Fragen und Antworten

Ein Ebola-Ausbruch ohne Beispiel

Von Morten Freidel und Lucia Schmidt
03.08.2014
, 10:51
Bluttests in Sierra Leone: Traf das Virus bisher vor allem die breite Bevölkerung, steigt jetzt auch die Zahl der Infektionen beim medizinischen Personal; 60 Helfer sind laut WHO bereits gestorben
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Machtlos schauen wir Europäer auf die Epidemie in Afrika – und stellen uns bange Fragen. Warum erreicht die Seuche dieses Ausmaß? Und: Was heißt das für uns?
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Das Ebola-Virus hat Westafrika fest im Griff. Daran hat es in der vergangenen Woche keinen Zweifel gelassen. Nach Guinea, Sierra Leone und Liberia hat der Erreger auch Nigeria erreicht; dort sind Verdachtsfälle aufgetaucht. In Lagos starb ein Mann, der mit dem Flugzeug aus Liberia gekommen war; ob oder wie viele Menschen er auf seiner Reise angesteckt hat, wird die Zeit zeigen. Zwei bis 21 Tage kann es dauern, bis sich eine Ebola-Infektion mit unspezifischen Symptomen wie Fieber, Kopfschmerzen oder Übelkeit bemerkbar macht. Anschließend kann es zu Durchfall, Erbrechen und Blutungen kommen. Viele Patienten sterben schließlich an Herz-Kreislauf- oder Nierenversagen.

Unaufhaltsam wandert der Erreger seit Wochen in Westafrika von Mensch zu Mensch, von Stadt zu Stadt, von Land zu Land – allen Aufklärungskampagnen in Form von Plakaten, Medienaufrufen und Gesprächen zum Trotz.

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Ende März hatte Guinea als erster Staat einen Ebola-Ausbruch gemeldet. Wenige Tage später berichtete das Nachbarland Liberia von Erkrankten. Dann traten auch in Sierra Leone Ebola-Fälle auf. Jetzt in Nigeria. Großbritannien meldete Mitte der Woche einen Verdachtsfall bei einem Briten, der aus Westafrika zurückgekehrt war. Stunden später folgte die Entwarnung.

Der größte bekannte Ausbruch

Traf das Virus bisher vor allem die breite Bevölkerung, steigt jetzt auch die Zahl der Infektionen beim medizinischen Personal: Sowohl anerkannte Ärzte, darunter ein bekannter Infektiologe, als auch mehrere Krankenschwestern und Pflegehelfer kostete die Infektion in den vergangenen Tagen das Leben. Als Reaktion auf diese wachsende Bedrohung erwägen erste Hilfsorganisationen, ihre Mitarbeiter aus den betroffenen Gebieten zurückzuziehen. Als erste internationale Fluggesellschaft strich die Airline Emirates alle Flüge in die betroffene Region. Auch die Behörden der westafrikanischen Staaten, denen manche Beobachter zu spätes Handeln vorwerfen, griffen diese Woche nun durch.

Die Regierung von Sierra Leone rief den nationalen Gesundheitsnotstand aus und stellte ganze Gebiete unter Quarantäne. Allen ankommenden Passagieren wird am Flughafen die Körpertemperatur gemessen. Häuser werden nach Bewohnern mit verdächtigen Symptomen durchsucht. In Liberia werden Schulen und Märkte geschlossen. Menschen, die nicht unbedingt zur Arbeit müssen, sollten zu Hause bleiben, hieß es. Grenzübergänge wurden geschlossen. Das Leben in den Ländern ist stillgelegt. Ausgesetzt. Von dem Virus bestimmt.

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Experten sprechen von einer „beispiellosen Epidemie“, von einer „Situation außer Kontrolle“, von dem „größten bislang bekannte Ausbruch“. Die Fakten belegen das: Den ersten großen Ebola-Ausbruch gab es 1976 in Zaire, heute Demokratische Republik Kongo. Er kostete 431 Menschen das Leben. In den vergangenen zwanzig Jahren kam es vor allem in Uganda und in Kongo zu schweren Ausbrüchen mit mehr als 200 Toten. Bei der aktuellen Epidemie allerdings sind nach Zahlen der WHO jetzt schon mehr als 1.300 Menschen an dem Virus erkrankt, rund 730 an ihm gestorben. Die Dunkelziffer, glaubt man Experten, liegt allerdings noch höher.

Was nach Zahlen und Fakten bleibt, sind Fragen:

Warum nimmt gerade dieser Ausbruch solche Ausmaße an?

Die betroffenen Regionen sind zwar arm, haben aber überdurchschnittlich gute Transportwege. Diese werden von der Bevölkerung viel genutzt, weil die meisten Stämme in der Gegend grenzübergreifend leben; der dichte Verkehr hat die Ausbreitung der Seuche sicher begünstigt. Ein weiterer Grund dürfte der ausgeprägte Totenkult in Westafrika sein. Viele Menschen umarmen oder küssen ihre an Ebola verstorbenen Angehörigen. Diese allerdings sind über Körperflüssigkeiten hochansteckend. Dazu kommt, dass Ebola in Westafrika zum ersten Mal auftritt; ein Großteil der Bevölkerung dürfte überfordert sein. Ein Grund, warum vielen ausländischen Helfern mit Misstrauen begegnet wird.

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Sind wir in Europa auch bedroht?

In einer Risikoeinschätzung des „Europäischen Zentrums für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten“, welche das Robert-Koch-Institut veröffentlicht hat, wird die Gefahr einer Infektion für Bürger der EU durch Reisende als unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich eingeschätzt. Das Auswärtige Amt in Deutschland rät von „nicht notwendigen Reisen nach Liberia, Sierra Leone und Guinea“ ab; Amerika hat eine Reisewarnung für die Region ausgesprochen.

