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Angehörige von Depressiven

„Doch, man kann auch mal ein Bier trinken gehen“

Von Eva Schläfer
 - 20:41
Der Umzug in die Abgeschiedenheit half Sabine Fröhlich vor mehr als zehn Jahren, die Kontrolle über ihr Leben zurückzugewinnen.

Bei den Fröhlichs kommt man nicht zufällig vorbei. Wer sie besuchen möchte, lässt die Kirche des Dörfchens irgendwo im Bergischen Land – rund 25 Kilometer von Köln entfernt – links liegen, folgt der immer schmaler werdenden Straße an Pferdekoppeln vorbei, und nimmt dann eine Abzweigung, die in einen Wald zu führen scheint. Doch plötzlich tauchen ein paar Dächer auf, und tatsächlich, am Gartenzaun steht die gesuchte Hausnummer.

Der Umzug in die Abgeschiedenheit half Sabine Fröhlich vor mehr als zehn Jahren, die Kontrolle über ihr Leben zurückzugewinnen. 2006 war sie mit Ehemann Michael und den zwei Töchtern nach einem zweieinhalbjährigen Sabbatical im ländlichen Irland in den Kölner Stadtteil zurückgekehrt, in dem sie auch zuvor gelebt hatte. Sabine begann, wieder in ihrer Halbtagsstelle als Verkäuferin zu arbeiten. Die ältere Tochter kam ins vierte, die jüngere ins zweite Grundschuljahr. Michael suchte noch nach einem Job, am besten auch in Teilzeit. „Wir wollten die höchste Welle reiten“, sagt Michael Fröhlich rückblickend. Es kam anders.

Sabine und Michael Fröhlich sind Ende vierzig und seit mehr als 25 Jahren zusammen. Ein paar graue Strähnen durchziehen seine dunklen und ihre etwas helleren Haare, beide haben sportliche Figuren. Im Gespräch erlebt man ein sich vertrauendes und einander zugewandtes Paar. Das ist schon unter gesunden Umständen keine Selbstverständlichkeit. Und erst recht nicht, wenn man über einige Jahre hinweg eine schwere Depression mit in Ehe und Familie aufnehmen musste, „als ungeladenen Gast“, wie es Michael Fröhlich bezeichnet.

„Ich hatte das Gefühl: Ich bin verrückt“

Von jetzt auf eben ist Sabine Fröhlich im Sommer 2006 ihr Alltag zu viel, alleine das Aufstehen am Morgen eine Qual. Banale Entscheidungen wie die, was sie kochen soll, machen sie fertig. „Nicht zu wissen, woher das kommt und was ich dagegen tun kann, war schlimm“, erzählt sie. „Ich hatte das Gefühl: Ich bin verrückt.“ Auch ihr Mann bemerkt die Veränderung schnell. Seine Frau zieht sich zurück, sieht alles schwarz. Der Hausarzt diagnostiziert eine Depression, sie findet nach schwieriger Suche einen Psychotherapeuten. Aber: Besserung bleibt aus, es wird hingegen immer heftiger. Sabine Fröhlich leidet unter schweren depressiven Episoden, die bis zu sechs Wochen andauern, mit einem Einstieg und einem Ausstieg innerhalb von ein paar Stunden. Während einer Episode ist sie zu nichts fähig, hält sich fast komplett in einem abgedunkelten Raum auf. Zwischen den Episoden ist sie ebenfalls nur sehr eingeschränkt für ihre Familie da, ihren Job muss sie aufgeben. Nach einem Jahr der Erkrankung geht es ihr so schlecht, dass sie sich in Absprache mit ihrem Mann in stationäre Behandlung begibt.

