Umgang mit der Pandemie

Das Leben geht weiter, nur anders

Von Florentine Fritzen und Friederike Haupt
15.03.2020
, 12:42
Ein leeres Klassenzimmer in Hannover.
Deutschland ist im Ausnahmezustand. Vieles wird neu geregelt: in Schulen, Kliniken, Bussen, überall.

Deutschland wappnet sich gegen das Virus. Das öffentliche Leben kommt weitgehend zum Erliegen. Für wie lange? Der bayerische Ministerpräsident Söder sagte am Donnerstag, die nächsten fünf Wochen seien entscheidend, danach werde man sehen.

Viele Einrichtungen bleiben erstmal geschlossen bis zu den Osterferien. Doch auch danach ist eine Rückkehr zum Alltag unwahrscheinlich. Politiker und Wissenschaftler sehen mit Sorge, dass sich das Virus – anders als zunächst erhofft – auch bei steigenden Temperaturen weiterverbreitet. Dennoch könnte sich der Jahreszeitenwechsel günstig auswirken.

Neue Gewohnheiten helfen

Eine „komplette Entspannung“ im Frühling und Sommer sei aber nicht zu erwarten, sagt Sandra Ciesek, Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie an der Universität Frankfurt. Andererseits legten Daten aus China nahe, dass die Anzahl der Neuinfektionen nach dem Überschreiten des Höhepunktes langsam und kontinuierlich zurückgehe. Helfen könnte auch, dass immer mehr Menschen neu antrainierte Angewohnheiten beibehielten: Abstand halten, bei Krankheit zu Hause bleiben und häufig die Hände waschen. Aber erst einmal gilt: abwarten.

Viele Bürger, die das besorgt, horten jetzt Lebensmittel zu Hause. Ist das nötig? Das Bundesernährungsministerium fragt derzeit mehrmals in der Woche beim Handel nach, wie die Lage ist. Weder die Produktion noch die Lieferketten seien gestört. Die Bundesregierung empfiehlt eigentlich auch unabhängig von Corona, zu jeder Zeit für zehn Tage genug Vorräte im Haus zu haben – weil man eben nie weiß, was kommt.

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Während das bisher viele ignorierten, berichten jetzt die Mineralwasserverbände, dass nicht genug Pfandflaschen zum Auffüllen zurückkommen, weil so viele Getränkekästen in privaten Garagen eingelagert sind. Und es decken sich so viele Menschen mit Nudeln und Mehl ein, dass Regale zeitweise leer bleiben, was wiederum neue Hamsterinstinkte weckt.

Ausfälle in der Produktion von Lebensmitteln gibt es derzeit dem Ministerium zufolge nicht. Doch man sorgt sich um Verschwendung, wenn nur kurz haltbare, gehamsterte Waren weggeworfen werden. Auch im Ministerium von Julia Klöckner heißt es, man könne eben nur die derzeitige Lage betrachten, alles andere sei spekulativ.

Teile aus China werden nicht geliefert

Dasselbe hört man aus dem Wirtschaftsministerium. Dort wird mittelfristig eine angespannte Situation vor allem für die Elektro- und für die Autobranche erwartet. Auch Unternehmen, die mit Elektrotechnik und Maschinenbau ihr Geld verdienen, müssen mit Problemen rechnen, weil Teile aus China nicht wie sonst zugeliefert werden. Unternehmen versuchten jetzt, manches mit Lagerbeständen auszugleichen oder Lieferanten in anderen Ländern zu finden.

Schneller zeigen sich die Folgen der Pandemie an Schulen und Kitas. Diese bleiben von nächster Woche an in allen Bundesländern geschlossen. Für Schulleiter, Lehrer und Eltern herrschte am Wochenende große Unklarheit darüber, wie es weitergeht. Hessische Lehrer konnten den Schülern beim Abschied am Freitagmittag noch nicht sagen, ob sie einander am Montag oder erst nach den Osterferien wiedersehen, weil es noch keinen Beschluss gab. Also wurden vorsichtshalber alle Bücher und Hefte aus den Fächern geräumt und eingepackt.

Nachmittags folgten E-Mails der Klassenlehrer und Schulleitungen an die Eltern mit Informationen, über welche digitale Plattform, zum Beispiel Moodle, künftige Aufgaben im Fall des Falles abrufbar seien, da eine Schließung als wahrscheinlich galt. Viele dieser Mails endeten mit den Worten: „Bleiben Sie gesund!“ Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier gab dann am frühen Freitagabend bekannt, dass Hessen den regulären Schulbetrieb aussetzt.

