Reisewarnung für Spanien

„Das sind sehr schlechte Nachrichten“

Von Hans-Christian Rößler
Aktualisiert am 15.08.2020
 - 12:12
Die deutsche Reisewarnung trifft die Balearen hart: Drei Männer sitzen in Palma de Mallorca vor einem sonst leeren Lokal.
Die deutsche Reisewarnung trifft ganz Spanien hart. Die mallorquinische Hotelbranche befürchtet das Schlimmste – die Regionalregierung der Balearen will die Saison trotzdem noch nicht ganz verloren geben.

Schlimmer geht es kaum noch. Nach der deutschen Reisewarnung für Spanien steht in dem Land die Sommersaison vor dem Ende, bevor sie überhaupt begonnen hat. Am härtesten trifft es Mallorca und die Nachbarinseln, die das deutsche Robert Koch-Institut ebenfalls zum Risikogebiet erklärt hat. Dort wächst die Sorge vor einem Exodus der Urlauber, ohne die die Wirtschaft der Inselgruppe kaum überleben kann. „Das sind sehr schlechte Nachrichten“, sagte die Präsidentin des mallorquinischen Hotelverbands (Fehm), María Frontera, in einer ersten Reaktion. Schon die britische Quarantäne für Spanien-Rückkehrer, die seit Ende Juli in Kraft ist, bekamen die Inseln schmerzhaft zu spüren. Es hagelte Stornierungen. Aber die Briten stellen auf den Balearen nur die zweitgrößte Gruppe unter den Urlaubern. Die meisten kommen aus Deutschland. Im vergangenen Jahr waren 4,5 Millionen Deutsche unter den insgesamt 16,4 Millionen Besuchern.

„Die Ankünfte von Deutschen werden gleich null sein“, befürchtet María Frontera. Die deutschen Reiseanbieter TUI und DER sagten schon alle geplanten Pauschalreisen nach Spanien ab: Wer will, kann früher als geplant nach Hause fliegen – oder auf die Kanaren umbuchen. Die Inselgruppe im Atlantik ist die einzige der 17 autonomen Regionen Spaniens, die bisher nicht zum Risikogebiet erklärt wurde. Auf Mallorca, Ibiza und Menorca waren bisher nur gut die Hälfte der Hotels geöffnet. Gut ein Drittel der Betten waren belegt. Laut lokalen Presseberichten erwägen nun zahlreiche Häuser, nach wenigen Wochen schon wieder zu schließen, um die Verluste in Grenzen zu halten.

Bis Ende Juli gehörten die Balearen zu den spanischen Regionen mit den niedrigsten Infektionszahlen. Nach dem Ausbruch der Pandemie hatten sich die Inseln fast vollständig abgeschottet und schneller als andere Regionen Spaniens das Virus in Griff bekommen. Noch bevor der Ausnahmezustand aufgehoben wurde, wurde von Mitte Juni an in einem Pilotprojekt fast 11.000 deutschen Touristen die Einreise gestattet. Die verstärkte Reiseaktivität trug dazu bei, dass es auf den Balearen mehr neue Corona-Infektionen gab. Knapp zehn Prozent davon führt man auf solche „importierte“ Fälle zurück, etwa die Hälfte davon sollen Reisende vom spanischen Festland mitgebracht haben. Der größte Teil der Infizierten habe sich jedoch bei Familientreffen, Trinkgelagen und größeren Zusammenkünften auf engem Raum angesteckt – ähnlich wie auf dem Festland. Am Freitag wurden in ganz Spanien mehr als 2900 neue Fälle gemeldet. Die 7-Tage-Inzidenz liegt jetzt bei gut 58 Fällen pro 100.000 Einwohner und damit über 50, den Grenzwert des Robert-Koch-Institut. Auf den Balearen waren es zuletzt 77.

Drei von vier Arbeitsplätzen sind im Tourismus

Die balearische Regionalregierung will die Saison trotzdem noch nicht ganz verloren geben. Trotz der steigenden Zahl der Infektionen sei die Lage unter Kontrolle. Man stehe im engen Kontakt mit den Partnern in den europäischen Herkunftsländern der Touristen und arbeite daran, „die Sicherheit zu stärken und so bald wie möglich sichere Korridore wiederherzustellen“, teilte die Regierung in Palma mit. Ähnlich wie bei dem Pilotprojekt im Juni könnten dann deutsche Urlauber auf der Grundlage einer Sonderregelung wieder nach Mallorca reisen, sobald die Infektionszahlen niedrig genug sind. Immerhin sei es kein vollständiges Reiseverbot für Deutsche, heißt es beim Verband der kleinen und mittleren Hotels in PIMEM.

Wichtig sei, dass die Krankenhäuser nicht an ihre Kapazitätsgrenzen gelangt seien und viele Infizierte keine Symptome zeigten, sagt Iván Murray, der sich als Geographieprofessor an der Universität der balearischen Inseln mit dem Tourismus beschäftigt. „Es ist ein sehr harter Schlag, der die Krise noch weiter verschärft. Was folgt sind Firmenkonkurse und der Verlust von Arbeitsplätzen“, sagt Murray. Auf den Balearen sind drei von vier Arbeitsplätzen von den Urlaubern abhängig.

Die deutsche Reisewarnung trifft ganz Spanien hart. Dem Land droht wegen Corona die schwerste Wirtschaftskrise seit dem Bürgerkrieg. Gut zwölf Prozent der Wirtschaftsleistung und Hunderttausende Arbeitsplätze hängen von den Touristen ab: Knapp 84 Millionen Ausländer reisten 2019 nach Spanien. Das sind fast so viele, wie Deutschland Einwohner hat. Weltweit war Spanien nach Frankreich bisher das beliebteste Reiseland. Für die Deutschen ist es das Lieblingsland, noch vor Italien. Im vergangenen Jahr stellten die mehr als elf Millionen Deutschen nach den Briten die zweitgrößte Gruppe unter den Urlaubern. Damals gaben alleine die 18 Millionen britische Urlauber 18 Milliarden Euro aus.

Spanien ist im Westen Europas das Land mit den meisten Corona-Fällen – mehr als in Britannien, Frankreich und Italien, die viel mehr Einwohner haben. Bezieht man die Übersterblichkeit mit ein starben in dem Land mit 47 Millionen Bürgern mehr als 45.000 Menschen an den Folgen der Pandemie, die auch wieder die Hauptstadt Madrid mit neuer Wucht erreicht hat. Dort wurden innerhalb von 24 Stunden 731 Neuinfektionen registriert. Aber auch das Baskenland, mit San Sebastián ein beliebtes Touristenziel, ist betroffen. Dort hat die Regierung den gesundheitlichen Notstand ausgerufen.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Rößler, Hans-Christian
Hans-Christian Rößler
Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.
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