So läuft das Homeschooling

„Jetzt bricht morgens wieder die Panik aus“

Von der F.A.Z.-Redaktion
11.01.2021
, 18:35
Spätestens am Montag hat für viele Schüler der Unterricht wieder angefangen – allerdings zu Hause. Wie läuft der Distanzunterricht im neuen Jahr?

Um 9.25 Uhr war das Arbeitspensum geschafft

Jetzt bricht morgens wieder die Panik aus. Vergangene Woche war das schon so, da fing in Berlin die Schule an. Der Montag verstrich noch in allgemeiner Betriebsamkeit. Es vergeht ja leicht eine Stunde, bis alle Arbeitsblätter ausgedruckt und sortiert sind. Da war mein Sohn noch voller Elan, schon im Morgengrauen stürzte er sich auf die Aufgaben. Doch bereits am Dienstag machte sich Ernüchterung breit. Um 9.25 Uhr war das Arbeitspensum geschafft, verkündete der Kleine mit unverhohlenem Stolz, während ich vor Schreck fast das Smartphone fallen ließ, mit dem ich gerade meinen eigenen Arbeitstag offiziell einläuten wollte.

Vorarbeiten ist ja aus pädagogischen Gründen eher nicht erwünscht, deshalb ist jetzt Beschäftigungstherapie gefragt: Mittags Koch-AG, am Nachmittag Sportunterricht auf dem Trampolin, die Anweisungen rufe ich zwischen zwei Telefonaten rein. Möglichst zeitnah sollten auch die Anfragen der Lehrerin bearbeitet werden, wo denn die Arbeitsnachweise der großen Tochter blieben; bis dieses Missverständnis aufgeklärt ist, vergeht die Zeit, die ich sonst in der Kaffeeküche verschwatzt hätte. Da gilt es eigene Bildungsschwerpunkte zu setzen, gerne auch mit den Profis aus Hollywood. Sollte irgendetwas aus der Pandemie eindrücklich in Erinnerung bleiben, dann die opulent verfilmten Biographien, die wir den Kindern abends auftischen. Wolfgang Amadeus Mozart, Jane Austen, Stephen Hawking: Große Geister in widrigen Lebensumständen. Das relativiert jeden Lockdown. (cbu.)

„Mein Freund muss immer zu den Nachbarn“

Unser Redakteur Marco Dettweiler hat vorgeschlagen, dass sein Sohn selbst etwas schreibt. Hier der Bericht von Mateo, zehn Jahre alt, Homeschooling-Veteran und Zehn-Finger-Schreiber:

„Ich finde das Homeschooling einerseits gut. Andererseits schlecht. Ich finde es schlecht, weil ich meine Freunde oder meine Lehrerin nicht mehr sehe. Ich finde es aber auch gut, weil ich dann die ganze Zeit zu Hause bin. Ich habe jeden Tag einen Plan, was ich alles machen muss. Darin sind Aufgaben wie Gitarre spielen, Joggen, Lesen, Puzzeln oder Schule machen. Wenn ich alle Aufgaben abgearbeitet habe, kann ich Nintendo Switch spielen oder Fernsehen gucken.

Im Homeschooling lerne ich weniger, weil in der Schule kommt ein Lehrer oder eine Lehrerin und erklärt etwas an der Tafel. Im Homeschooling nicht. Nicht jeder hat das Homeschooling, was ich habe. Meine Eltern sind nämlich auch im Homeoffice. Bei meinem Freund ist das anders. Der muss immer zu den Nachbarn rübergehen, weil seine Eltern auf der Arbeit sind.“

„Ach, hast du heute frei?“

Im Vergleich zum ersten Mal ist da jetzt viel Routine. Als Vater weiß man, wo genau auf dem Schulhof die Kiste mit den vorbereiteten Aufgaben für die jüngere Tochter steht. Die ältere Tochter trägt unterm Bademantel sicherheitshalber schon ein T-Shirt, falls bei einem der drei Klassenchats an diesem Tag vom Lehrer der Wunsch kommt, dass die Schüler die Kameras einschalten. Und weil auch der Vater einen Vormittag voller Konferenzen hat, hat er den Wochenplan der Jüngeren rechtzeitig danach durchgeschaut, ob noch irgendwelche Seiten auszudrucken sind, bevor sie ihn selbständig bearbeitet.