Schüler sollen Stoff wiederholen

In anderen Bundesländern war das schon früher klar. So auch im Saarland. An der Ganztags-Grundschule „Im Vogelsang“ bekamen die Kinder am Freitag fertige Hefter mit Lernplänen für drei Wochen in die Hand, bis zum Beginn der Osterferien. Wer fehlte, bekommt das Material per Mail. Die Kinder sind an die Arbeit mit solchen Plänen gewöhnt, sagt Schulleiterin Petra Gitzinger. An ihrer Schule wird auch normalerweise mit Wochenplänen gearbeitet – bloß im Unterricht.

Größere Sorgen macht sich die Schulleiterin über die Frage der Betreuung ihrer Schüler. „Wenn ich eine Notgruppe einrichte, kommen zwei Drittel der Kinder“, sagt Gitzinger. Ministerpräsident Tobias Hans von der CDU hat zwar eine Notbetreuung versprochen. Gleichzeitig darf nach einem Schreiben der Behörden an die Schulen, das Gitzinger am Freitag erhielt, zumindest in den Schulgebäuden gar keine Betreuung mehr stattfinden. Wie es weitergeht, wusste die Schulleiterin am Freitagnachmittag nicht.

Vor dem Betreuungs-Problem steht Schulleiter Christian Zitzl immerhin nicht. Wer von den 550 Schülern seines Gymnasiums in Passau am Montag trotz der Schließung zur Schule kommt, wird Lehrer antreffen, die mit ihnen üben. Aber Zitzl rechnet damit, dass bloß eine Handvoll Schüler kommt, vor allem jüngere. Die anderen sollen zu Hause lernen.

Die Schule ist nicht an das in diesen Tagen ziemlich überlastete Mebis-System des bayerischen Kultusministeriums angeschlossen, auf dem die Schulen Material hochladen können. Zitzl nutzt dafür die Homepage der Schule. Und die Schüler mussten am Freitag alle Bücher mit nach Hause nehmen. „Das wird jetzt eine Phase, in der hauptsächlich wiederholt wird“, sagt der Schulleiter. „Was im Alltag ohnehin oft zu kurz kommt.“

Auch der Semesterbeginn an den Hochschulen wurde in den meisten Bundesländern verschoben. In vielen Behörden wird der Betrieb fortgeführt, aber mit Einschränkungen. Damit das möglich ist, gibt es Notbetreuung für die Kinder bestimmter Berufsgruppen, etwa Richter, Polizisten, Apotheker und medizinisches Personal. Gesundheitsämter von Landkreisen empfehlen, offenkundig erkältete Besucher bei Veranstaltungen nicht zuzulassen. Kreisverwaltungen schränkten den persönlichen Kundenverkehr so weit wie möglich ein.

Krankenhäuser wollen keine Besucher

Bürger sind aufgerufen, Ämter nur in dringenden Angelegenheiten zu betreten, die persönliches Erscheinen erfordern. Ein Amtsrichter in Hagen ordnete für seine Verfahren Atemschutzmaskenpflicht an. Mancherorts werden Planungen geändert: So bleiben Menschen, die in Berlin wegen nicht gezahlter Geldstrafen in Haft müssen, wegen der Coronakrise vorerst verschont. Die Strafe wird um vier Monate aufgeschoben.

Viele Krankenhäuser und Altenheime bitten Angehörige darum, nicht zu Besuch zu kommen. Manche verbieten Besuche ganz. Andere lassen noch einen Besucher pro Tag und Patient zu. Ausnahmen können in Einzelfällen abgesprochen werden; es gibt auch Kliniken, die Kinder- und Palliativstationen von der neuen Regel ausnehmen. Doch insgesamt gilt: Besucher sollen Patienten nicht gefährden; diese sind ohnehin geschwächt, und die Träger des Virus zeigen häufig keine Symptome. Außerdem will man Schutzressourcen sparen, zum Beispiel Schutzkleidung, die Besucher auf der Intensivstation tragen müssen.

Manche Kliniken testen ihr Personal jetzt regelmäßig auf Corona. Für alle ist entscheidend, dass Mitarbeiter Platz und Zeit bekommen, Hygienevorschriften zu erfüllen. Beim Versuch, Risiken zu vermeiden, stoßen die Krankenhäuser an die Grenzen des Möglichen: So sind Fälle bekannt, wo Eltern, die ihre Kinder auf der Frühchenstation besuchen, zu Anfang einmal auf Corona getestet werden, aber bei weiteren Besuchen an anderen Tagen dann nicht mehr.

