Epidemiegefahr

Virologe Klenk: Vogelgrippe ist immer noch eine Tierseuche

13.10.2005
, 15:38
Rumänien: Noch ist es eine Tierseuche
Wie groß ist die Gefahr, die vom Vogelgrippe-Virus H5N1 ausgeht? Reicht die Vorbeugung, um eine epidemische Ausbreitung zu verhindern? Antworten von Hans-Dieter Klenk, Leiter des Instituts für Virologie der Universität Marburg.

Das Hochsicherheitslabor der Marburger Instituts für Virologie ist eines der wenigen Einrichtungen weltweit, in denen intensiv an den H5N1-Viren geforscht wird. Institutsleiter Hans-Dieter Klenk und seine Kollegen versuchen vor allem herauszufinden, welche molekularen Tricks der Erreger anwendet, um die natürliche Artbarriere zu überschreiten und neue Tierarten, eingenommen den Menschen, zu infizieren und sich dort vor allem so anzupassen, daß er sich schnell in der Population verbreitet.

Für wie groß halten Sie das Risiko, daß das H5N1-Virus auch Menschen infiziert?

Wir wissen es nicht. Aber wir wissen, daß speziell dieses Virus die deutliche Tendenz hat, Speziesbarrieren zu überschreiten. Man hat es beispielsweise schon bei Tigern im Zoo gefunden, und man hat es etwa Katzen verfüttert, die dann auch schwer erkrankt sind. Die Artengrenze ist also nicht absolut dicht.

Hans-Dieter Klenk
Hans-Dieter Klenk Bild: Uni Marburg

Das Virus grassiert ja offenbar schon viele Jahre lang in Asien, und auch wenn sich schon Hunderte infiziert haben und mehr als sechzig Menschen daran gestorben sind, so steckt sich der Mensch doch verglichen etwa mit einem gewöhnlichen Grippevirus immer noch recht schwer an. Ist das ein Indiz, daß der Sprung zum Menschen letztlich doch schwieriger ist?

Die Viren sind natürlich primär auf einen Wirt programmiert, und das sind bei H5N1 Vögel. Die genetischen Änderungen, die eintreten müssen, damit es sich an einen anderen Wirt anpasst, also auch an den Menschen, sind letztlich doch schon relativ strikt. Die Tatsache, daß das Virus sich im Experiment oder spontan auf einen anderen Wirt übertragen läßt, bedeutet ja auch noch nicht, daß es sich wirklich an diesen neuen Wirt anpaßt. Das ist offensichtlich auch in Asien noch nicht passiert. Es ist noch immer nicht zu nennenswerten Infektionsketten gekommen, beispielsweise zu einer Übertragung von Mensch zu Mensch.

Wie schnell könnte man den Beginn einer solchen Infektionskette feststellen, wenn es soweit wäre?

Wenn Infektionen bei Menschen festgestellt werden, muß zuerst geklärt werden, ob diese Betroffenen Kontakt zu Tieren hatten, oder ob sie sich doch bei anderen Menschen angesteckt haben. Das ist oft nicht ganz einfach festzustellen.

Kann das Tage oder Wochen dauern?

Die Inkubationszeit des Virus ist sehr kurz, in der Regel nur wenige Tage. Es sind auch sehr akute Krankheitsverläufe, deshalb wird man die Erkrankung recht schnell erkennen. Alle Patienten, die an der Vogelgrippe in Asien erkrankt sind, zeigen eine ganz schwere Lungenentzündung, ein sogenanntes akutes respiratorisches Distress-Symptom. Diese Lungenentzündung führt meistens dann recht schnell zum Lungenversagen.

Wie kann man, wenn eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung festgestellt wird, eine weitere Ausbreitung effektiv verhindern?

Wenn eine Infektionskette gesichert ist, ist höchste Alarmstufe. Dann muß man versuchen, die Ausbreitung mit antiviralen Medikamenten einzudämmen. Das sind die Neuraminidasehemmer. Die müßte man so breit wie möglich in dem betroffenen Gebiet einsetzen.

Wird man auch Quarantänemaßnahmen einleiten?

Das ist fraglich, weil die Ansteckungsrate bei Influenza außerordentlich hoch ist. Quarantänen greifen sich nicht so gut bei Sars, wo eine Person in der Regel eine oder zwei Personen angesteckt hat. Die Infektionsrate der Influenza liegt bei fünf oder sechs, so daß die Vogelgrippe durch Quarantäne sicher schwer in den Griff zu bekommen ist.

Sind die eingeleiteten seuchenhygienischen Maßnahmen ausreichend, um eine Epidemie zu verhindern?

Im Moment sind das alles Maßnahmen gegen die drohende Tierseuche. Für die Allgemeinbevölkerung besteht noch immer keine so große Gefahr. Solche Geflügelpestausbrüche wie jetzt sind ja immer wieder aufgetreten in der Vergangenheit, zuletzt vor drei Jahren mit einem H7-Virus in Holland, als ein Veterinär starb. Und es gab Seuchen in Italien, die quasi unbeachtet von der Öffentlichkeit abgelaufen sind.

Das Gespräch führte Joachim Müller-Jung

Quelle: F.A.Z., 13.10.2005
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