Das letzte Mittel

Bahr erwägt Impfpflicht gegen Masern

Von Peter-Philipp Schmitt
02.07.2013
, 16:29
Eintrag im Impfbuch: Allein im ersten Halbjahr wurden in Deutschland mehr als 900 Fälle von Masern gezählt
Eine Impfpflicht will niemand in Deutschland, doch gegen Masern wäre sie denkbar. Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) spricht erstmals wieder über eine solche Zwangsmaßnahme.
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Die körperliche Unversehrtheit ist ein hohe Gut. Sie zählt zu den Grundrechten eines jeden Menschen in Deutschland und ist im Grundgesetz unter Artikel 2 Absatz 2 Satz 1 niedergelegt. Dort heißt es: „Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit.“ Das schließt medizinische Eingriffe mit ein. Niemand kann gegen seinen Willen oder gegen den Willen seiner Eltern operiert oder geimpft werden, selbst wenn er damit nicht nur das eigene, sondern auch das Leben anderer gefährdet.

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Allerdings gilt das Grundrecht nicht in jedem Fall. Das Infektionsschutzgesetz, das Gesetz zur Verhütung und Bekämpfung von Infektionskrankheiten beim Menschen, ermächtigt in seinem Paragraphen 20 Absatz 6 das Bundesministerium für Gesundheit, „durch Rechtsverordnung mit Zustimmung des Bundesrates anzuordnen, dass bedrohte Teile der Bevölkerung an Schutzimpfungen oder anderen Maßnahmen der spezifischen Prophylaxe teilzunehmen haben, wenn eine übertragbare Krankheit mit klinisch schweren Verlaufsformen auftritt und mit ihrer epidemischen Verbreitung zu rechnen ist“. Ausdrücklich heißt es weiter, dass das Grundrecht der körperlichen Unversehrtheit „insoweit eingeschränkt werden“ kann.

Zu geringe Fortschritte bei Masern

Eine Impfpflicht gab es in Deutschland noch bis 1983 - und zwar gegen Pocken. Nur mittels groß angelegter Impfkampagnen auf der ganzen Welt war es möglich, die für den Menschen so gefährliche Infektionskrankheit auszurotten. 1980 konnte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Welt für pockenfrei erklären, seither muss gegen Pocken nicht mehr geimpft werden. Seither gibt es in Deutschland auch den Konsens, dass eine Impfpflicht wie es sie in vielen Ländern für bestimmte Krankheiten weiterhin gibt - zum Beispiel in den Vereinigten Staaten - nicht gewünscht ist. Dass ein Bundesgesundheitsminister nun im Zusammenhang mit Masern erstmals wieder über eine solche Zwangsmaßnahme spricht, liegt auch daran, dass gerade bei dieser von vielen Deutschen unterschätzten Krankheit zu geringe Fortschritte erzielt werden.

Eine Impfpflicht gab es in Deutschland noch bis 1983 - und zwar gegen Pocken
Eine Impfpflicht gab es in Deutschland noch bis 1983 - und zwar gegen Pocken Bild: dpa

Seit 1984 ist es das erklärte Ziel der WHO, die Masern zu eliminieren. Doch gerade in Europa und nicht zuletzt auch in Deutschland kommt es immer wieder zu großen Ausbrüchen - auch in diesem Jahr wieder. Allein im ersten Halbjahr wurden in Deutschland mehr als 900 Fälle gezählt, jeder dritte Erkrankte musste stationär in einem Krankenhaus behandelt werden. Damit zählte das Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin in den ersten sechs Monaten schon mehr als fünf Mal so viele Krankheitsfälle wie im ganzen Jahr 2012 (165). Allerdings hatte es 2011 auch noch 1608 Masernfälle in Deutschland gegeben. Fast 85 Prozent der in diesem Jahr Infizierten waren ungeimpft, bei den verbleibenden 15 Prozent haben die meisten nur eine Impfdosis der seit 1991 empfohlenen zwei Dosen erhalten.

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Masern können tödlich verlaufen

Vor allem Jugendliche und junge Erwachsene erkranken, weil sie keinen genügenden Impfschutz haben. Die Jahrgänge nach 1970 verfügen oft nicht über einen Schutz, in den neunziger Jahren sank die Impfbereitschaft besonders in Baden-Württemberg und Bayern, aber auch in großen Städten wie Berlin. So erklären sich auch die beiden großen Ausbrüche in den vergangenen Monaten in Berlin und München, die Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) nun auf den Plan gerufen haben. Er ist durchaus nicht für eine Impfpflicht, die Diskussion darüber aber sieht er kommen, falls alle anderen freiwilligen Maßnahmen weiterhin nicht greifen und es zu einer Masernepidemie kommt.

Masern können tödlich verlaufen. Zu den Komplikationen gehören Mittelohr-, Lungen- und Gehirnentzündungen. Auch in Deutschland verläuft im Durchschnitt eine von 1000 Erkrankungen durch das Masernvirus tödlich. Masern sind hochansteckend, eine Person kann für einen Ausbruch mit Tausenden Fällen verantwortlich sein: 2009 exportierte ein Infizierter die Masern aus Deutschland nach Bulgarien, dort löste er einen Ausbruch mit mehr als 24.000 Erkrankten aus, 24 Infizierte starben.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Schmitt, Peter-Philip
Peter-Philipp Schmitt
Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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