Viele Neuinfektionen in NRW

„Wachsam beunruhigt“

Von Reiner Burger, Düsseldorf
06.08.2020
, 17:54
Ein Passagier wird am Düsseldorfer Flughafen auf das Coronavirus getestet.
In keinem Bundesland gab es in den vergangenen sieben Tagen so viele Corona-Neuinfektionen wie in Nordrhein-Westfalen. Im Düsseldorfer Gesundheitsministerium sind Fachleute noch auf der Suche nach einer Erklärung.
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Wenn das Robert-Koch-Institut (RKI) derzeit seinen täglichen Corona-Lagebericht veröffentlicht, finden sich dort stets mahnende Hinweise. Erstmals seit Mai meldete das RKI am Donnerstag wieder mehr als 1000 Neuinfizierte binnen eines Tages. „Die Zahl der täglich neu übermittelten Fälle war in den letzten beiden Wochen bereits angestiegen. Diese Entwicklung ist sehr beunruhigend und wird vom RKI sehr genau beobachtet. Eine weitere Verschärfung der Situation muss unbedingt vermieden werden“, hieß es am Donnerstag im RKI-Bericht.

Etwas gelassener äußerte sich hingegen der Virologe Hendrik Streeck im Interview mit der F.A.Z.: „Wichtiger ist es aus meiner Sicht, anhand der stationären Belegung und Intensivbettenbelegung in den Krankenhäusern das Infektionsgeschehen zu bemessen“, sagte er. Zurzeit habe man noch keine wesentliche Zunahme von schweren Coronafällen auf den Intensivstationen zu verzeichnen. Gernot Marx, Sprecher des Arbeitskreises Intensivmedizin der Deutschen Gesellschaft für Anästhesie und Intensivmedizin, erwartet aber, dass die Zahl der Fälle auf den Intensivstationen wieder zunehmen wird.

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„Neue Phase, wenn es wieder kälter wird“

Überall in Deutschland gebe es derzeit kleinere Ausbruchsgeschehen, etwa nach Feiern im Familien- oder Freundeskreis, bei religiösen Veranstaltungen in Einrichtungen für Asylbewerber oder Alten- und Pflegeheimen. Im bayerischen Landkreis Dingolfing-Landau gab es zuletzt zwei Ausbrüche unter Erntehelfern und in einer Konservenfabrik. Der Landkreis wies nach RKI-Angaben von Donnerstagmorgen mit rund 232 Infizierten je 100.000 Einwohnern aktuell auch die höchste Sieben-Tages-Inzidenz aus.

Auch der Blick auf die Länderebene gibt Anlass zur Besorgnis. Laut RKI liegt die Sieben-Tages-Inzidenz in Berlin, Hessen und Hamburg leicht und in Nordrhein-Westfalen derzeit „deutlich über dem bundesweiten Durchschnitt“. Bisher war Nordrhein-Westfalen vergleichsweise gut durch die Pandemie gekommen. Obwohl in Bayern weniger Menschen leben als in NRW, gab es seit Beginn der Pandemie im Freistaat bisher mehr Infizierte (51.582 im Vergleich zu 50.493 zu NRW). Doch aktuell verläuft das Infektionsgeschehen an Rhein und Ruhr deutlich dynamischer als in Bayern. Gab es dort in den vergangenen sieben Tagen 788 Neuinfektionen, waren es in Nordrhein-Westfalen 2127.

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Edmund Heller, Staatssekretär im nordrhein-westfälischen Gesundheitsministerium sagt der F.A.Z.: „Wir sind wachsam beunruhigt, aber Alarmismus ist nicht angezeigt.“ Absolut betrachtet seien die Infektionszahlen derzeit nicht vergleichbar mit der Pandemie-Situation im März oder April. „Es ist noch eine gewisse Sommerpause festzustellen, aber man muss damit rechnen, dass das Infektionsgeschehen eine neue Phase erreicht, wenn es wieder kälter wird.“ Wie bisher beobachte und bewerte das Ministerium mit Hilfe der Gesundheitsämter der Kreise und kreisfreien Städte und dem Landeszentrum Gesundheit die Lage intensiv, sagt Heller. Eine Erklärung dafür, warum die Sieben-Tages-Inzidenz in NRW derzeit deutlich über dem Bundesschnitt liege, habe man aber bisher noch nicht finden können.

Eine der zentralen Fragen sei, ob sich die Zunahme von Neuinfektionen in einem Kreis oder einer Stadt klar auf einen Ausbruch, auf ein Super-Spreader-Ereignis zurückführen lasse oder ob es sich um ein diffuses Geschehen handele. Ein diffuses, subkutanes Geschehen sei beunruhigender, als ein weitgehend eindeutiges Ausbruchsgeschehen, sagt der nordrhein-westfälische Gesundheitsstaatssekretär. „Bei Großgeschehen wie bei der Großschlachterei im Kreis Gütersloh oder in einem Logistiklager im Kreis Heinsberg ist es bisher gelungen, die Lage in den Griff zu bekommen, weil klar ist, wo man ansetzen muss.“

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Auffällig sei, dass in der ersten Phase der Pandemie die vielen Ballungsräume in Nordrhein-Westfalen, also etwa das Ruhrgebiet oder die Rheinschiene, vergleichsweise unauffällig gewesen seien. „Zu Beginn des Jahres hatten wir größere Ausbruchsgeschehen wie die Karnevalsfeier in Gangelt und Cluster, die sich auf Skiurlaub-Rückkehrer aus Ischgl zurückführen lassen, die dann aber schnell eingegrenzt werden konnten.“ Eine Erklärung dafür, warum es nun etwa im Ruhrgebiet steigende Zahlen gebe, habe man bisher nicht. Die Behörden seien allerorten „auf der gezielten Suche nach Erklärungen“, sagt Heller. Möglicherweise komme derzeit einiges zusammen: Reiserückkehrer, der Umstand, dass nun kontinuierlich mehr getestet werde, ein laxerer Umgang vieler Leute mit den Abstands- und Hygieneregeln, das Thema Familienfeiern.

Im Kreis Kleve jedenfalls sind sich die Behörden sicher: Dass die Zahlen dort derzeit auffällig schlecht sind, hat mit einem Hochzeitfest zu tun, bei dem sich Dutzende Gäste infizierten.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Burger, Reiner
Reiner Burger
Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.
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