Debatte über Feuerwerk

Böllerei mit Nebenwirkungen

Von Julia Anton, München
28.12.2018
, 08:10
Alle Jahre wieder: Feuerwerk über der Frankfurter Innenstadt - von der Alten Brücke aus gesehen.
Feinstaub, Müll und Verbrennungen: Eine Initiative in München warnt vor den Risiken des Silvesterfeuerwerks – und fordert ein Ende der privaten Böllerei. Der Industrie gehen die Verbote dagegen jetzt schon zu weit.

Es rumst und kracht, der Himmel ist bunt erleuchtet und die Luft erfüllt von Rauch: So kennt man den Silvesterabend. Ginge es nach Jürgen Schmoll, würde man vor allem Sektgläser klirren hören, könnte bei klarem Wetter vielleicht ein paar Sterne sehen – und die Luft wäre sauber.

Der 75 Jahre alte Münchner engagiert sich mit zwei weiteren Aktivisten in der Initiative „Silvesterböllerei – nein danke“. Ihr Ziel: kein privates Feuerwerk mehr an Silvester. „Wir sind keine Spaßbremsen“, sagt Schmoll. Aber muss wirklich jeder Nachbar das neue Jahr mit dem fünfzigteiligen Böllerpack für 1,99 Euro vom Discounter begrüßen? Wäre ein städtisches Feuerwerk für alle nicht ausreichend? In anderen Städten ist das längst der Fall. In Brüssel gibt es beispielsweise schon seit 2000 keine privaten Feuerwerke mehr, im australischen Sydney gibt es ebenfalls nur einige Groß- statt vieler Kleinstveranstaltungen.

Seit zwei Jahren sammelt die Initiative Unterschriften. In diesem Jahr war sie auch schon beim Münchner Umweltreferat sowie auf den städtischen Bürgerversammlungen zu Gast. Dabei habe es viel Zustimmung gegeben, berichtet Schmoll. Bei zehn von zwölf Versammlungen sei eine Mehrheit für einen Antrag gegen private Feuerwerke gewesen. Die Gründer der Initiative stören sich unter anderem an dem vielen Feinstaub, der durch das Feuerwerk entsteht. „Unsere Luft in München ist ohnehin schlecht und stellt ein Gesundheitsrisiko dar“, sagt Schmoll. An Silvester sei es aber besonders schlimm.

Feuerwerk auf dem Schlossplatz in Stuttgart zum Jahreswechsel 2017/2018
Feuerwerk auf dem Schlossplatz in Stuttgart zum Jahreswechsel 2017/2018 Bild: dpa

Tatsächlich entstehen nach Angaben des Umweltbundesamts 4500 Tonnen des Feinstaubs PM10 (Partikel mit einem aerodynamischen Durchmesser von zehn Mikrometer oder kleiner) in der Silvesternacht. Das entspricht 15,5 Prozent der Emissionen, die jährlich durch den Autoverkehr entstehen und 2,25 Prozent aller Emissionen, die 2016 in Deutschland entstanden – größtenteils verursacht in einer halben Stunde. Der zulässige Tagesmittelwert von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter wurde deshalb zum Jahreswechsel 2016/17 an 129 von 320 Messstationen im Bundesgebiet überschritten. Jährlich sind 35 Überschreitungen pro Messstation erlaubt. Geht in der Silvesternacht wenig Wind, der den Feinstaub schnell verteilt, wird vielerorts die erste Ausnahme gleich am ersten Tag des Jahres verbraucht.

Unterstützung bekommt Schmolls Initiative vom Verband der Pneumologen. „Wir sehen mit Sorge, dass die Grenzwerte an Silvester regelmäßig überschritten werden“, sagt Sprecher Michael Barczok, der als niedergelassener Lungenarzt in Ulm tätig ist. „Besonders Asthmatiker und Betroffene der Lungenkrankheit COPD leiden unter der stechenden Luft.“ Viele müssten den Jahreswechsel deshalb drinnen bei geschlossenen Fenstern und Türen abwarten. Aber selbst gesunde Menschen müssten häufig husten. „Der Dreck, der sich an Silvester mit kalter Luft und Nebel mischt, tut niemandem gut“, sagt Barczok. Langfristig schade die schlechte Luft zudem nicht nur der Lunge, sondern auch dem Herz-Kreislauf-System und dem Stoffwechsel. Dabei fürchte doch heutzutage niemand mehr böse Geister, die zum Jahreswechsel mit dem Krach vertrieben werden müssten.

Bild: dpa

Auch die Deutsche Umwelthilfe fordert wegen des Feinstaubs eine Verbannung von Feuerwerkskörpern aus den Städten, der Deutsche Städtetag weist die Forderung jedoch zurück. Es sei zwar richtig, dass Umwelt und Gesundheit von Feuerwerk „in einem gewissen Umfang belastet“ würden. „Daraus die Forderung abzuleiten, Silvesterfeuerwerk an den Stadtrand zu verlagern, geht mir jedoch zu weit“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetages, Helmut Dedy, dem „Handelsblatt“. So nehme man vielen Menschen die Freude an verantwortungsvoll gehandhabtem Feuerwerk.

