Urlaubsparadies in Not

Auf Mallorca wächst die Armut

Von Hans-Christian Rößler
09.01.2021
, 15:22
Palma de Mallorca könnte schon bald ein strengerer Lockdown drohen. Hoteliers und Gastronomen haben die Saison zu Ostern schon abgeschrieben. Vor allem kleinere Unternehmen fürchten um ihre Existenz.

Francina Armengol schließt nichts mehr aus. Palma de Mallorca könnte schon bald ein neuer strenger Lockdown drohen. „Alle Vorschläge des Gesundheitsministeriums liegen auf dem Tisch“, sagte die balearische Regionalpräsidentin. Der Sehnsuchtsort vieler deutscher Urlauber wies am Donnerstag eine Inzidenz von 589 Fällen pro 100.000 Einwohner in 14 Tagen auf. Vor wenigen Tagen waren die Balearen noch der spanische Corona-Hotspot mit mehr als 600 Fällen, bevor sie von der Extremadura-Region überholt wurden. Auf den anderen Mittelmeerinseln hat sich die Lage leicht entspannt, nicht jedoch in der Inselhauptstadt. Auf Mallorca hofft man jetzt auf die Impfungen, die schneller vorankommen als zum Beispiel in Madrid und Barcelona.

Während der ersten Welle der Pandemie hatte sich die Mittelmeerinsel abgeschottet und das Virus relativ gut in den Griff bekommen. Sie verzeichnete die niedrigsten Infektions- und Totenzahlen. Im Juni lief dann auch der Tourismus wieder an. Doch seit Ende Juli nahmen die Neuinfektionen auf den Balearen deutlich zu. Das deutsche Robert-Koch-Institut erklärte die Inselgruppe Mitte August wieder zum Risikogebiet. Auf Mallorca rechnet auch zu Jahresbeginn niemand damit, dass die Urlauber bald in größerer Zahl zurückkehren.

Ein Kämpfen um das Überleben

Hoteliers und Gastronomen haben schon die Semana Santa, den ersten Höhepunkt der Saison zu Ostern, abgeschrieben – zum zweiten Mal wegen der Pandemie, die 2020 kurz zuvor ausgebrochen war. Beim mallorquinischen Hotelverband FEHM hält man es für „utopisch“, den Tourismus bis Ende März wiederaufzunehmen und blickt eher in Richtung Juni. Das könnte zu spät sein für viele kleinere Unternehmen, die seit Monaten um ihr Überleben kämpfen. In ganz Spanien sind nur die Kanaren noch stärker von den Urlaubern abhängig als die Balearen.

Auf den Balearen ist in Spanien die Wirtschaftsleistung am stärksten eingebrochen und die Arbeitslosigkeit am stärksten gestiegen: im Dezember 2020 auf mehr als 84.000 Personen ohne Job – 38 Prozent mehr als im Dezember 2019. Das ist nach Angaben der Regionalregierung der stärkste Anstieg in ganz Europa. Schlimmer hatte es die Inseln nur während und nach der Wirtschaftskrise 2008 getroffen. Fast die gesamte vergangene Tourismussaison ging verloren. Die Auswirkungen der Pandemie auf die Balearen seien „brutal“, klagt Arbeits- und Tourismusminister Iago Negueruela.

Tatsächlich sind die Folgen für viele der 1,1 Millionen Einwohner fatal. Laut einer Studie der Universität der Balearen (UIB) vom Ende des vergangenen Jahres hat sich die Zahl der Menschen verdoppelt, die in extremer Armut leben. Obwohl die staatliche Unterstützung erhöht wurde, erreichten diese Hilfen nicht einmal die Hälfte der Bedürftigen. Mehr als 320.000 Menschen seien von „relativer Armut“ bedroht und hätten Probleme, über die Runden zu kommen, obwohl sie berufstätig seien, sagte die UIB-Forscherin Maria Antònia Carbonero bei der Vorstellung der Studie. Vor dem Beginn des Winters war das praktisch schon jeder vierte Einwohner.

Wie schon im Frühjahr werden die Schlangen vor den Ausgabestellen der Tafeln wieder länger. „Die größten Probleme sind die Miete sowie die Kosten für Wasser und Strom“, sagt Begoña González von der katholischen Hilfsorganisation Caritas in Palma. Je länger die Krise und die Arbeitslosigkeit andauerten, desto schwieriger werde es, die Rechnungen zu begleichen. Ohne das staatliche Kurzarbeitergeld wäre die Lage noch viel schlimmer. Gegen Ende des vergangenen Jahres kümmerte sich allein die Caritas um mehr als 9000 Menschen. Man versorgte sie mit Nahrung oder versuchte ihnen bei der Arbeitssuche zu helfen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Rößler, Hans-Christian
Hans-Christian Rößler
Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.
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