Virologe im Gespräch

„Impfungen darf man keinesfalls verschleppen“

Von Christian Geinitz
Aktualisiert am 18.04.2020
 - 13:05
Die Corona-Krise zeige, wie wichtig Impfungen sind, meint Thomas Mertens vom Robert-Koch-Institut.
Der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission am Robert-Koch-Institut empfiehlt eine Grippe-Impfung nun mehr denn je – man müsse eine Überlappung mit Covid-19 dringend vermeiden, sagt er im Interview.

Herr Mertens, die ganze Welt hofft auf einen Corona-Impfstoff. Erhöht die Pandemie die Bereitschaft in Deutschland, sich auch gegen andere Krankheiten impfen zu lassen?

Ich bin überzeugt, dass den Menschen durch die Corona-Krise die Bedeutung von Impfstoffen ins Bewusstsein rückt. Viele verstehen jetzt, wie gefährlich solche Infektionen sind, und dass man sich nur durch Impfungen dauerhaft dagegen schützen kann.

Gibt es schon steigende Impfzahlen?

Bei der Pneumokokken sehen wir einen Zusammenhang. Seit den Risikogruppen empfohlen wurde, sich dagegen impfen zu lassen, weil sie in der Corona-Epidemie doppelt gefährdet sind, sind die Impfzahlen stark gestiegen.

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Zwischenzeitlich war sogar der Pneumokokken-Impfstoff vergriffen.

Ja, der Hersteller hat in zwei Wochen so viel abgesetzt wie sonst in einem halben Jahr. Um die Lage zu entspannen, wurden 300.000 Dosen, die nach Japan geliefert worden waren, nach Deutschland zurückgelenkt. Damit ist der Versorgungsengpass vorerst abgemildert.

An Covid-19 sind in Deutschland bisher etwa 4000 Personen gestorben. Die Influenza kann auch sehr gefährlich werden, in der Saison 2017/2018 kostete sie schätzungsweise 25.000 Deutschen das Leben, im Jahr zuvor waren es 22.000. Werden sich jetzt mehr Menschen gegen die Grippe impfen lassen?

Das hoffe ich sehr, denn leider ist die Impfbereitschaft bei Influenza rückläufig. In der besonders gefährdeten Gruppe der über Sechzigjährigen lassen sich nur 35 Prozent der Leute impfen. Dabei beträgt das Ziel der EU 75 Prozent und steht auch so im deutschen Nationalen Impfplan.

Warum ist die Grippeimpfung diesmal besonders wichtig?

Weil wir – wie bei den Pneumokokken – unbedingt vermeiden müssen, dass sich Covid-19 mit der Influenza überlappt. Das könnte für die vulnerablen Gruppen gefährlich werden.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat die Zusammensetzung des Impfstoffs für die Grippewelle 2020/2021 inzwischen festgelegt, im Sommer wird er hergestellt, im Herbst ist er verfügbar. Wird Deutschland genügend abbekommen?

Dafür müssen wir unbedingt sorgen, der Markt für Influenzaimpfstoffe ist ja ein globaler. Gerade weil die wünschenswerte Möglichkeit besteht, dass sich viel mehr Menschen gegen Influenza impfen lassen als früher, muss die Verfügbarkeit des Impfstoffs gewährleistet sein.

Was ist zu tun?

Ich appelliere an die Ärzte, ausreichend viele Impfstoffdosen zu bestellen, und an die Produzenten, genügend Impfstoff herzustellen. Mit einer entsprechenden Bitte habe ich mich auch an die „Nationalen Lenkungsgruppe Impfen“ gewandt. Wir müssen eine Kampagne starten, damit sich die vulnerablen Gruppen, die bei Influenza und Covid-19 praktisch deckungsgleich sind, unbedingt gegen Grippe impfen lassen. Aber dann darf uns natürlich nicht der Impfstoff ausgehen.

Welche anderen Impfungen sind nötig?

Wer viel in der Natur ist, sollte sich in bestimmten Gegenden gegen FSME impfen lassen, die von Zecken übertragen wird. Bei der Tetanus-Auffrischung sollten man auch eine Komponente gegen Pertussis denken, weil die Immunität gegen Keuchhusten nicht unbegrenzt dauert.

Und bei Kindern?

Da könnten wir wegen Corona einen gegenteiligen Effekt haben, das bereitet mir einige Sorgen. Es besteht durchaus die Gefahr, dass Eltern die unbedingt nötigen Standardimpfungen ihrer Kinder verschieben oder ganz weglassen, weil sie sich aus Angst vor der Virusinfektion nicht in die Praxen trauen. Ich verstehe das bis zu einem gewissen Grad, aber die Kinderärzte haben sich so organisiert, dass die Ansteckungsgefahr minimiert ist. Impfungen darf man keinesfalls verschleppen, das wäre fahrlässig.

Professor Dr. Thomas Mertens, Jahrgang 1950, ist Ordinarius für Virologie an der Universität Ulm und Ärztlicher Direktor des Instituts für Virologie des dortigen Universitätsklinikums sowie Vorsitzender der Ständigen Impfkommission am Robert-Koch-Institut.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Geinitz, Christian
Christian Geinitz
Wirtschaftskorrespondent in Berlin
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