Kampf gegen Radikalisierung

„Familie und enge Freunde sind die mächtigste Allianz“

Von Natalia Wenzel-Warkentin
25.01.2022
, 19:12
Radikal: Demonstration gegen die aktuelle Corona-Politik in Hamburg
Sichtbarkeit der Bildbeschreibung wechseln
Dana Buchzik gibt Workshops zum Umgang mit Verschwörungserzählungen. Was empfiehlt sie, wenn man merkt, dass sich enge Familienangehörige radikalisieren und den Familienfrieden nachhaltig stören? Ein Interview.
ANZEIGE

Frau Buchzik, in Ihrem neuen Buch analysieren Sie, wie sich Menschen radikalisieren. Die Veröffentlichung fällt in eine Zeit, in der wohl die meisten jemanden aus dem Familien- oder Bekanntenkreis kennen, der eine Corona-Impfung verweigert oder das Virus sogar leugnet. Begünstigt die Pandemie die Radikalisierung?

Viele Politiker und Journalisten haben ja hartnäckig behauptet, dass in der Pandemie wie aus dem Nichts eine Massenradikalisierung stattgefunden hätte. In meinen Augen ist das Entlastungsrhetorik. Wenn etwas plötzlich und unerwartet passiert, hat nämlich niemand einen Fehler gemacht: Niemand hat weggeschaut, niemand hat zu spät reagiert, niemand hat es sich im Alltag zu leicht gemacht. Aber wenn wir ganz ehrlich sind: Wie viele der Menschen in unserem Umfeld, die jetzt gegen Impfungen oder die Demokratie hetzen, haben schon Monate oder sogar Jahre vorher radikale Parolen von sich gegeben? Haben am Kaffeetisch gegen Menschen mit Migrationsgeschichte gehetzt, haben Antisemitismen verbreitet, haben behauptet, Ärzte wären von der Pharmaindustrie gekauft? Und wie oft haben wir diese Warnzeichen ignoriert? Die Pandemie wirkt als Beschleuniger, sie verstärkt das, was längst vorhanden ist.

ANZEIGE

Was unterscheidet Corona-Leugner von anderen extremistischen Gruppen?

Der Verfassungsschutz hat ab Ende 2020 von einem „Extremismus sui generis“ gesprochen, einem Extremismus eigener Art. Also etwas, das es so noch nicht gab. Ich glaube nicht, dass das stimmt. Wir sehen ja auf den Corona-Demos nicht ohne Grund so viele Rechtsextreme. Bei Black Lives Matter oder Fridays for Future machen die sich diese Mühe nicht. Weil sie wissen, dass ihre Parolen dort nicht auf fruchtbaren Boden fallen. Außerdem passen ja Esoterik und Impfgegnerschaft hervorragend zum Rechtsextremismus: All diese Ideologien glauben an eine naturgegebene Ordnung. In dieser Ordnung gibt es die Auserwählten, die Starken. Deren Immunsystem ist natürlich auch ganz besonders und quasi unzerstörbar. Wer in diese Schublade nicht passt, gilt als schwach, zum Tode verurteilt – mit Mitgefühl oder Rücksichtnahme kann er nicht rechnen. Die Überhöhung der scheinbaren eigenen Überlegenheit und Rücksichtslosigkeit gegenüber anderen Menschen sehen wir bei allen Formen der Radikalisierung. Das ist also nicht neu. Aber nicht alle radikalen Gruppen wenden Gewalt gegen Andersdenkende an. Seit dem Sturm auf die Reichstagstreppe sehen wir immer mehr Gewalt in der Szene, aber auch ein immer deutlicheres Bekenntnis nach rechts. Dabei werden teilweise Begriffe neu gelabelt, um sich selbst zu entlasten. Aus „Nazi“ wird zum Beispiel „nicht an Zwangsimpfung interessiert“. Rechts zu sein, wird als Notwehr geframet, als heldenhafter Widerstand in einer vermeintlichen links-faschistischen Diktatur.

Was für ein Typ Mensch läuft besonders große Gefahr, sich zu radikalisieren?