Und dann ist natürlich vieles doch wieder wie beim ersten Mal. Mit der linken Hand hält man sich das Telefon ans Ohr, wo die Kollegen wichtige organisatorische Dinge vortragen, mit der rechten muss man für die jüngere Tochter, die das dritte Mal angeklopft hat, ein Mathe-Video aufrufen. Auch das Gehirn agiert immer wieder zweigeteilt: den Kollegen lauschen und gleichzeitig fürs Kind bei der Übungsaufgabe am Rechner die fehlende Null eintippen, weil 865 Meter nun mal 865.000 Millimeter sind, hoffentlich stimmt das auch. Und weil Kartoffelschälen einhändig schwierig ist, stellt man später den Lautsprecher an und legt die Kollegen neben sich auf den Tisch. Das Homeschooling klappt ordentlich, das Homeoffice allenfalls leidlich und wird sich wieder bis weit in den Abend ziehen. Als am Nachmittag endlich die Ehefrau von der Arbeit kommt und einen nicht vorm Rechner, sondern gerade wieder in der Küche antrifft, sagt sie: „Ach, hast du heute frei?“ (jöt.)

Notenbesprechung in der Kälte

Der erste Tag beginnt holprig für meine Tochter, 9. Klasse. Und ungewohnt. Um 8.18 Uhr Treffen mit dem Englischlehrer auf dem Schulhof. Er gibt die Arbeit zurück. Drei-Minuten-Zeitfenster für jeden Schüler, inklusive Notenbesprechung. Es ist eiskalt. Um 9 Uhr sitzt sie zu Hause am Schreibtisch und will ihre Arbeitsaufgaben vom Schulportal runterladen. Das ist aber gerade zusammengebrochen. Pause. Was tun? Handy gucken geht immer. Nach einer Stunde kommt man wieder rein. Es kann losgehen! (ipp.)

Premiere: Unterricht per Video

Immerhin ist im Vergleich zum ersten Lockdown mit Homeschooling eine kleine Lernkurve festzustellen. Am ersten Unterrichtstag zu Hause nach den Winterferien fällt die Schulplattform des Landes Hessen zwar einige Male wegen Überlastung aus. Doch mit Geduld und mehrmaligem Einloggen kann mein Sohn, der in die sechste Klasse eines Gymnasiums in Frankfurt-Sachsenhausen geht, die Aufgaben herunterladen.

Die Kommunikation der Schule und der Lehrer könnte immer noch besser sein, doch melden sich immerhin schon zwei Lehrer am Sonntag mit Ankündigungen für die Woche. Demnach soll es sogar Unterricht per Video geben. Wow, das hat mein Sohn im ersten Lockdown von März bis Juni 2020 gar nicht erlebt. Noch nicht einmal den Versuch eines Online-Unterrichts hat es gegeben. Oder Erklärvideos, in denen Lehrer neuen Lernstoff erklärten. Am Montagmorgen haben immerhin zwei Lehrer, bei denen mein Sohn an dem Tag Unterricht hätte, pünktlich die Aufgaben für ihre Fächer ins System gestellt.

Komplett undurchsichtig bleibt allerdings immer noch, was eigentlich im Präsenzunterricht stattfindet. Denn diese Option hatte das Land Hessen den Eltern gegeben – verbunden mit dem Hinweis, dass die Schüler aber lieber zu Hause bleiben sollten. Das zweigleisige System verunsichert nicht nur mich als Mutter, sondern auch meinen Sohn. Er hat Angst, etwas zu verpassen. (ilo.)

Keine Schönschriftübungen im Schlafanzug

12.08 Uhr fühlt sich in etwa so an wie 23 Uhr. Für mich. Meine Tochter hingegen, acht Jahre, dritte Klasse städtische Grundschule, hippelt herum – gleich ist sie fertig. Obwohl wir seit ein paar Tagen immer wieder darüber reden, dass von Montag an, wie im Frühjahr, unser Esstisch wieder die Schule sein wird und gleichzeitig Mamas Schreibtisch, läuft die Sache ziemlich zäh an. Der Ferienmodus ist entschieden leichter gegen den Alltag einzutauschen, wenn die Schule in der Schule stattfindet. Die erste Debatte des Tages hatten wir im Frühjahr schon: Nein, wir machen nicht im Schlafanzug Schönschriftübungen.

