Dicke Kinder

Mehr Kilos, mehr Karies

Von Peter-Philipp Schmitt
23.07.2008
, 12:30
Wagen mit dem Titel „Dicke Kinder” auf dem Rosenmontagszug durch Mainz
Die Gesundheit ausländischer Kinder und Jugendlicher lässt zu wünschen übrig. Sie leiden häufiger an Übergewicht als ihre deutschen Altergenossen und ihre Mundgesundheit ist wesentlich schlechter. Das zeigt eine Studie des Robert-Koch-Instituts.
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Kinder und Jugendliche aus Einwanderungsfamilien erkranken häufiger an Tuberkulose als ihre deutschen Altergenossen, sie sind stärker von Übergewicht und Adipositas (Fettsucht) betroffen, sie verletzen sich öfter bei häuslichen Unfällen, ihre Impfquoten sind – zum Teil – niedriger, ihre Mundgesundheit ist wesentlich schlechter. Andererseits sind ausländische Kinder und Jugendliche seltener chronisch krank, und sie leiden weniger unter Asthma, Neurodermitis und Heuschnupfen.

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Erstmals hat sich unter anderem das Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin mit dem Gesundheitszustand ausländischer Kinder und Jugendlicher beschäftigt und die Ergebnisse in zwei Berichten („Migration und Gesundheit“ sowie „Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund in Deutschland“) vorgelegt. Einen Migrationshintergrund haben 28,6 Prozent der Kinder und Jugendlichen bis 18 Jahren in Deutschland – auch wenn sie inzwischen einen deutschen Pass haben. Zwischen 1994 und 2003 wanderten allein 506.117 Spätaussiedler unter 18 Jahren ein, erhielten hier dann aber die Rechtsstellung eines Deutschen (Statusdeutscher).

Suizid ist zweithäufigste Todesursache

Unfälle führen die Statistik der Todesursachen im Kinder- und Jugendalter an. Von den 1168 im Jahr 2004 tödlich Verunglückten waren 73 (6,3 Prozent) nichtdeutscher Staatsangehörigkeit. Ähnliche Zahlen gibt es für die Jahre davor. Demnach war der Anteil ausländischer Kinder und Jugendlicher an den Verunglückten nicht überproportional hoch. Allerdings verunglücken sie anteilig häufiger infolge häuslicher Unfälle, deutsche Kinder wurden häufiger Opfer von Verkehrsunfällen.

Ob das genauso gut schmeckt wie ein Hamburger?
Ob das genauso gut schmeckt wie ein Hamburger? Bild: picture-alliance/dpa/dpaweb

Zweithäufigste Todesursache im Jugendalter ist der Suizid. Ein besonders hohes Suizidrisiko haben nach Angaben der RKI-Berichte türkische Mädchen und junge Frauen: Bei den Zehn- bis Siebzehnjährigen ist es fast doppelt so hoch wie bei deutschen Altergenossinnen. Bei Verletzungen durch Unfälle wiederum sind ausländische Jungen besonders betroffen: Sie verletzen sich im Alter von fünf bis 15 Jahren doppelt so häufig wie deutsche Jungen, bei den unter Fünfjährigen liegt die Rate sogar 3,3 Mal so hoch. Besonders gefährdet sind Jungen aus dem Libanon und der Türkei, am seltensten verletzen sich Jungen aus Ländern der früheren Sowjetunion.

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Hohes Kariersrisiko

Um die Mundgesundheit ist es bei ausländischen Kindern und Jugendlichen schlecht bestellt: Nach den Kriterien der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Jugendzahnpflege wurden bei einer Reihenuntersuchung in einer Ruhrgebietstadt mehr als die Hälfte der türkischen Erstklässler (51,7 Prozent) zu Kindern mit hohem Kariesrisiko gezählt, bei den gleichaltrigen Deutschen lag der Anteil bei nur etwas mehr als 20 Prozent.

Statistisch bedeutsame Unterschiede zeigt auch der sogenannte Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS) bei den Impfquoten; für die KiGGS-Studie hat das RKI in einem Zeitraum von drei Jahren bis Mai 2006 in ganz Deutschland 17.642 Kinder und Jugendliche zu ihrem Gesundheitszustand untersucht. Die Quoten der Grundimmunisierung zum Beispiel gegen Tetanus und Diphterie sind bei älteren Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund wesentlich geringer als bei gleichaltrigen Deutschen. Bedeutsam niedriger bei ausländischen Kindern und Jugendlichen ist auch die Impfquote für die zweite Masern- und Mumpsimpfung in der Altersgruppe der Vierzehn- bis Siebzehnjährigen – und das, obwohl jüngere ausländische Kinder sogar häufiger die erste Masernimpfung erhalten als ihre Altergenossen mit deutscher Staatsangehörigkeit.

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Die Ursachen für die unter Migranten verstärkt auftretenden Gesundheitsprobleme sind nach Angaben des RKI vielfältig. Migranten gehören überproportional häufig zu sozial benachteiligten Schichten. Hinzu kommen „psychosoziale Belastungen“ durch die Trennung von der Familie oder Fremdenfeindlichkeit. Es gibt aber auch Unterschiede im Lebensstil, bei den Ernährungsgewohnheiten und den Wertmaßstäben – etwa die Auffassung, kindliches Übergewicht sei ein Zeichen besonderer Gesundheit.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Schmitt, Peter-Philip
Peter-Philipp Schmitt
Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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