Auch die Stadt München hat ein Feuerwerksverbot schon ausgeschlossen. Die Städte können ohnehin kein flächendeckendes Verbot aussprechen, der Bund müsste tätig werden. Der Gebrauch von Feuerwerksraketen und Böllern ist durch das Sprengstoffgesetz geregelt und sieht nur ein Feuerwerksverbot rund um Kirchen, Krankenhäuser, Kinder- und Altenheime vor. Die Kommunen haben nur die Möglichkeit, das Böllern aus Brandschutzgründen oder zum Schutz historischer Gebäude in kleinen Gebieten einzuschränken. Davon machen viele Städte Gebrauch: In Bremen darf rund um das historische Rathaus nicht geböllert werden, in Köln steht der Dom unter besonderem Schutz, in München das Nymphenburger Schloss, und in Konstanz dürfen die Raketen nur in sicherer Entfernung von den Fachwerkhäusern in die Höhe steigen.

Zurück bleibt nach dem Knall nur Müll: Allein in München entsorgte die Straßenreinigung am 1.Januar 2018 nach eigenen Angaben 60 Tonnen Silvestermüll.
Zurück bleibt nach dem Knall nur Müll: Allein in München entsorgte die Straßenreinigung am 1.Januar 2018 nach eigenen Angaben 60 Tonnen Silvestermüll. Bild: dpa

Dabei kann Jürgen Schmoll noch mehr Gründe für den Verzicht auf das Feuerwerk nennen, zum Beispiel den Müll, der jedes Jahr entsteht. Allein in München entsorgte die Straßenreinigung am 1.Januar 2018 nach eigenen Angaben 60 Tonnen Silvestermüll. Dann der Tierschutz: Durch ihr empfindliches Gehör seien gerade Hunde und Katzen besonders belastet, teilen Tierschutzverbände mit, bei vielen Wildtieren löse der Krach Panik aus. „Das ist Tierquälerei“, findet Schmoll, der selbst einen Hund hat. „Und Tierquälerei ist in Deutschland verboten.“

Hinzu kommen dann noch die Verletzungen beim Menschen. Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Handchirurgie werden in jedem großstädtischen Krankenhaus zirka 50 bis 60 schwere Handverletzungen behandelt. Die häufigsten Verletzungen seien Verbrennungen, abgetrennte Finger oder Fingerglieder. Viele Verletzungen seien so schwer, dass die Lebensqualität langfristig eingeschränkt sei. Die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft (DOG) weist derweil auf die Gefahr von Augenverletzungen hin. Eine Umfrage an Augenkliniken ergab demnach, dass zum Jahreswechsel 2016/2017 rund 800 Verletzte behandelt werden mussten – fast 40 Prozent waren Kinder und Jugendliche. Bei einem Zehntel der Verletzten sei ein Sehverlust zu erwarten, jeder Zweite war nach Angaben der DOG lediglich Zuschauer oder Passant. Hals-Nasen-Ohren-Ärzte warnen vor Knalltraumata und Gehörschäden.

Wegen dieser Gefahr für „Leben, Gesundheit und körperliche Unversehrtheit“, besonders für Passanten, die von fremden Böllern getroffen werden, hat die Stadt Hannover in diesem Jahr erstmals ein Böllerverbot in einigen Teilen der Innenstadt erlassen. Im vergangenen Jahr habe es zu viele Verletzungen und bedrohliche Situationen gegeben. Die Stadt beruft sich dabei auf das niedersächsische Gesetz zum Schutz der öffentlichen Sicherheit und Ordnung, also auf Gefahrenabwehr. Die Polizei begrüßte das Verbot, sie will in der Verbotszone verstärkt kontrollieren.

Nicht begeistert hingegen ist der Verband der pyrotechnischen Industrie (VPI). Ihm gehen die Verbote schon zu weit. „Man trifft nicht nur die, die über das Ziel hinausschießen, sondern auch alle, die friedlich feiern wollen“, heißt es in einer Mitteilung. Vor dem Jahreswechsel betont der VPI vor allem den Spaß, den Feuerwerke bringen, und gibt Tipps zum sicheren Umgang mit Böllern und Raketen. Die vom Umweltbundesamt berechneten Feinstaubwerte zweifelt der Verband an. Es sei nicht ganz klar, wie diese überhaupt berechnet werden. Und selbst wenn sie zuträfen, belaste Feuerwerk die Umwelt nur kurzfristig. Großflächige Verbote würden die kleine Branche wohl auch finanziell treffen: Nach Angaben des VPI wurden in den vergangenen beiden Jahren je 137 Millionen Euro durch Silvesterfeuerwerke umgesetzt, eine ähnliche Summe wird auch zu diesem Jahreswechsel erwartet.

Jürgen Schmoll beeindruckt diese Zahl nicht. Er und seine Initiative halten an ihrem Traum von einem böllerfreien München fest. Für das nächste Jahr sind schon neue Unterschriftenaktionen und der Besuch von weiteren Bürgerversammlungen geplant. Dabei wollen sie an ihre Mitbürger appellieren, freiwillig auf das Böllern zu verzichten. „Wenn wir genug Unterschriften haben, wollen wir den Bürgermeister besuchen und mit ihm über eine Kampagne sprechen“, sagt Schmoll. Discounter und Baumärkte wollen sie bitten, den Verkauf von Feuerwerken zu überdenken. Am Silvesterabend, sagt Schmoll, könne man sich ein großes Feuerwerk anschauen – oder zum Beispiel eine Friedenskette bilden oder bedürftige Nachbarn besuchen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Anton, Julia
Julia Anton
Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET
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