Die Radikalisierungsforschung zeigt, dass sich die allermeisten radikalen Menschen nicht von der Mehrheitsgesellschaft unterscheiden. Sie sind also weder psychisch krank noch sozial abgehängt, ungebildet oder unintelligent. Tatsächlich steigt die Gefahr, sich zu radikalisieren, je privilegierter man ist. Man bringt dann nämlich genug zeitliche Ressourcen mit, um die Idee von Widerstand oder Erleuchtung pflegen zu können. Man bringt viel Selbstbewusstsein mit, denn man ist es gewöhnt, von der Politik mitgedacht zu werden. Man bringt Geld und meist auch einen hohen Bildungsgrad mit. Das alles sind Anerkennungsgaranten in radikalen Gruppen – jedenfalls so lange man bereit ist, sich ausbeuten zu lassen. Wir sehen ja auch bei den Corona-Demos weniger die Abgehängten, Verarmten oder chronisch Kranken, sondern eher Menschen, denen es ziemlich gut geht und die es bislang einfach nicht gewohnt waren, sich für andere einschränken zu müssen. Die lassen sich natürlich eher überzeugen, dass da nur eine grausame Diktatur am Werk sein kann, wenn das Menschenrecht auf Aperol Spritz im Biergarten wegfällt.

Dana Buchzik: gibt Workshops zum Umgang mit Verschwörungserzählungen
Dana Buchzik: gibt Workshops zum Umgang mit Verschwörungserzählungen Bild: Caroline Pitzke

Auf welche Anzeichen kann man als Angehöriger oder Freund achten?

ANZEIGE

Zu Beginn einer Radikalisierung gibt es vor allem zwei auffällige Phasen: Honeymoon und Beziehungskrise. Im Honeymoon glaubt die frisch radikalisierte Person, dass sie Freunde fürs Leben gefunden hat und demnächst die Welt retten wird. Was sie vorher vielleicht belastet hat, interessiert sie nicht mehr, sie ist ja jetzt zu Höherem berufen. Der Unterschied zu einer ganz normalen guten Lebensphase ist der Missionierungsdrang. Wenn also jemand einerseits übertrieben euphorisch wirkt und andererseits ständig darüber redet, dass eine bestimmte Gruppe oder Ideologie alle Probleme der Welt lösen kann, ist Vorsicht geboten. Rechtsradikale sind da allerdings eine Ausnahme: Bei ihnen zeigt sich der Honeymoon nach außen eher als Rückzug. Die Person ist kaum noch zu erreichen, weicht persönlichen Gesprächen aus. Sie fixiert sich ganz auf ihre Gemeinschaft der Auserwählten und darauf, was diese plant. Auf den Honeymoon folgt die Beziehungskrise: Die radikale Person ist frustriert, weil die Welt sich einfach nicht retten lassen möchte, was wiederum das Narrativ der persönlichen Heldengeschichte in Gefahr bringt. Um dieses Narrativ zu retten, verstärkt die Person ihre Missionierungsversuche im direkten Umfeld und wird dabei auch aggressiv. Wenn Familie oder Freundeskreis dann widersprechen und sich auf Streit einlassen, kann das zu einem schwer reversiblen Bruch führen, weil sich die radikale Person verraten und verlassen fühlt.

Welche Rolle spielen die sozialen Medien und wie viel Sinn ergibt es, der wissenschaftsleugnenden Tante auf Plattformen wie Facebook Paroli zu bieten?

In den sozialen Medien zahlen wir in Daten und Zeit. Je länger wir online sind, desto mehr lässt sich an uns verdienen. Deswegen befeuern die Algorithmen keine ausgewogenen Inhalte, sondern das, was polarisiert, und deswegen ergibt auch Online-Gegenrede keinen Sinn: Wir können gegen Algorithmen nicht gewinnen. Wenn wir dagegenhalten, schenken wir problematischen Postings nur zusätzliche Reichweite, weil unsere Antwort als „Engagement“ registriert wird und der Inhalt noch mehr Menschen ausgespielt wird. Wenn wir die wissenschaftsleugnende Tante wirklich erreichen wollen, müssen wir uns offline Zeit nehmen.

Welches Vorgehen empfehlen Sie, wenn man merkt, dass sich enge Familienangehörige radikalisieren und den Familienfrieden nachhaltig stören?

ANZEIGE

Als Erstes: Allianzen suchen. Mit anderen Angehörigen ins Eins-zu-eins- Gespräch gehen und rückfragen: Wie geht es dir mit der Situation? Wie wollen wir gemeinsam damit umgehen? Als Zweites: Eine möglichst große Runde zusammentrommeln und gemeinsam überlegen, welche Funktion die Radikalisierung für die Person im Alltag erfüllen könnte. Was die Person früher begeistert und bewegt hat. Wie ein sinnvolles und moralisch gutes Leben für sie aussah. Was und wer ihr dabei helfen könnte, dieses Sinngefühl auch ohne Radikalisierung zu erleben. Familie und enge Freunde sind die mächtigste Allianz im Kampf gegen Radikalisierung, weil sie die radikale Person am besten kennen, und weil sie oft die einzigen sind, die bleiben, auch wenn es schwierig wird.

