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„Spanien der Balkone“

In der Musik vereint

Von Hans-Christian Rößler, Madrid
Aktualisiert am 26.03.2020
 - 17:26
„Wir akzeptieren Lied-Vorschläge“: Balkon-Sängerin in Madrid
Abends versammelt Spanien sich auf den Balkonen. Der Applaus für die Pfleger wird von Tag zu Tag länger, die Musikeinlagen werden immer kreativer. Danach kehren Stille und Angst zurück.

Erst wenn es dunkel wird, beginnt für viele Spanier der Höhepunkt des Tages. Sie öffnen ihre Fenster und gehen auf die Balkone. Jeden Abend dauert der Applaus ein wenig länger, den sie Krankenschwestern und Pflegern spenden. In Vigo im Norden des Landes glaubt jedoch ein achtzigjähriger Mann, der Beifall gelte nur ihm. Er leidet an Alzheimer, kann kaum noch reden, aber wunderbar Mundharmonika spielen.

Seine Pflegerin brachte den aus Deutschland stammenden Rentner dazu, jeden Abend am Fenster seiner Wohnung ein paar Melodien zu spielen. Die kleine Lüge rettet dem Alzheimer-Patienten den Tag. Wie ein großes Kind freut er sich über den Applaus, wie auf Videos zu sehen ist, die sich in Windeseile über das Internet verbreitet haben. Tagsüber übt er und lebt auf den Abend zu – wie Millionen seiner Landsleute.

Das „Spanien der Balkone“ hat in Krisenzeiten Tradition. Wie zuletzt auf dem Höhepunkt des Katalonien-Konflikts hängen in Madrid viele Leute spanische Flaggen auf. Seit die Spanier wegen des Coronavirus nur noch zum Einkaufen auf die Straße dürfen, sind Balkone und Fenster zu einem wichtigen Treffpunkt geworden. Nachbarn verabreden sich zur gemeinsamen Gymnastik oder zum Bingo. Auf Mallorca sangen und tanzten uniformierte Polizisten auf der Straße, um die Kinder in ihren Häusern aufzumuntern. Ein Video in den sozialen Medien zeigt, wie im Madrider Stadtteil Lavapiés Nachbarn einer Achtzigjährigen einen Kuchen vor die Wohnungstür stellen und ihr aus den Fenstern ein Ständchen singen.

Zu einer heimlichen Hymne ist ein Schlager des „Dúo Dinámico“ aus den neunziger Jahren geworden. Er heißt „Resistiré“ – ich werde widerstehen. Aus Barcelona liefern drei junge Musiker, die sich „Stay homas“ nennen (frei übersetzt: Die Daheimbleiber), jeden Tag von ihrer Dachterrasse einen neuen Song. In ihrem ersten Hit im Reggae-Rhythmus mit dem Refrain „Let’s enjoy this confination“ sang aus der Ferne eine ihrer Freundinnen mit, die sie über das Mobiltelefon einblendeten. Im Madrider Salamanca-Viertel gehört zum Ritual die Arie „Nessun dorma“ (Niemand schlafe) aus Puccinis Oper „Turandot“, die immer nach dem großen Applaus laut aus einem offenen Fenster erklingt. Kaum hat Luciano Pavarotti geendet, wird wieder geklatscht.

Ein paar Häuser entfernt beginnt wenig später ein Klavierkonzert. Mit anfeuernden Rufen versuchen die Nachbarn zu verhindern, dass das Klavier zu früh die spanische Nationalhymne anstimmt. Sie bildet immer den Abschluss, bevor sich das Fenster schließt. „Hasta mañana“ rufen sich die Menschen hoffnungsvoll zu. Danach kehren Stille und Angst zurück.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Rößler, Hans-Christian
Hans-Christian Rößler
Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.
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