Unser Homeschooling ist zu 90 Prozent analog – wie im Frühjahr auch. Die Kinder sind glücklich, einmal in der Woche an der Tür zu ihrem Klassenzimmer die Lehrerin zu treffen, wenn sie ihr neues Pensum abholen. Als wir um neun Uhr das Material in Empfang nehmen, einen sehr dicken braunen Umschlag, schaut mein Kind neidisch. Denn fast ein Drittel der Klasse ist da, weit auseinandergesetzt. Spät am Abend zuvor hatte sich herausgestellt, dass nicht alle Eltern wissen, wie es weitergeht. Manche haben die E-Mails der Schule nicht gelesen, das war schon im ersten Lockdown so. Der Klassenelternchat scheint in unserem sehr gemischten Stadtteil mit seinen sprachlichen Hürden einfach besser zu klappen.

In dem Umschlag ist für jeden einzelnen Tag Stoff, der für einen ziemlich dichten Vormittag reicht. Inklusive neuer Lerninhalte. Das Kind beharrt auf einer großen und einer kleinen Pause, ich darauf, dass die Schule bis zum Mittagessen fertig ist. Irgendwann muss ich ja auch mal konzentriert arbeiten. Das Kind ist genervt, weil ich E-Mails schreibe, während es übt.

Am ersten Tag haben wir das erste Kapitel Sachkunde zum Kalender, das mathematische Zeichen für „ungefähr“ sowie Auf- und Abrunden neu zu lernen. Dazu kommen Schön- und Rechtschreiben, eine eigene Geschichte erfinden und ein Bastelprojekt. Die von den Eltern vorkorrigierten Übungen sollen wir am nächsten Montag abgeben. In der ersten Homeschooling-Phase habe ich vier Kilo abgenommen und hatte Ringe unter den Augen. Ich bin gespannt, wie es diesmal geht. Als das Kind erfährt, dass der Geigenunterricht diesmal nicht per Skype stattfinden wird, sondern „echt“, bricht es in Jubel aus. (emm.)

So viel väterliche Unwissenheit

Montagmorgen, 7.15 Uhr: Die Große schleicht mit kleinen Augen tapfer ins Bad, derweil schlummert ihre Schwester noch weiter. Bei der einen steht kurz vor acht Uhr die erste Videokonferenz am ersten Schultag außerhalb der Schule nach den Ferien an. Und gleich Mathe, ausgerechnet! Dagegen genießt die schon ziemlich große Kleine noch eine längere Atempause. Erst nach zehn Uhr, das lässt die plötzlich einsetzende Aktivität in ihrem Zimmer erahnen, muss auch sie ran. Eine gute halbe Stunde später strahlt sie, gerade hat ihr der Lehrer ihre Halbjahresnote in Biologie verraten. War's das schon für heute? Kopfschütteln angesichts so viel väterlicher Unwissenheit. In drei anderen Fächern stellen die Lehrerinnen und Lehrer die Aufgaben über eine Software und nennen das gewünschte Abgabedatum gleich mit.

Ob sich die Mädels gut betreut fühlen? „Ja, äh, nein, relativ“, sagt die eine – „im Moment ja“, meint die andere. „Ich habe ein bisschen Angst, den Überblick zu verlieren angesichts der Aufgaben.“ Der Vater zieht eine Augenbraue hoch. Da wird doch nicht etwa ungeahnte Arbeit auf seine Liebste und ihn warten? Beide freuen sich, dass ihre Mädels die „Schule dahahm“ in Oberhessen weitestgehend geräuschlos und gut im Alleingang meistern.

Einen Haken hat das sogenannte Homeschooling im Hintergrund: Die verwendeten Computerprogramme sieht nicht jeder Datenschutzbeauftragte gern. Einer hat schon daran herumgemeckert. Motto: „Sie erfüllen ihren Zweck bestens, aber der Datenschutz könnte besser sein.“ Die Eltern freut es, dass die Schule sich auf das in diesem Fall Wesentliche konzentriert. (thwi.)

Die haben gelernt. Aber wir?

Im März waren die Bedingungen für Homeschooling nicht übel: Von der Schule durchlüftete Kinder, gut trainiert durch tägliche Aufgabenblatt-Routine. Sie hatten noch eine Kraftreserve aus dem Schneeurlaub und trafen auf einen blauäugig gutgelaunten Vater. Jetzt dagegen haben sie vier Wochen Fast-Quarantäne in den dunkelsten Wochen des Jahres hinter sich, hibbeln schon rum, wenn sie einen Din-A4-Zettel bloß von hinten sehen und würden sich gern wieder in der gewohnten Hörspiel-Fantasiewelt-Gemütlichkeit einrichten. Stattdessen warten perfekt vorbereitete Mäppchen auf sie, die mangels Drucker noch eben von der Schule abgeholt werden müssen – und ein digitales Klassenmeeting auf Big Blue Button. Während des letzten Homeschoolings hatte es neun Wochen gedauert, bis sich die Schule rührte.