Dieser sechswöchige Aufenthalt in der Psychiatrie der Uniklinik Köln ist für Sabine Fröhlich der Wendepunkt. Sie erhält Medikamente, die sie stabilisieren. Sie nimmt die Diagnose Depression an und beginnt, sich mit der Erkrankung aktiv auseinanderzusetzen. Schnell ist der Entschluss getroffen, aufs Land und damit in einen stressfreieren Raum zu ziehen. Das tut die Familie 2008. Am neuen Wohnort kann Sabine Fröhlich ein zurückgezogenes Leben führen – und fühlt sich langsam, aber stetig besser. Die psychotherapeutische Begleitung endet; in einem nächsten Schritt setzt sie die Tabletten ab. Nach und nach lässt sie einzelne Stressfaktoren wieder zu, unter anderem über ehrenamtliche Tätigkeiten in der Schule ihrer Töchter. Die Episoden werden weniger und schwächer; im Jahr 2013 hat sie die bis dato letzte. Heute fühlt sich Sabine geheilt – ohne hundertprozentig ausschließen zu können, dass die Depression zurückkehrt.

Michael Fröhlich stemmt im Alleingang den Alltag

Michael Fröhlich trägt über viele Jahre nicht nur den Großteil der Verantwortung für die gesamte Familie, sondern er stemmt auch fast im Alleingang den Alltag. Als Alleinverdiener arbeitet er nun doch Vollzeit. Gleichzeitig schmeißt er den Haushalt, umsorgt die Töchter – und seine Frau. Dabei kann er zwar auf viel Unterstützung von Familie und Freunden zählen, aber er ist der Leuchtturm, an dem sich die anderen orientieren. Unter Orkan-Bedingungen erreicht er das „volle Level der Funktionalität“, wie er es nennt.

Das Besondere an der Geschichte der Fröhlichs ist: Der Mann, dessen Nachnamen auch Lebensmotto zu sein scheint, macht instinktiv ganz viel richtig. Eine Umfrage der Stiftung Deutsche Depressionshilfe im vergangenen Jahr zeigte, dass rund die Hälfte aller betroffenen Paare von durch die Depression ausgelösten Problemen in der Partnerschaft berichtete. Wissenslücken bei Angehörigen führten häufig zu Fehlinterpretationen, was Rückzug und Gefühllosigkeit des Erkrankten betrifft, so die Stiftung. Michael Fröhlich hingegen gelingt es, das Verhalten seiner Frau immer als Ausprägung ihrer Erkrankung zu verstehen, es nicht zu werten oder gar persönlich zu nehmen. Und er versucht, nicht nur für sie zu sorgen, sondern auch für sich. „Hilfe zur Selbsthilfe, in abgewandelter Form“, so beschreibt es Fröhlich.

Für ihn bedeutet das zum einen, nicht zu glauben, für Sabines Gesundung zuständig zu sein – im Gegensatz zu vielen anderen Deutschen. Laut Umfrage entwickeln 73 Prozent Schuldgefühle gegenüber ihrem erkrankten Partner und fühlten sich für dessen Erkrankung und Genesung verantwortlich. Und zum anderen: Er nimmt sich Auszeiten. Treibt Sport, geht auch mal feiern – für ihn eine große Hilfe. Eindrücklich appelliert er: „Man gerät schnell in die Situation zu sagen, ich kann jetzt nach der Arbeit nicht noch ein Bier trinken, weil zuhause meine kranke Frau ist. Aber doch, man kann. Man sollte sogar. Es hilft der Frau viel mehr, wenn man ab und zu den Kopf frei bekommt.“

Sabine Fröhlich ergänzt, wie wertvoll es für sie war, dass ihre Familie ihr Leben weitergelebt habe. „Die drei miteinander flachsen zu sehen, hat mein Schuldgefühl ein bisschen gemindert.“ Beide Ehepartner machen Angehörigen Mut, die jeweilige Ablenkung für sich zu finden, bei der sie Kraft tanken, Druck ablassen und Balance finden können. Sei es bei einem Kurztrip am Wochenende oder einem Waldspaziergang.

Hört man den Fröhlichs zu, hat man den Eindruck, dass da zwei Menschen gemeinsam gereift sind. Das wiederum haben sie mit gut einem Drittel der Befragten gemein, die rückblickend auch von positiven Erfahrungen berichteten: 36 Prozent der Betroffenen gaben an, dass die Depression die Beziehung zum Partner vertieft und gefestigt habe. Auch ohne Umzug in die Abgeschiedenheit. Für Sabine und Michael Fröhlich war das jedoch genau der richtige Weg.

Quelle: FAZ.NET
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