Ernährung

Die dicken Kinder von London

Von Sebastian Borger, London
20.03.2005
, 16:56
Kämpft für eine gesündere Nation: Star-Koch Jamie Oliver
An englischen Schulen droht eine Fettleibigkeits-Epidemie, doch der Preisdruck zwingt die Schulküchen weiter zu billigem Fast-Food. Star-Koch Jamie Oliver versucht nun, die Ernährung von Großbritanniens Schulkindern zu reformieren.
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Jamie Oliver schüttelt schweigend den Kopf. Wer die Fernsehsendungen kennt, in denen der 29 Jahre alte britische Star-Koch seine Kunst zeigt, weiß, wie selten solche Momente sind. Oliver kann alles, und am liebsten macht er alles gleichzeitig: singen, fluchen, streiten, während er eine Tomatensauce zusammenrührt oder einen Braten anschneidet. Aber schweigen?

Selten ist es Oliver passiert, daß jemand seine Kost nicht mag, ja vehement ablehnt. Nun hat er für die Jugendlichen der Kidbrooke-Gesamtschule in Londons Südosten gekocht - und das kaum je Dagewesene tritt massenhaft ein: Die Kreationen des Tausendsassas landen dutzendfach im Mülleimer, Schüler organisieren Anti-Oliver-Demos. Das macht den telegenen Küchenchef sprachlos.

„Bessere, gesündere Nation“

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Die Szene gehört zu den Höhepunkten eines Fernseh-Dreiteilers, der in diesen Wochen auf der Insel für Furore sorgt, Parlamentserklärungen provoziert und Druck auf die Regierung erzeugt. Am Beispiel der mittäglichen Schulspeisungen hat Oliver in drastischer Weise zweierlei aufgezeigt: Erstens leben allzu viele junge Briten in einer kulinarischen Wüste, in der Obst und Gemüse, Ballaststoffe und Vitamine unbekannt sind. Und zweitens leisten Kindergärten, Schulen und Regierung dem Mißstand mit billigen Fast-food-Mahlzeiten Vorschub. Dagegen kämpft Oliver mit großer Energie und einfachen Botschaften: „Ich will dazu beitragen, daß wir eine bessere, gesündere Nation werden.“

Obst und Vitamine sind unbekannt
Obst und Vitamine sind unbekannt Bild: Signal Iduna

Der Weg dorthin ist weit. Galten vor zwanzig Jahren erst acht Prozent der Briten als klinisch übergewichtig, so waren es bei der letzten statistischen Erhebung 2001 bereits 21 Prozent der Männer und 23,5 Prozent der Frauen. Was die Erwachsenen vorleben, spiegelt sich in den Kindern wider. Der Anteil fettleibiger Jugendlicher hat sich in den vergangenen 25 Jahren verdreifacht, heißt es in einer Studie der Regierung. Die heranwachsende Generation habe, zum ersten Mal seit Jahrhunderten, eine geringere durchschnittliche Lebenserwartung als die heutige Elterngeneration.

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Jetzt ist Handeln gefragt

Längst organisieren Spezialkliniken Urlaubslager für übergewichtige Kinder. Das Durchschnittsgewicht einer Gruppe von Kindern aus London lag zuletzt bei 80 Kilo. Ein zwölf Jahre altes Mädchen brachte sogar 125 Kilo auf die Waage. Dr. Susan Jebb, die die Gründe für Übergewicht erforscht, warnt zwar vor Panik, immerhin hätten „vier von fünf Kindern normales Gewicht“. Aber eine Fettleibigkeits-Epidemie sei nur noch zu verhindern, „wenn wir jetzt handeln“.

Warum viele Schulen auf der Insel ihre Zöglinge mit „völlig nutzlosem Futter“ (Oliver) abspeisen, erfuhr der Küchenchef im Gespräch mit seinen Kolleginnen in den Schulküchen. Vielerorts stehen diesen pro Kind und Mahlzeit umgerechnet kaum 70 Cent, in Extremfällen sogar nur 55 Cent zur Verfügung. Mit solchen Budgets, das erlebte Oliver am eigenen Leib, können Schulküchen gar nichts Besseres bieten als billiges Fast food.