Die haben also gelernt. Aber wir? Erste Lehre schon mal: Gut, dass die Schule den Kindern das Material (zu festen Zeiten) aushändigt. Aber unterschiedliche Anfangszeiten sind leider Gift. Ständig ist irgendetwas ungerecht, die Pausen lassen sich nur schlecht synchronisieren. Digitaler Unterricht: super und sogar didaktisch angelegt. Aber noch ein Videoprogramm neben Teams, Skype, Go-to-meeting und so weiter ... Auf dem Tablet will es nicht funktionieren, die Tastatur auf dem Laptop der Ehepartnerin hat die Löschtaste da, wo sonst „runterscrollen“ ist, die Lehrerin-Mail landet im Gelöschtfach. Gleichzeitig fünf aktuelle Seiten für die Zeitung planen. Und warum will das Kindergartenkind ausgerechnet dann schreiben lernen, wenn sich die Viertklässlerin gerade über den Brokkoli auf dem Küchentisch beschwert, der jetzt wieder ihr Schreibtisch ist? (pik.)

Smartphone in der Schublade

Die erste große Hürde ist die Wintermüdigkeit nach mehr als drei Wochen Ferien. Mit einer großen Tasse heißem Kakao geht es dann besser. Um kurz vor acht sitzt der Gymnasiast mit seinem großen Kopfhörer im virtuellen Zoom-Klassenzimmer. Andächtig wird der Mathelehrerin zugehört, er freut sich, seine Klassenkameraden in kleinen Fenstern auf dem Bildschirm zu sehen – die Chats nebenbei fallen aber aus. Das Smartphone haben wir wie verabredet in die Schublade verbannt. Eine knappe Stunde später startet dann der Grundschüler mit einem gut gefüllten Wochenplan auf seinem Padlet ins Jahr, angesichts der übertriebenen Datenschutzängste einiger Eltern ein echter Fortschritt.

Alles läuft stabil. Von Kollegen aus anderen Bundesländern höre ich von Systemabstürzen, in Nordrhein-Westfalen tun Moodle & Co. ihren Dienst. Als dann meine Schicht startet, kommen die Fragen – mit der Schule gibt es keinerlei Interaktion. Wir springen von Bruch- zur Dezimalrechnung, machen rasant einen Lückentext zum Wetter – und wundern uns über angebliche Alltagsworte wie Quecksilbersäule. Dann gibt es doch noch einen Systemabsturz, aber nein, der Firefox-Browser ist einfach nur lahm. Am frühen Nachmittag ist die Luft raus. Es wird mit Freunden telefoniert. Und die Mediathek erklärt, wie die alten Ägypter ihre Pyramiden bauen konnten. Morgen dann auf ein Neues. (mj.)

Der Robo-Lehrer belohnt mit Computerspielchen

Der Klassenlehrer unserer Tochter hat schon während der Winterferien für die erste Schulwoche des Jahres vorgesorgt: Seit Sonntag steht ein komplettes Distanzlernprogramm für die Grundschulklasse auf der digitalen Plattform Padlet. Dort finden Schüler und Eltern nicht nur Stundenplan, Lerninhalte und Aufgaben, sondern auch nützliche und lustige Lernvideos – zum Beispiel ein spektakuläres Chemie-Experiment mit einem Backpulver-Vulkan als Zusatzmaterial gegen Langeweile, oder Tipps für das Homeschooling. Der Lehrer hat das tolle Backpulver-Experiment vorher mit seinen eigenen Kindern ausprobiert, die begeistert waren.

Neben dem Distanzunterricht muss der Klassenlehrer übrigens auch den normalen Unterricht im Klassenzimmer für die Kinder anbieten, deren Eltern keinen Gebrauch von der Befreiung von der Präsenzpflicht machen, wie es in Hessen möglich ist. Zudem muss er wie viele andere Arbeitnehmer seine eigenen Kinder zu Hause betreuen. Beim Distanzlernen hilft daher auch Kollege Roboter in Form einer Schul-App namens Anton aus. Eine monotone Computerstimme stellt den Kindern Fragen, zu denen sie die Antworten per Tastatur eingeben können. Die Tochter freut sich, weil sie direkt sehen kann, ob ihre Antwort falsch oder richtig ist. Die App verteilt virtuelle Münzen für den Lernfortschritt. Wer genug Guthaben hat, darf dieses für ein kurzes Computerspielchen einlösen, sozusagen als Belohnung. (mfe.)

