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Soziale Distanz

„Mein 16-jähriges Ich ginge bestimmt zu einer Corona-Party“

Von Sophie Rebmann
Aktualisiert am 23.03.2020
 - 11:36
In Stuttgart gingen am Donnerstag viele Menschen trotz Warnungen in den Park.
„Marie, findet die Party heute statt?“ – „Marie, sollen wir trotzdem kommen?“ Im Interview erklärt Marie, warum sie vor einer Woche eine Geburtstagsparty feierte – und trotz Corona nicht absagte.

Marie – wie wir Sie nennen sollen –, am Samstag vor einer Woche sind Sie 28 Jahre alt geworden und haben eine Party gefeiert – obwohl da schon dazu aufgerufen wurde, unnötige soziale Kontakte zu meiden.

Für mich stand nicht in Frage, ob ich feiern werde. In der Woche zuvor sind alle noch normal zur Arbeit gegangen. In unserem Bundesland war noch nicht einmal absehbar, dass die Schulen schon am Montag schließen würden. Man wusste zwar schon, wohin die Reise geht, aber ich dachte: Wenn am Montag alle zur Schule und zur Arbeit gehen, dann kann ich am Samstag auch mit 20 Leuten Geburtstag feiern.

Ausgerechnet in der Corona-Zeit?

Ich weiß nicht, warum, aber alle haben mir gesagt: „Marie, du musst dieses Jahr Geburtstag feiern.“ Das ging schon im Januar los. Ich habe dann im Februar alle eingeladen und mir viele Gedanken gemacht. Ich wollte ein Curry kochen, habe einen Reiskocher organisiert und richtig viel dafür eingekauft, ich habe ja über 20 Leute eingeladen.

Es gab gar keine Zweifel im Vorfeld?

Meine Schwester kam mit ihrem Freund zum Brunchen vorbei. Er wollte nicht, dass wir in einem Café brunchen gehen. Aber mein Freund hat dann einfach Brötchen geholt, und wir haben daheim gebruncht. Und während wir gebruncht haben, kam die erste Nachricht auf Whatsapp. Freunde, die aus einer anderen Stadt kommen wollten, haben gefragt: „Feierst du noch, Marie? Sollen wir kommen?“ Da hat es bei mir angefangen zu rattern.

Was haben Sie geantwortet?

Meine Gäste wollten, dass ich ihnen die Entscheidung abnehme und die Verantwortung übernehme. Das wollte ich aber nicht. Ich habe ihnen gesagt: „Ihr müsst das wissen. Ich freue mich voll, wenn ihr kommt, aber wenn euch das zu gefährlich ist, verstehe ich das voll und bin euch nicht böse.“

Und dann war klar: Es findet statt?

Den ganzen Nachmittag über kamen weitere Nachrichten mit Fragen von Freunden. Fast hätte ich abgesagt. Die erste Freundin, bei der ich anrief, hat aber gesagt: „Du kannst deine Geburtstagsparty absagen, aber wir kommen trotzdem!“ Besonders traurig war nur, dass meine beste Freundin nicht dabei war. Sie hat am Samstagnachmittag angerufen und mir gratuliert und dann gesagt: „Ich muss dir was beichten.“ Ein paar Tage davor hatte sie mit einem Typen gekocht, der danach Fieber bekam. Weil er im Krankenhaus arbeitet, wurde er gleich auf Corona getestet. Aber das Ergebnis war noch nicht da, deshalb ist sie auch daheimgeblieben. Da war ich kurz voll enttäuscht. Ich weiß aber, dass es in jedem Fall besser war, dass sie nicht kommt. Bis zu dem Zeitpunkt galt für mich immer die Devise: Wer nicht in einem Risikogebiet war oder mit jemandem Kontakt hatte, der Corona hat, kann andere Menschen treffen. Vier weitere Menschen haben noch abgesagt, weil es ihnen zu heikel war oder sie erkältet waren.

Waren die Gäste dann angespannt?

Als die Ersten kamen, war es ein bisschen komisch, weil wir nicht richtig wussten, wie wir uns begrüßen sollen. Ein paar wollten mich nicht umarmen, die haben mir dann mit dem Ellbogen hallo gesagt. Man weiß gerade nicht so richtig, wie der andere eingestellt ist. Eine Freundin kam später. Ich habe sie begrüßt mit: „Voll schön, dass du da bist.“ Als sie nur geantwortet hat: „Ja, warum nicht?“, hat sich herausgestellt, dass sie die Einzige war, die sich überhaupt keine Gedanken gemacht hat. Alle anderen haben zumindest kurz überlegt, ob sie das machen wollen.

Und wie war es dann auf der Party?

Wir haben erst Curry gegessen und getrunken. Gegen 24 Uhr, als alle schon einen sitzen hatten, sind zwei Paare gegangen, die sich, glaube ich, nicht so wohl gefühlt haben. Dann wurde es richtig kuschelig: Ich habe eine Karaokemaschine zum Geburtstag bekommen, und wir haben bis fünf Uhr nachts zusammen gesungen, getrunken und getanzt. Irgendwann gab es Schnaps. Weil wir nicht genug Gläser hatten, haben wir zusammen aus den Gläsern getrunken.

Wenn da jemand infiziert gewesen wäre, hätten sich sicher alle angesteckt. Deswegen ärgern sich viele über solche Partys während Corona-Zeiten. Können Sie das verstehen?

Auf jeden Fall. An diesem Samstag war aber eine andere Situation, weil das mit der Isolation gerade erst losging und die Zahlen der Infizierten noch geringer waren. Aber wenn ich an mein 16-jähriges Ich denke: Ich wäre bestimmt bei einer Corona-Party dabei! Als junger Mensch ist man ja rebellisch drauf, und wenn man dann frei hat und so eine besondere Situation herrscht, ist natürlich das Erste, was einem in den Kopf kommt, zu feiern. Ich hätte sicher auch gesagt: „Geil, uns kann ja nichts passieren!“ Ich bin nicht sauer auf Menschen, die weiterhin feiern, ich will diese Menschen auch nicht fertigmachen. Die sind einfach jung und gesund und haben noch nicht den Weitblick. Alle lernen ja gerade erst nach und nach, wie ernst die Situation ist. Ein paar Tage später hätte ich meinen Geburtstag nicht mehr gefeiert, und ich sitze jetzt auch daheim.

Haben Sie sich nach der Party Gedanken gemacht, ob das so richtig war?

An dem Tag selbst nicht. Aber in der Woche danach dachte ich: „Vielleicht hätte ich es besser nicht machen sollen?“ Aber: Niemand der Party-Gäste hat zum Glück Symptome! Also ist alles noch einmal gutgegangen.

Und der Geburtstag wird für immer der „Corona-Geburtstag“ bleiben?

Ich werde mich auf jeden Fall an das Hin und Her an meinem Geburtstag erinnern und die Frage: Soll ich jetzt feiern oder nicht? Als die Party dann endlich angefangen hat, war sie besonders schön: Alle haben es so noch einmal so richtig genossen, dass wir zusammen getanzt, gegessen und gefeiert haben. Die Clubs und Bars waren ja alle schon geschlossen. Als es dann fünf Uhr wurde, dachte ich: „Hä, Leute, ihr könnt nicht für immer bleiben?“ Wir mussten sie so richtig rausschmeißen.

Quelle: F.A.S.
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