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Wachsende Besorgnis

Die Furore um Olivers Fernsehsendung trifft mit der wachsenden Besorgnis über die Gesundheitsprobleme britischer Kinder zusammen. Winston Churchill hatte noch den Nutzen gesunder Ernährung beschworen: „Es gibt keine wichtigere Investition, als Babys Milch einzuflößen.“ Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Schulspeisung landesweit eingeführt, Grundschulkinder erhielten außerdem kostenlos täglich 150 Milliliter frische Milch.

Margaret Thatcher machte damit Schluß, strich die Milchration und veränderte die Grundlage für die Schulspeisung: Was bis dahin als Gesundheitsmaßnahme die Förderung der Regierung genossen hatte, wurde Ende der achtziger Jahre zu einer kommerziellen Unternehmung. Die Folge: Durch den Preisdruck sank erst die Bezahlung und damit der Status der Schulköchinnen, später auch die Qualität der Mahlzeiten.

Höchstgrenzen für Schulspeisen

Die Labour-Regierung hat daran auch nach acht Jahren Amtszeit noch nichts Grundlegendes verändert. Zwar erhalten Vier- bis Sechsjährige seit einigen Jahren täglich ein Stück Obst. Das Mittagessen, gerade für arme Schüler oft die einzige warme Mahlzeit des Tages, besteht aber noch immer allzuoft aus fettigen Fritten und süßen Nachspeisen. Immerhin: Ein Diskussionspapier der Regierung forderte im Herbst Lebensmittelproduzenten und Fast-food-Ketten dazu auf, der Überfettung des Nachwuchses entgegenzuwirken. Mitte 2006 sollen verbindliche Standards folgen; dann werden für Schulspeisungen Höchstgrenzen für Fett-, Salz- und Zuckergehalt vorgeschrieben.

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Die Nahrungsmittelindustrie, Restaurantketten und Einzelhändler spüren den Druck schon jetzt. Der britische Chef von McDonald's, Peter Beresford, gestand kürzlich ein, seine Firma habe die veränderten Bedürfnisse der Konsumenten zuletzt nicht genau genug registriert: „Wir hätten in den letzten zwei, drei Jahren schneller reagieren können.“ Dabei besteht die Nachfrage nach gesünderer Nahrung schon längst, auch unter Fast-food-Kunden. Seit McDonald's vor achtzehn Monaten daraus Konsequenzen zog, hat der Hamburger-Brater allein in Großbritannien 10 Millionen Obst-Tüten verkauft.

Widerstand gegen Oliver-Experiment

Und Olivers Projekt stieß zwar bei den Jugendlichen zunächst auf Ablehnung. Inzwischen aber haben 30 Schulen die Ernährung von 20.000 Kindern im Stadtbezirk Greenwich umgestellt, mit erstaunlichen Folgen: Die Lehrer sprechen von besserer Konzentrationsfähigkeit und daraus resultierenden besseren Leistungen der Schüler. Eine Schul-Krankenschwester berichtet, sie habe seither „keinen einzigen Asthma-Patienten“ mehr betreuen müssen.

Widerstand gegen das Oliver-Experiment kam bei weitem nicht nur von den Kindern. „Ich war ziemlich überrascht von der Feindseligkeit vieler Eltern“, berichtet der Star-Koch. Um die Kinder zu überzeugen, bezog er die Lehrer mit ein, entwarf ein einwöchiges Schulprojekt über Nahrungsmittel, ihre Zubereitung und ausgewogenes Essen, beteiligte ganze Klassen an der Vorbereitung ihres Mittagessens. Der Erfolg dieser Taktik läßt Oliver für die Zukunft hoffen, er werde mit Hilfe der Kinder auch die Erwachsenen auf seine Seite ziehen: „Diese Generation von Kindern könnte ihren Eltern allerlei beibringen.“

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 20.03.2005, Nr. 11 / Seite 16
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