehr zuverlässig und da es keine geänderten Lernpläne wegen Corona gibt, wird eben, wenn die Schulen wieder Präsenzunterricht haben, versäumter Stoff in kürzerer Zeit vermittelt. Fertig und basta.

Dass die Jugendlichen durch G8 sowieso schon einen strammen Wochenplan haben, interessiert in Pandemiezeiten niemanden. Das erste Halbjahr nach den Sommerferien war unglaublich arbeitsintensiv, da Versäumtes aus dem letzten Schuljahr nachgearbeitet und nach den Herbstferien der neue Stoff der Q1 in der Hälfte der Zeit vermittelt und von den Schülern verstanden werden musste. Notentechnisch gibt es aber keinen Corona-Bonus. Ist das fair für diesen Jahrgang im Hinblick auf das kommende Abitur? Charlotte Buck-Hermann

Zum Glück haben wir Nachbarn und Freunde

Mein Frau und ich sind beide Lehrer an Förderschulen, unsere Tochter geht (normalerweise) in die dritte Klasse einer Grundschule. Ich muss weiterhin mit voller Stundenzahl im Präsenzunterricht arbeiten, dies bringt meine Schulform mit sich. Meine Frau kann zumindest an zwei Tagen die Woche im Homeoffice arbeiten. Die übrigen Tage wird unsere Tochter vormittags alleine zu Hause sein. Zum Glück haben wir Nachbarn und Freunde, die immer in der Nähe sind und zur Not sofort vor Ort wären. Keine schöne Situation, aber das ist im Moment nun einmal so.

Mit meinen Schülern arbeite ich dann sowohl im Präsenz-, als auch parallel digital per Zoom-Konferenzen im Distanzunterricht. So haben die Schüler zumindest ein wenig soziale Interaktion während des täglichen Lernens. Zum Glück kann ich in einer Schule arbeiten, die auf diesem Gebiet bereits sehr gut ausgestattet ist. Bei meiner Frau ist schon am ersten Tag die digitale Lernplattform in der Schule zusammengebrochen – Überlastung. Gregor von Niebelschütz

Was habe ich eigentlich früher gemacht?

Es ist elf Uhr vormittags, die Sonne will sich genau wie die vergangenen Tage auch nicht blicken lassen, und wir sind wieder im Homeschooling. Wir, das sind mein Mann, unsere zehn Kinder und ich. Die drei kleinen im Alter von neun Monaten bis vier Jahren haben zwar keine Schule, aber eben auch keine Kita und sind gefangen in den Zwängen und Freiheiten unseres neuen Alltags. Was habe ich eigentlich früher gemacht, vor meiner plötzlichen Ernennung zur jahrgangsübergreifenden Lehrerin? Inzwischen gibt es bis zum Nachmittag nur Schule, ich bin froh, wenn wenigstens die Spülmaschine läuft.

Nebenbei sollen wir zu den ganz normalen Schulaufgaben noch einen Kuchen backen, das Wetter auf Englisch besprechen, ein Experiment mit Feuer machen (echt jetzt?), jeden Tag eine halbe Stunde joggen und das Sportprogramm mit 60 Hock-Streck-Sprüngen abschließen.

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Da kommt keine Langeweile auf und für meine persönliche Fitness ist gleich mitgesorgt, denn welcher Zweitklässler joggt schon alleine durch Matsch? Doch das Sportprogramm ist noch das Beste von allem, da kann sich dann jeder abreagieren. Es nur erst einmal vor die Tür schaffen, denn das Baby will gefüttert und gewickelt sein, die Kleinen bemalen die Wände oder stylen sich Frisuren mit dem Staubsauger und dann sind da ja auch noch „die Großen,“ die eigentlich permanent einen IT-Administrator brauchen, um ihre Sachen online machen zu können.

Im Großen und Ganzen bin ich ganz zufrieden mit der Selbständigkeit unserer Kinder, sie machen ihre Aufgaben und setzen ganz fleißig ihr Häkchen in das Kästchen für die erledigten Sachen. Doch manchmal leider aber auch nur letzteres. So erklärt sich, warum mein Viertklässler in Englisch keine Aufgabenstellung mehr versteht und mit allem immer besonders schnell fertig war. Mist, der sitzt ab jetzt an meiner Seite. Aber so wie es aussieht, haben wir noch viele Tage Homeschooling vor uns, um das alles nachzuholen. Madeleine Hell

Kein adäquates Konzept

Wir sind Eltern von zwei Kindern, die in Wolfsburg zur Schule gehen. Aus unserer Sicht hat sich zum ersten Lockdown bezüglich des Homeschoolings nichts geändert. Wenn unsere Kinder keine Eltern hätten, die sie unterstützen, würden sie fachlich auf der Strecke bleiben. Es findet kein aktiver Unterricht statt und Eltern sind keine Pädagogen.

Dann wird auch noch die Digitalisierung ganz hoch gepriesen. Was heißt eigentlich Digitalisierung? Warum wird in dieser Zeit kein Onlineunterricht gemacht? Bei Lernentwicklungsgesprächen tauscht man sich doch auch aus? Halb Deutschland befindet sich in einem perfekt funktionierenden Homeoffice. Und was wurde in den Schulen für Corona-Maßmahnen erarbeitet? Warum gibt es keine Schutztrennwände oder UVC-Filter? Man sieht, dass das Kultusministerium kein adäquates Konzept hat. Marion Schünke

Quelle: FAZ.NET
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