Das Virus wird über den Kontakt mit Körperflüssigkeiten wie Spucke, Schweiß oder Blut übertragen. Über die Luft wird der Erreger hingegen nicht übertragen. Wegen unseres hohen hygienischen Standards, guter Infrastruktur und moderner Gesundheitsversorgung halten Experten einen Ebola-Ausbruch hier für ausgeschlossen.

Welche Strategie hilft jetzt?

Am wichtigsten ist das sogenannte „contact tracing“, also herauszufinden, welche Personen mit bestätigten „Ebola-Fällen“ Kontakt hatten. Das ist am ehesten möglich, indem man die Patienten auf den Isolierstationen fragt, mit wem sie zu tun hatten. Diese sogenannten Kontaktpersonen sollten die Hilfskräfte vor Ort dann 21 Tage lang beobachten; so lange nämlich dauert die maximale Inkubationszeit der Krankheit. Treten in dieser Zeit Symptome wie Fieber auf, sollten die betreffenden Personen in eine Isolierstation gebracht werden. Treten keine auf, kann man davon ausgehen, dass die Person sich nicht infiziert hat.

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Müssen Behörden in den betroffenen Gebieten mehr tun?

Die Behörden von Guinea, Liberia und Sierra Leone haben schon länger Aufklärungsplakate verteilt und nationale Telefonhotlines eingerichtet, bei denen sich die Bevölkerung im Falle einer Infektion melden kann. Das Problem ist nur: Viele nehmen die Hilfen nicht in Anspruch. Es fehlt an Ausstattung, Ressourcen und Geld – an einem funktionierendem Gesundheitssystem. Die Regierungsbehörden benötigen mehr Ambulanzen und mehr Schutzkleidung, um ihre Helfer besser vor Infektionen zu schützen. Das am Freitag angekündigte Notfallprogramm der Weltgesundheitsorganisation mit einem Volumen von insgesamt 75 Millionen Euro ist deshalb ein sinnvoller Schritt.

Sollten weitere Helfer ins Land geschickt werden?

Unbedingt. Den Hilfsorganisationen fehlt viel Personal; oft betreuen fünf bis zehn Helfer ganze Landstriche. Weitere Ärzte, Epidemiologen, Logistiker, aber auch Psychologen, die die Bevölkerung vor Ort aufklären, könnten viel zur Eingrenzung der Seuche beitragen. Werden alle Schutzmaßnahmen konsequent von allen beachtet, ist die Ansteckungsgefahr für die Helfer gut kalkulierbar. Oft aber führen Übermüdung, Überarbeitung, versehentliche Nadelstiche, Hitze sowie Ressourcen- und Zeitknappheit zu einer Missachtung der Schutzmaßnahmen und Verhaltensregeln. Besonders das Wechseln der Schutzanzüge ist eine kritische Situation. Auch Helfer ohne entsprechende fachliche Ausbildung sind dringend erforderlich. Sie können im Hintergrund mitwirken, ohne sich den Gefahren direkt auszusetzen.

Wie hat man vergangene Epidemien in den Griff bekommen?

Mit denselben Maßnahmen, die internationale Hilfsorganisationen und Regierungsbehörden derzeit umsetzen. Einen Ebola-Ausbruch in diesem Ausmaß hat es aber noch nie gegeben. In den vergangenen Jahren waren die Seuchen lokal begrenzt, und es gab deutlich weniger Infizierte. Die Ärzte hatten deshalb schnell einen Überblick, wer zu den Infizierten Kontakt hatte. Nach einer Faustregel der Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ sind das in der Regel zehn bis 15 Personen. Bei 419 allein in Sierra Leone bestätigten Ansteckungen wären es also mindestens 4.190 Risikofälle. Und in den ländlich geprägten Gegenden ist es schwer, alle Verdachtsfälle ausfindig zu machen.

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Wie behandelt man Ebola?

Bei einer Ebola-Infektion gibt es bisher keine ursächliche Therapie. Man kann nur die Symptome intensivmedizinisch behandeln: Infusionen, Fiebersenkung, Dialyse.

Ist eine Impfung in Sicht?

Bisher nicht offiziell. In Anbetracht der Lage will die amerikanische Gesundheitsbehörde, wie Medien meldeten, bald aber einen noch nicht zugelassenen Impfstoff gegen den Krankheitserreger erstmals an Menschen testen. Erste Ergebnisse an Affen seien positiv verlaufen. Seit langem forschen Wissenschaftler schon an einem Impfstoff. Bisher hatte aber noch kein Mittel das Stadium der Tierversuche verlassen.

Wie will man zukünftige Ausbrüche verhindern?

Sinnvoll wäre die Schulung Einheimischer in der Früherkennung. Damit schneller versorgt und isoliert werden kann. Dieses Zeitfenster müsste man effektiver nutzen. Außerdem sollte die Regierung Sorge tragen, dass Buschfleisch von Affen oder Flughunden nicht mehr konsumiert wird. Beide sind Träger des Virus; das kontaminierte Fleisch ist in vielen Fällen Ursache für eine Ebola-Epidemie. Es wäre ebenfalls hilfreich, die Bevölkerung in einfachen Hygienestandards zu schulen. Wer die Toten nicht berührt und sich regelmäßig die Hände wäscht, senkt das Ansteckungsrisiko deutlich.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Freidel, Morten
Morten Freidel
Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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Lucia Schmidt - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Lucia Schmidt
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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