Deutsche Bahn hilft bei Tickets

Die öffentlichen Verkehrsmittel fahren unterdessen weiterhin. Die Deutsche Bahn sieht sich als Teil der Grundversorgung und will daher den Betrieb möglichst ohne Einschränkungen aufrecht erhalten. Dabei hat sie sogenannte Sonderkulanzregeln veröffentlicht. Wer schon ein Ticket hat, kann die Fahrkarte unter Umständen in einen Gutschein umwandeln oder sich das Geld zurückzahlen lassen. Die Zugbindung für viele Tickets, auch solche, die zu Sparpreisen verkauft wurden, soll aufgehoben werden. Das solle dazu beitragen, dass Menschen sich nicht gedrängt fühlten, ihr Ticket zu nutzen, wenn sie derzeit lieber zu Hause blieben oder es ihnen gesundheitlich nicht gut gehe, sagte eine Sprecherin der Bahn.

Über die neuen Regeln informiert die Bahn auf ihrer Internetseite. Außerdem hat sie Vorkehrungen getroffen, um Reisende und Personal in Zügen zu schützen. Dazu zählt zum Beispiel ein Verfahren, das in Kraft tritt, wenn ein Passagier auffällt, der die typischen Symptome zeigt. Bisher, so die Bahnsprecherin, wurden fünf- oder sechsmal Züge wegen solcher Fälle angehalten, es sei aber bislang kein Verdachtsfall bestätigt worden. Intern wurden die Mitarbeiter gebeten, alle nicht dringend nötigen Dienstreisen und Schulungen zu verschieben.

In vielen Städten verkaufen Busfahrer keine Tickets mehr, Fahrgäste dürfen nur noch hinten ein- und aussteigen. Auch werden mancherorts Fahrzeuge abends aufwendiger gereinigt als bisher. So will etwa die Verkehrsgesellschaft Frankfurt am Main von kommender Woche an neuralgische Stellen wie Haltestangen, Schlaufen oder Türknöpfe innen und außen mit einem viruziden Reinigungsmittel desinfizieren. Eine dauerhafte Desinfizierung sei allerdings „nicht realistisch“, hieß es.

Möglichst kein Bargeld anfassen

Lokale Verkehrsbetriebe haben wie auch die Deutsche Bahn Notfallpläne, die dann wichtig werden, wenn viele Mitarbeiter ausfallen, zum Beispiel während der winterlichen Grippewellen. Denkbar ist, dass Fahrten ausfallen müssen, wenn deutlich mehr Personal krank würde. Aus mehreren Städten heißt es, man wolle aber den Normalbetrieb so lange wie möglich aufrecht erhalten, allein schon, damit medizinisches Personal zur Arbeit fahren kann. Berlins Regierender Bürgermeister Müller von der SPD sagte, man wolle den Betrieb an die verringerte Nachfrage anpassen. Es führen jetzt weniger Menschen auf Veranstaltungen oder zur Schule.

Besonders dicht an ihren Kunden sitzen Taxifahrer. Auch sie stellen sich auf die neue Lage ein. Der Taxiverband Hessen etwa hat seinen Fahrern empfohlen, Fahrgäste, die Corona-Symptome zeigen, anzusprechen und Hilfe anzubieten. Außerdem sollten sie für gute Belüftung in den Fahrzeugen sorgen; das raten Virologen grundsätzlich für alle geschlossenen Räume. Die Stellen im Wagen, die der Fahrgast berührt hat, sollen Taxifahrer, wenn es geht, desinfizieren.

Und schließlich sei angeraten, dem Fahrgast bargeldlose Zahlung vorzuschlagen. Der solle auch selbst seine Karte in das Lesegerät stecken. Zugleich könne man sich nicht vollkommen schützen, sagt der Vorsitzende des Hessischen Taxiverbandes. Taxis seien Verkehrsmittel, in denen der Fahrgast sich besonders wohlfühlen solle: „Da können wir ihn nicht mit der Grillzange anpacken.“

Auch Museen, Bibliotheken, Volkshochschulen und Zoos bleiben in vielen Städten geschlossen. Zahlreiche Gottesdienste wurden abgesagt. Wie auch in vielen Büros, die die Arbeit nun ins Home-Office verlegen, setzen manche Kirchen und Kultur-Veranstalter auf die Möglichkeiten des Digitalen.

So bieten etwa die Berliner Symphoniker eine „Digital Concert Hall“ im Internet an; dort stellen sie mehr als sechshundert Konzerte online. Auch ein Geisterkonzert ohne Zuhörer im Saal wurde von dem Orchester diese Woche gestreamt. Ein ähnliches Konzert hatte es Tage zuvor in der Kölner Philharmonie gegeben. Autoren verlegen ihre Lesungen ins Internet, auch wenn sie da keinen Eintritt verlangen. Aber lieber machen sie im Internet weiter als gar nicht.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Fritzen, Florentine
Florentine Fritzen
Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.
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