RKI-Chef Wieler

„Wir haben keinen vollen Überblick über die Varianten“

Von Heike Schmoll, Berlin
14.01.2021
, 16:20
RKI-Präsident Lothar Wieler sieht derzeit keine Anhaltspunkte dafür, dass sich die Virusmutanten auch in Deutschland durchsetzen. Er gesteht aber ein, dass es für ein vollständiges Bild mehr Sequenzierungen und eine umfassende Erfassung brauche.

Nach der hoffnungsvollen Prognose „am Ende des Jahres werden wir die Pandemie unter Kontrolle haben“ hat der Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI) Lothar Wieler am Donnerstag ein düsteres Bild der derzeitigen Pandemielage gezeichnet. Angesichts der Virusmutanten gebe es die Möglichkeit, dass sie zu „noch mehr Fällen in kürzerer Zeit führen“. Wieler rief dazu auf, die Kontaktbeschränkungen viel ernster zu nehmen als bisher. Für Wieler sind die derzeit geltenden Einschränkungen „kein richtiger Lockdown“, er sei weniger effektiv als der erste im Frühjahr, weil es zu viele Ausnahmen gebe und die Regeln nicht streng genug durchgesetzt würden.

Er forderte ein konsequentes Arbeiten von zuhause aus, wo immer das möglich sei. Neben vorbildlichen Arbeitgebern sieht er noch Betriebe, deren Mitarbeiter ins Büro fahren, gemeinsam zu Mittag essen oder sich mit anderen Mitarbeitern treffen würden, obwohl sie auch gut zuhause arbeiten könnten.

Wieler: Hygienekonzepte in Heimen durchsetzen

Die hohe Zahl der an oder mit dem Coronavirus gestorbenen Patienten „bedrückt mich enorm“, sagte Wieler. Am Donnerstag waren dem RKI 1244 Todesfälle gemeldet worden. Die Gesamtzahl der Toten stieg damit auf 43.881. Die meisten der an oder mit dem Coronavirus Gestorbenen befanden sich in Alten- oder Pflegeheimen. Die Hygienekonzepte in diesen Heimen durchzusetzen, sei entscheidend, sagte Wieler und verwies darauf, dass es keine Sicherheit gebe, solange Menschen dort ein- und ausgingen, also Pfleger und Betreuungspersonal.

„Wer nicht unbedingt muss, sollte im Moment nicht verreisen“, warnte Wieler im Blick auf die Virusmutanten in anderen Ländern. Doch auch die kleinen Tagesausflüge über Weihnachten fanden im vergangenen Jahr so häufig statt wie im Jahr davor, sie waren im Harz, auf Rügen und in Garmisch-Patenkirchen sogar häufiger als im Vorjahr. Das RKI betrachtet deshalb auch den 15-Kilometer-Radius als zu hoch. Im ersten Lockdown sei die Mobilität um 40 Prozent geringer gewesen als im zweiten. Die derzeitigen Einschränkungen reduzierten die Mobilität nicht wesentlich. Wieler brachte Verschärfungen ins Spiel – ob diese bei einer teilweise wahrgenommenen Corona-Müdigkeit der Bevölkerung besser wirken würden, ist aber fraglich.

Derzeit sieht Wieler keine Anhaltspunkte dafür, dass sich die Virusmutanten auch in Deutschland durchsetzen. Insgesamt sprach er von sechzehn Fällen mit der Virusmutante aus dem Vereinigten Königreich, die bisher erwiesen wurden, 15 davon hingen erwiesenermaßen mit Einreisen aus dem Land zusammen. In einem Fall gibt es noch keine genauen Erkenntnisse. Sicher ist allerdings, dass die Ansteckungsgefahr der Virusmutante aus dem Vereinigten Königreich um 50 Prozent höher liegt. Außerdem wurden vier Fälle mit der Variante aus Südafrika identifiziert, die ebenfalls mit einer Einreise aus dem Land zu erklären waren.

„Wir haben keinen vollen Überblick über die Varianten“, relativierte Wieler seine Aussage und führte den mangelnden Überblick nicht nur auf die relativ geringe Anzahl von Genomsequenzierungen zurück (im Dezember waren es nur 200 bis 250), sondern vor allem auf eine unzureichende systematische Erfassung der Ergebnisse. Der Referentenentwurf zur Genomsequenzierung des Gesundheitsministeriums, der Laboratorien und Einrichtungen zu einem bestimmten Anteil von Sequenzierungen verpflichtet und dafür sorgen soll, dass die Ergebnisse an das RKI gemeldet werden, soll in der kommenden Woche in Kraft treten. Den Rückstand gegenüber Ländern wie Dänemark oder Großbritannien wird Deutschland damit nicht aufholen.

Das bundeseigene Paul-Ehrlich-Institut, das in Deutschland die Sicherheit von Impfstoffen und biomedizinischen Arzneimitteln überwacht, hat am Donnerstag über 325 gemeldete Verdachtsfälle von Nebenwirkungen oder Impfkomplikationen im zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung eines mRNA-Impfstoffs (Biontech) berichtet, die seit Beginn der Impfkampagne aufgetreten sind. 51 davon waren schwerer.

Obduktionen sollen Klarheit bringen

Bisher wurden zehn Todesfälle nach Impfungen gemeldet. Die Fachbehörde ging aber nicht davon aus, dass ein Zusammenhang bestand. Es habe sich um Patienten zwischen 79 und 93 Jahren mit „gravierenden Grunderkrankungen“ gehandelt, die sich teilweise sogar bereits in Palliativbehandlung befunden hätten und vermutlich an ihrer Grunderkrankung gestorben seien. Obduktionen sollen zeigen, ob das zutrifft.

Außerdem hat das Institut Berichte über sechs allergische Reaktionen nach Impfungen mit den Wirkstoffen der Firmen Biontech/Pfizer und Moderna. Ein erhöhtes Risiko gebe es aber nicht. Mögliche Nebenwirkungen von Impfungen werden in Deutschland und anderen Ländern auch nach der Zulassung genau überwacht. Es gibt eine Meldepflicht für Ärzte, Fachpersonal und Hersteller. Außerdem können Geimpfte über eine App selbst über Nebenwirkungen berichten, die ausreichend gegen Falschmeldungen gesichert sein soll.

Die bisherigen Daten entsprächen dem durch die Zulassungsstudien erwarteten Bild, betonte der Präsident des Instituts, Klaus Cichutek. Beim Moderna-Impfstoff gibt es offenbar leicht erhöhte Nebenwirkungen in der Altersgruppe der bis 60 Jahre alte Geimpften. Zu den häufigsten gehören Schmerzen an der Einstichstelle, Kopfschmerzen oder Müdigkeit, die insbesondere nach der zweiten Dosis auftreten.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Schmoll, Heike
Heike Schmoll
Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.
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