Redigieren, Schreiben, Rechnen

Man möge als Online-Leser der F.A.Z. derzeit verzeihen, falls in irgendwelchen Texten zusammenhanglos Rechenaufgaben wie 760 - 280 = 480 auftauchen sollten. Dann hat mich vielleicht meine neun Jahre alte Tochter gerade mal wieder um Hilfe gebeten. Oder besser: um Selbstbestätigung. Denn eigentlich kann sie das Minus-Rechnen mit dreistelligen Zahlen ganz ordentlich. Ich hoffe, dass es eine gute Übung für mein Rechenhirn ist, wenn ich parallel zum Redigieren und Schreiben auch noch zum Rechnen gezwungen bin. Zu Multitasking und den damit einhergehenden Folgen für das menschliche Hirn gibt es ja widersprüchliche Angaben.

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Grundsätzlich ist eine Drittklässlerin freilich noch pflegeleicht. Die Lehrerin schickt zuverlässig Aufgaben, die die weitgehend fleißige Schülerin recht motiviert abarbeitet. Von einem Unterricht mit digitaler Unterstützung sind wir indes vermutlich noch ein bis zwei weitere Lockdowns entfernt.

Das ist in der Musikschule anders, die nun auch wieder ihren Betrieb aufnimmt: Dort gibt es mittlerweile eine auch datenschutzrechtlich wohl unbedenkliche App, über die der Distanzunterricht erteilt wird. Bei den teils noch etwas schrägen Tonkreationen einer Anfängerin mit der Geige dürften die Defizite in der Übertragung der Tonqualität noch zu vernachlässigen sein. (dme.)

Erste Stunde: Ausschlafen

In der vergangenen Woche hatte mein Sohn, 18 Jahre alt, sein Portemonnaie bei einem Freund liegen lassen und fragte ihn, wann er es abholen könne. Das wäre „morgen nach 14 Uhr“ möglich, schrieb der zurück, da sei er sicher aufgestanden – dabei hatte die Schule in Rheinland-Pfalz schon vergangene Woche wieder angefangen. Wir Eltern reagierten belustigt, der Sohn verständig. Ob viele seiner Stufenkollegen jetzt so spät aufstünden, fragten wir. Die Antwort: Ja, viele. Moodle, die rheinland-pfälzische Lernplattform, sei ja gestört und daher kämen ohnehin keine Aufgaben der Lehrer an. Moodle blieb dann noch für einige Zeit außer Gefecht. Auch die Lernplattformen Mebis (Bayern), Lernsax (Sachsen) und Lernraum (Berlin) wiesen Störungen auf, zum Teil über mehrere Tage. Ob sie Opfer von Hacker-Angriffen geworden waren oder die Serverkapazität falsch berechnet wurde, auf jeden Fall konnte von lehrergeleitetem Homeschooling in vielen deutschen Haushalten keine Rede sein.

Früh aufstehen muss auch der zweite Sohn, 16 Jahre alt, nicht, zumindest nicht so früh wie in Vor-Pandemie-Zeiten. Seine Aufgaben bekam er, als Moodle nicht funktionierte, immerhin per Messenger, aber längst nicht alle seiner Lehrer interessieren sich dafür, wann und wie er sie macht. Er bekam bisher zwei Mal Feedback auf seine Aufgaben, die erste Videokonferenz in diesem Jahr ist für Ende dieser Woche geplant.

Auch im zweiten Schul-Lockdown, neun Monate nach dem ersten, gibt es noch immer kein von den Kultusministerien ausgegebenes Konzept, das die viel beschworene Bildungsgerechtigkeit gewährleistet und die Eltern durch einen sinnvollen Lernrhythmus entlastet. Es gibt keine Mindeststandards für den Distanzunterricht. Wie einfach es ist, störungssicher einen fordernden Ersatzunterricht in die Haushalte der Schüler zu bringen, machen viele einzelne Schulen vor. Die meisten setzen dabei auf feste Anfangszeiten. Man ist auf das Glück angewiesen, dass die eigenen Kinder eine solche Schule besuchen. Das ist ein untragbarer Zustand. (uweb.)

Quelle: FAZ.NET
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