Kann ein Kontaktabbruch helfen oder befeuert das im Zweifel nur die Radikalisierung, weil die Person so von seinem normalen Umfeld isoliert wird?

Ein Kontaktabbruch führt meistens dazu, dass sich die radikale Person noch tiefer in die radikale Parallelwelt stürzt. Hilfreich ist er also nicht, aber er kann manchmal unvermeidbar sein. Die eigene psychische Gesundheit hat immer Priorität. In den meisten Fällen verbessert sich das Miteinander aber sofort, wenn wir es schaffen, aus dem Teufelskreis der Diskussionen und Faktenchecks auszusteigen. Sobald wir der radikalen Person zeigen, dass sie uns nicht überzeugen muss, schaffen wir einen Raum für mehr Offenheit. Jede radikale Person zweifelt. Das Leben in einer radikalen Community hat eben nichts mit den großen Versprechen des Anfangs zu tun, und im Laufe der Zeit wird es immer schwerer, das zu ignorieren. Aber solange sich die radikale Person angegriffen und bedrängt fühlt, wird sie diese Zweifel niemals zugeben. Sobald wir also bewusst deeskalierend kommunizieren, können wir einer radikalen Person gewissermaßen eine Tür zurück in die Welt öffnen.

Wissen war nie wertvoller

Lesen Sie jetzt F+ 30 Tage kostenlos und erhalten Sie Zugriff auf alle Artikel auf FAZ.NET.

JETZT F+ LESEN

Gibt es einen Punkt, von dem Deradikalisierung an unmöglich wird?

Eine Umkehr ist immer möglich. Aber natürlich wird sie schwieriger, je tiefer sich eine Person in eine radikale Parallelwelt verstrickt hat. Wenn sie zum Beispiel ihr Haus einem radikalen Gruppenführer überschrieben hat, wenn sie sich verschuldet hat, wenn sie sich vielleicht sogar strafbar gemacht hat, wird sie bei einem Ausstieg viel Unterstützung brauchen.

ANZEIGE

Wann sollte man professionelle Hilfe konsultieren?

Je früher, desto besser! Unsere schulische und politische Bildung hat riesige blinde Flecken, was Radikalisierung angeht. Deswegen wissen die meisten nicht, wie Radikalisierungsprozesse ablaufen oder wie sie deeskalierend kommunizieren können. Spezialisierte Beratungsstellen können aufklären und zeitnah Druck aus der Situation nehmen. Manchmal braucht es auch psychotherapeutische Begleitung, denn natürlich ist es eine enorme Belastung, wenn sich ein geliebter Mensch radikalisiert.

Sie schreiben, dass eine Deradikalisierung etwa dreimal so lange brauche wie die Radikalisierung. Auf die Pandemie umgerechnet, würde das bedeuten, dass es sechs Jahre dauern könnte, bis diese Menschen wieder in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind. Geht diese Rechnung auf?

Wenn wir bedenken, dass die Mitte ja nicht frei ist von Radikalisierung, sondern besonders gefährdet, und dass für die meisten Menschen der Radikalisierungsprozess lange vor der Pandemie begonnen hat, sind sechs Jahre eher knapp bemessen. Aber vermutlich wird es nach der Pandemie einfach so sein, dass die Radikalen wieder stiller werden, seltener demonstrieren, sich am Kaffeetisch zurückhalten. Das wird vielen ausreichen, um sich einzureden, das Problem hätte sich von selbst erledigt.

Das Buch von Dana Buchzik „Warum wir Familie und Freunde an radikale Ideologien verlieren – und wie wir sie zurückholen können“ erscheint am 24. Januar im Rowohlt Verlag.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Wenzel Warkentin, Natalia
Natalia Wenzel-Warkentin
Redakteurin vom Dienst bei FAZ.NET.
  Zur Startseite
Lesermeinungen
Alle Leser-Kommentare
Verlagsangebot
Verlagsangebot
Baufinanzierung
Erhalten Sie Ihren Bauzins in 3 Minuten
Französischkurs
Lernen Sie Französisch
50Plus
Serviceportal für Best Ager, Senioren & Angehörige
ANZEIGE